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Die Oberen sagen: Friede und Krieg Sind aus verschiedenem Stoff. Aber ihr Friede und ihr Krieg Sind wie Wind und Sturm. Der Krieg wächst aus ihrem Frieden
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Der militärische Einsatz von Simulationen beginnt nicht erst mit der Erfindung von
Computern. Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurden beispielsweise beim preußischen Militär
Planspiele sowohl zur Entwicklung von Strategien für das Schlachtfeld, als auch zur
Offiziersausbildung eingesetzt. Doch heute - wie sollte es anders sein - dienen
Computersimulationen als wesentliche Hilfsmittel für militärische Forschung und
Entwicklung (ein aktuelles Beispiel hierfür sind Computersimulationen nuklearer
Explosionen; vgl. Kalinowski 1996) sowie zur Leistungssteigerung bestehender
Waffensysteme. Weitere wesentliche Anwendungsfelder sind computergestützte
Stabsübungen, wo u.a. Truppenbewegungen simuliert werden, sowie militärisches Training
und Ausbildung (vgl. auch Neuneck 1995).
Vor allem zu letztgenanntem Zweck gibt es beim Militär eine Vielzahl computergestützter Waffensystem- und Kampfsimulatoren. Ihre technische Ausgestaltung reicht vom einfachen Bildschirmgerät über "Simulationsboxen" bis zu hydraulisch bewegten Flugsimulatoren. Letztere sind inzwischen oft als originalgetreue Nachbildungen des Cockpits der jeweiligen Flugzeugtypen gestaltet - mit sechs Bewegungsfreiheitsgraden und der für Flug, Sicht, Navigation und Kampf benötigten Avionik. "Echtheit" (Fidelity) wird - nicht zuletzt im Bereich der Kampfausbildung - als ein wesentliches Kriterium militärischer Computersimulationen betrachtet und entsprechend berücksichtigt: "Ein Flug in einem modernen Flugsimulator gibt die Verhältnisse im Flugzeug mit großer Naturtreue wieder, die nicht nur die Flug- und Steuerbewegungen wirksam werden und die Bordinstrumente anzeigen läßt, sondern auch durch Motoren- bzw. Triebwerkslärm, das Pfeifen des Windes um die Kabine, Veränderungen der Beleuchtung beim Durchfliegen von Wolken, Bordwaffengeräusch, Bombeneinschläge und das Kreischen der Räder beim Aufsetzen auf die Landebahn die Bedingungen für eine Übungsituation schaffen soll, die der Wirklichkeit nicht nachsteht" (Gerathewohl 1987, S.329f). Weiterentwicklungen von Computersimulationstechnik finden u.a. statt im Hinblick auf
Den ersten militärischen Einsatz hatte eine primitive Version von PowerScene bereits
während des Golfkrieges, wo Soldaten vor dem Abflug am Computerbildschirm ihre Ziele
studierten. Bekannt geworden ist PowerScene jedoch vor allem in Zusammenhang mit dem
Krieg im früheren Jugoslawien - und dies in zweierlei Hinsicht: Zunächst wurde das System
in der NATO-Luftwaffenbasis in Aviano, Italien, zur Einsatzvorbereitung von Kampffliegern
für ihre Bombenangriffe auf serbische Ziele genutzt. Kurze Zeit später kam PowerScene dann
bei den Dayton-Verhandlungen zur Visualisierung von potentiellen Grenzverläufen zum
Einsatz.
Ursprünglich wurde Cambridge Research Associates von der U.S. Navy beauftragt, einen "3-dimensional terrain visualization flight simulator" für Navy-Piloten zu entwickeln. Während
der Entwicklungsphase stieg dann 1994 die Defense Mapping Agency (DMA;
kartographische Abteilung des U.S.-Verteidigungsministeriums) in die Entwicklung mit ein
und betrieb seither insbesondere auch die Integration von PowerScene mit anderen DMA-Produkten. Aufgabe der DMA war es, exakte Landkarten beliebiger Gegenden sowie
weltweite Geoinformationen für die U.S. Army aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen.
