Soldat der Zukunft: Der Mensch als Systemkomponente im militärischen Datenverbund

Ute Bernhardt

Der Beitrag ist erschienen im "Friedensforum", dem Rundbrief des Netzwerk Friedenskooperative, Bonn, Heft 2/1997


"Der Soldat als System" ist die Antwort auf die Frage, wie sich die US-Armee den Infanteristen der Zukunft vorstellt. Nicht die bessere Bewaffnung, sondern die computergestützte Anbindung an das militärische Datennetz ist das Ziel des Ansatzes für die Armee des 21. Jahrhunderts. Den einzelnen Soldaten als letzte noch nicht direkt kontrollierte Einheit der Kriegsführung an die Kommando- und Kontrollnetze anzubinden, verdeutlicht das Ziel, die Kontrolle über das gesamte Geschehen auf dem Schlachtfeld zu gewinnen.

Während Waffen- und Aufklärungssysteme durch ihre Verkopplung mit dem Kommando- und Kontrollnetz gekennzeichnet sind, blieb der einzelne Soldat dagegen lange Zeit weitgehend abgekoppelt und unkontrolliert. Dies ändert sich jedoch in grundlegender Weise.

Interaktion von Mensch und Maschine

Die zunehmende Komplexität militärischer Technik führte nach dem Zweiten Weltkrieg zur Erforschung der Interaktion von Mensch und Maschine. Die Leistungsfähigkeit des Soldaten sollte durch einen passenden Zuschnitt von Technik erweitert werden. Verbesserte Interaktionsformen wie etwa Spracheingabe oder Helmdisplays sollten die Bedienung von Maschinen erleichtern. Mit künstlichen Sensoren etwa zur Detektion von ABC-Waffen oder Nachtsichtgeräten sollte der Soldat an neue Bedingungen angepaßt werden.

Telekommunikative Anbindung

In den 90er Jahren kam es dann zu einem Wechsel in der Ausrichtung der Programme. Von der Weiterentwicklung individueller Ausrüstung und Fähigkeiten verschoben sich die Entwicklungsziele zur telekommunikativen Unterstützung und vor allem Anbindung des Soldaten an das Kommando- und Kontrollnetz. Einen Prototyp für die meisten späteren Programme stellt dabei eine Studie der britischen Computerfirma Scicon aus dem Jahr 1984 dar. Umgesetzt wurden diese Ideen allerdings erst im 1989 begonnenen Soldier Integrated Protective Ensemble (SIPE)-Programm in den USA.

In den im Anschluß an SIPE aufgelegten Programmen "The Enhanced Integrated Soldier System (TEISS)" und Land Warrior I und II, die bis 2001 bzw. 2010 zu einsatzbereiten Systemen führen sollen, steht die Vernetzung des Soldaten im Mittelpunkt. Der "Kampforganismus" als Ganzes, der Verbund verschiedener militärischer Einheiten, rückt in den Mittelpunkt des Interesses, dem die Entwicklung des "Soldaten-Systems" untergeordnet wird.

Als Mittel dazu und Ergebnis von SIPE verfolgt die U.S. Army im Land Warrior Program nun die Entwicklung eines "Soldier's Computers", der jedem Soldaten hohe Computerleistung in der Größe einer Zigarettenschachtel zur Verfügung stellt. Der Prototyp des Militär-PC's wurde von der Firma Texas Microsystems ausgeliefert. Für die Ausstattung der zweiten Generation erhielt Motorola einen Auftrag über 44 Mill. Dollar. Der Soldat erhält Befehle und Daten und liefert - zum Teil automatisch - seinen Befehlshabern Videobilder, Positions- und Telemetriedaten über seinen physischen Zustand und den seiner Waffensysteme. Das Schlachfeld wird zum Intranet, aus dem der Soldat Einsatzdaten multimedial aufbereitet bezieht.

Die Funktion einer computerunterstützten vernetzten Kampfgruppe wurde bereits in Übungen erprobt. Kampfauftrag und detaillierte Lageinformationen wurden den Soldaten per Datenfunk fernübermittelt, wodurch sie nicht die Ausgangsbasis aufsuchen mußten. Die übermittelten Aufklärungsfotos und -daten verbesserten die Nutzung des Terrains und die Orientierung. Die Beweglichkeit wurde durch eine verbesserte Kommunikation von Soldat zu Soldat innerhalb der Kampfgruppe erhöht, gleichzeitig konnte die Gruppe in ausgedehnterer Formation vorrücken und sich auch verständigen, wenn sie in Deckung war. Die von allen vorliegenden Positionsdaten verminderten die Gefahr eines Beschusses durch eigene Soldaten. Ein Überfall auf einen Gegner wurde simuliert, bei dem die Gruppe - trotzdem sie weit auseinandergezogen operierte - unbemerkt blieb, koordiniert vorging und in ihrer Kampfleistung wesentlich effektiver war.