Seit 1. Oktober 1996 ist die DMA gemeinsam mit einer Reihe anderer militärischer und
geheimdienstlicher Einrichtungen (z.B. dem Central Imagery Office, dem Defense
Dissemination Program Office und dem National Photographic Interpretation Center des
CIA) in der neu geschaffenen National Imagery and Mapping Agency (NIMA) aufgegangen -
als Einrichtung zur Gefechtsunterstützung des Department of Defense (DoD; amerikanisches
Verteidigungsministerium) und zur Unterstützung der amerikanischen Geheimdienste.
Laut Vic Kuchar (DMA) war die Bereitstellung von PowerScene in der Aviano Air Base
überaus erfolgreich: nach kurzer Zeit sei kein Pilot mehr gestartet, ohne den Einsatz vorher
daran zu proben. Der Hardware-Hersteller Silicon Graphics wirbt auf einem Faltblatt für die
Kombination seiner Onyx-Rechner mit PowerScene ausführlich mit der Schilderung eines
Kampfeinsatzes in Bosnien. Unter der Überschrift "Creating the Virtual Attack" findet sich
folgende Beschreibung (Silicon Graphics 1995, S.1f):
| "In the early morning on a hot august day, a flight leader from a U.S. squadron enters a
secure building near Italy's Adriatic cost to be briefed for the day's mission. An
ammunition depot in eastern Bosnia is his designated target. The rules of engagement are
stringent: No collateral damage. No civilian casualties. Strike only the target. His four-plane flight of F-16's will be coming up on the target at 650 miles per hour. He will have a
few seconds to make a strike / no strike decision.
Inside the Intelligence Center, the flight leader sits before a computer display that presents a high-fidelity view of the flight path he will take today. The topography and landmarks are precisely accurate. Below the windscreen, he sees a synchronized plan view of the flight path showing map coordinates. The pilot uses a joystick to guide himself up a steep Bosnian valley to the target. He repeats the run, experimenting with headings, altitudes, and maneuvers. At 15,000 feet, 16 miles from the target, he freezes the image, studies target pointers - a bridge, a village, a cluster of trees - and prints full-color copies of the scene. He flies to seven miles from the target, freezes the image again, and calls up a six-degree view up the narrowing valley. He orders more color prints, closes to four miles, and freezes the image again - this time with the target in plain view. He orders a final set of prints and a videotape of the simulated flight, and leaves the building. An hour later, after he and three other pilots have reviewed the tape and verified the target coordinates, they fly the mission with the color prints in their laps. There are clouds in the valley but they identify the target with confidence and drop with accuracy." |
In dem Text sind einige wesentliche Aspekte enthalten, die das System charakterisieren:
"Strike only the target" verweist auf Präzision als zentrales Kriterium - diese gilt es zu
erreichen. Die Überzeugung, daß dies mit Hilfe von PowerScene besser gelingt, drückt sich
auf dem Faltblatt in einer Reihe von begeisterten Zitaten aus, z.B. sagte ein Pilot:
"PowerScene helps us recognize the target faster and gives the angle we'll be looking from.
That can make the difference between dropping and not dropping. The bottom line is, a
higher percentage of our bomb runs have been successful" (Silicon Graphics 1995, S.2). Die
zweite Botschaft der Geschichte lautet "high-fidelity" - die Darstellung wirkt wie echt. Der
Pilot befindet sich schon in jenem Tal und im Anflug auf das Ziel - mit dem einzigen
Unterschied - und das ist die dritte Botschaft -, daß er ausprobieren und experimentieren
kann. Er benutzt dazu einen Joystick - das klassische Eingabegerät für Computerspiele. Und
die eigentliche Mission ist nach dieser intensiven Vorbereitung - so lautet die vierte Botschaft
- ohnehin fast ein Kinderspiel: Die Abweichungen der Realität vom Spiel seien
vernachlässigbar. Fazit der Geschichte: Der Einsatz von PowerScene im Training und in der
Einsatzvorbereitung ist das Mittel der Wahl für präzise ("chirurgische") Militärschläge in
einem "sauberen" Krieg.