Über den Ausgang des Gefechts war die Kommandostelle natürlich unverzüglich im Bilde. Diese Schilderung macht plastisch, was unter der "letzten vernetzten Zelle im taktischen Kampforganismus" zu verstehen ist.

Erprobt wird das umfassende Zusammenwirken verschiedener neuartiger Komponenten des Kommando- und Kontrollnetzes bei gepanzerten Einheiten und Infanteristen sowie die unter dem Titel Force XXI zusammengefaßten "Konzepte des 21. Jahrhunderts" durch eine besondere Experimentiereinheit (Experimental Force, EXFOR), in die 1994 die zweite gepanzerte Division in Fort Hood, Texas, umgewandelt wurde. Die Division wurde restrukturiert und vollständig mit Computern ausgerüstet, um ein zwischen allen Ebenen interoperables Datennetz in der realitätsnahen Manöverpraxis zu erproben. Zusätzlich sollen verbesserte Mittel zur "power projection" sowie Waffen getestet werden, die kleineren Vorausabteilungen eine höhere Feuerkraft zur Verfügung stellen. Wichtig ist für die Army außerdem der Ausbau der Telemetrie und der Telemedizin, um zum einen die Vitaldaten der Soldaten telemetrisch zu verfolgen und zum anderen eine bessere und schnellere medizinische Versorgung für Verwundete zu gewährleisten.

Trotz aller Überlegungen, ob und wie sich die Führung von Kriegen durch ein komplett integriertes Datennetz verändern wird, soll es auch weiterhin bei einer zwar veränderten, aber zentralisierten Struktur bleiben. Das neue Paradigma geht von einer Informationsverteilung aus, die als "Smart Push/Warrior-Pull" beschrieben wird. Der Warrior, also der Kämpfer, sucht sich Informationen, die Führung stellt sie zusammen und gibt sie weiter. Nur: Informationen erhält der Kämpfer weiterhin nach dem "need-to-know"-Prinzip. Er erhält also nur das, was er wissen darf und soll, womit die Wissens-Hierarchien erhalten bleiben. Die Führung arbeitet mit dem selektiven intelligenten Verteilen von Information (Smart Push), um zum entscheidenden Zeitpunkt Vorteile zu erlangen.

Die wichtigste Konsequenz des militärischen Wandels ist nicht die Restrukturierung großer Armee zu vernetzten Strukturen, sondern das Zusammenwachsen der Informationsflüsse in zentralen Befehlsständen und die selektive Verteilung dieser Daten.

Die mechanisierte Armee erhöhte ihre Operationsgeschwindigkeit durch die Motorisierung der Fortbewegung. Die informatisierte Armee verkoppelt Menschen und Waffentechnik zu einem aus Teilsystemen gebildeten komplexen militärischen Gesamtsystem mit dem Anspruch, vom Kommandozentrum bis zum einzelnen Soldaten genauso wie zur einzelnen "intelligenten" Mine das Gesamtgeschehen im Griff zu behalten. Datennetze ermöglichen die Vernetzung verschiedenster Mensch-Maschine-Systeme zu einem System der Systeme, in dem das Schlachtfeld modelliert und manipuliert wird. Der Nutzen dieses Modells besteht darin, auf verschiedenen Ebenen zu Entscheidungen im realen Geschehen zu gelangen. Doch dieser digitale Sandkasten ist interaktiv. Darin wird nicht nur Realität abgebildet, Befehle im Modell werden zu realen Kampfhandlungen. Das reale Schlachtfeld wird zu einem Teil des Systems.

Bewertung

Die Pläne für den digitalisierten Soldaten des 21. Jahrhunderts existieren derzeit nur in den USA als Bestandteil der neuen militärischen Doktrin des "Information Warfare". Die Bundeswehr beobachtet diese Entwicklung aufmerksam.

Das Ideal ist ein High-Tech-Krieger, ein speziell trainierter und ausgerüsteter Experte auf dem digitalen Schlachtfeld. Dieses Konzept eignet sich nicht für eine Armee von Wehrpflichtigen oder Massenheere, sondern für Spezialtrupps und Einzelkämpfer. Die Aufrüstung mit High-Tech steigert den Kampfwert des einzelnen Soldaten, indem sie Flexibilität, Mobilität und Überlebensfähigkeit erhöhen. In Zeiten von Mittelkürzungen und Personalabbau ist dies ein geeignetes Mittel zur Abrüstungskompensation.

Der medial kontrollierte Verbund von Mensch und Maschine ist das heutige Paradigma militärischer Organisation. Das Kommandonetzwerk dieses Verbundes soll dem Befehlshaber sowohl den Überblick liefern als auch den Durchgriff auf die einzelnen Teile ermöglichen und damit auch auf der Ebene global ausgetragener Konflikte jene Perspektive wiedererlangen, die der Feldherrenhügel bot.

Die erhöhte Kampfkraft in Verbindung mit einer gesteigerten Übersicht über das Schlachtfeld ist eine Vorbedingung für den Einsatz militärischer Kräfte in Konfliktfällen. Statt einer politischen Problemlösung wird eine militärische präferiert.



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