Die Vermarktung von PowerScene am Beispiel der Kampfeinsätze in Ex-Jugoslawien ist
somit die kongeniale Fortsetzung des im Golfkrieg geprobten Images eines sauberen
technisierten Krieges. Für den Golfkrieg wie für den Krieg im ehemaligen Jugoslawien gilt:
Kriegshandlungen seitens der internationalen Truppen werden als gerecht und als notwendig
im Sinne der "neuen Weltordnung" bezeichnet. Die verwendeten Feindbilder richteten sich
v.a. gegen spezifische Personen, die für ihre Völker angeblich verderblich wirken. Durch die
Verwendung der Bezeichnung "chirurgische" Maßnahmen - ein zunächst positiv besetzter
Begriff - wird der Eindruck erweckt, es ginge darum, so etwas wie ein Krebsgeschwür zu
entfernen. Damit würde dann das erklärte Ziel, Frieden zu schaffen, erreicht - Irrtum,
Selbsttäuschung oder Propaganda?
Die Kriegsherren aus Kroatien, Bosnien und Serbien waren teilweise regelrecht schockiert
über die Detailgenauigkeit der Darstellung - auch bei PowerScene wird (wie bei GPS) einmal
mehr der Unterschied zwischen ziviler und militärischer Verwendung deutlich: Die Bilder
militärischer Aufklärungs- und Spionagesatelliten sind wesentlich feiner aufgelöst und lassen
die virtuelle Welt ungleich realer erscheinen (vgl. auch Corson & Minghi 1996). In mehreren
Zeitungen wurde berichtet, wie einer der Präsidenten das Haus seiner Großeltern ausmachte,
ein anderer "flog" einen Fluß entlang, in welchem er als Kind gefischt hatte (z.B. Freund
1995, Watters 1996). In der Berichterstattung wurden manche Szenen des Einsatzes von
PowerScene bei den Dayton-Verhandlungen regelrecht episch beschrieben, wie das folgende
Beispiel der New York Times vom 23. November 1995 zeigt (Sciolino, Cohen & Engelberg
1995):
| The wine was drunk, a lavish lobster dinner eaten, and it was time to resolve one of the
most delicate issues in the Bosnian peace talks: the creation of a route for the Bosnian
government from Sarajevo through Bosnian-Serb territory to the beleaguered Muslim
enclave of Gorazde.
President Slobodan Milosevic of Serbia made his way to a high-tech auditorium to play PowerScene, the Pentagon's computer mapping program that reproduces terrain on a vast movie screen. The Serbian leader was adamant that the corridor could be no more than two miles wide. Gen. Wesley K. Clark, the senior American military official at the negotiations, whisked Milosevic off on an imaginary aerial tour of the region to show why such a narrow corridor made no strategic sense. "As you see, God did not put the mountains two miles apart," Clark said. Milosevic downed a large whisky, considered this geophysical fact, and the deal on a five-mile-wide corridor was consummated. It became known as the "Scotch Road." |
Die vorherige Nutzung des Systems zur Angriffsvorbereitung war den in Dayton Beteiligten
sehr wohl bewußt. So soll der serbische Präsident Milosevic an einer Stelle einen "Flug"
unterbrochen und bemerkt haben: "Sehen Sie diese Brücke. Sie ist verschwunden. Sie haben
sie hinweggebombt" (nach Watters 1996).
Grenzverhandlungen gewinnen nach Ansicht von Mark Corson und Julian Minghi vom
Department of Geography der University of South Carolina durch PowerScene eine neue
Qualität. Sie beziehen sich dabei insbesondere auf die Schnelligkeit von
Visualisierungsprozessen und die damit verbundene Verkürzung der Verhandlungen: "The
Dayton agreement has provided a glimpse at the possible future role of geographic
technology in solving territorial disputes and drawing new political boundaries. The
essential stages of boundary making are compressed, with definition and delimination
virtually merging into one step, and demarcation and administration following an agreement
within days and also similary merged. PowerScene applied to boundary making in Bosnia
has created a time/space convergence that has the potential to revolutionise both future
boundary making and the way political geographers will study it" (Corson & Minghi 1996,
S.105).
Am 21. November 1995 unterzeichneten die an den Dayton-Verhandlungen beteiligten
Präsidenten eine frisch geplottete Karte im Maßstab 1:600000 - gedacht als symbolische
Zustimmung zu den in den Verhandlungen festgelegten Grenzen.
Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, daß PowerScene zumeist mit Blick auf
zukünftige Kriegsszenarien beschrieben wird. Produkte wie PowerScene - so Col. Trey
Obering von der DMA - erlauben es dem DoD, dem Kämpfer im Feld mehr Informationen an
die Hand zu geben (Monroe 1996). Und auch an den "grünen Tisch" im Hauptquartier ist
gedacht: Eine Kopplung von PowerScene mit dem Global Positioning System (GPS) ist
vorgesehen. Truppen führen leichte GPS-Empfänger mit sich und die Integration der hiermit
erhaltenen exakten Positionsdaten in PowerScene ermöglicht dann den "realistischen" Blick
auf das Schlachtfeld.
Beide Bosnien-Einsätze - Aviano Air Base und Dayton - waren für PowerScene ein voller
Erfolg. Noch als Prototyp dorthin verfrachtet, wurde "im Feld" getestet und weiterentwickelt.
Krieg als Betatest - wie bereits im Golfkrieg: War as a testlab. Und was muß als nächstes
getestet werden? Welche Art von Krieg brauchen wir hierzu? Nicht nur das spezifische
Produkt PowerScene profitierte vom "Praxistest" Bosnien: Die Gründung der NIMA und die
damit verbundene Konzentration von Spezialisten, Knowhow, Ressourcen und technischem
Equipment zeigt die Wichtigkeit, die Militär und Geheimdienste diesem Bereich zumessen.
In allen Berichten über PowerScene - über die Kampfeinsätze wie über die Dayton-Verhandlungen - wird der Öffentlichkeit immer die Technik als Lösung präsentiert. Hat man nur das richtige technische "Zeug", so wird alles machbar: der Kriegsgewinn ebenso wie der Friedensschluß. Alles testbar, simulierbar, kontrollierbar, vorprogrammierbar: "Krieg" oder "Frieden" als Menü-Auswahl in PowerScene?
Oder hätten Sie doch lieber einen Push-Button?
Bühl, A. (1996): CyberSociety. Mythos und Realität der Informationsgesellschaft. Köln: PapyRossa.
Cambridge Research Associates (1994): PowerScene. Affordable Virtual Reality for Military Mission-Critical and Commercial Applications. McLean, Virginia: Werbeprospekt.
Corson, M.W.; Minghi, J.V. (1996): PowerScene: Application of New Geographic Technology to Revolutionise Boundary Making? In: Boundary and Security Bulletin, 4 (2), S.102-105.
Diesler, P. (1996): Programmiertes Inferno. In: CHIP, (1), S.48ff.
DMA (1996): "Ground zero" technology awes delegates. http://www.dma.gov/information/facts/site/maprm.html, dated December 1996.
Freund, E. (1995): Das fliegende Verhandlungszimmer. In: Die Zeit, (Nr.50), S.88.
Gerathewohl, S. (1987): Leitfaden der militärischen Flugpsychologie. München: Verlag für Wehrwissenschaften.
Johnson, R. (1996): Bosnia A Personal Account... - Drawing the Lines in Bosnia. http://www.wood.army.mil:80/DCD/TVC/COE/bosnia.htm, dated 2. April 1996.
Kalinowski, M.B. (1996): Virtuelle Atomtests. In: FIFF-Kommunikation, 13 (3), S.7-13.
Monroe, J.S. (1996): New Mapping Tools Aid Bosnian Mission. http://www.fcw.com/pubs/bosia/mapping.htm, dated 29. April 1996.
Neuneck, G. (1995): Computersimulation und moderne Kriegsführung. In: Kreowski, H.J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda, S.95-103.
Sciolino, E.; Cohen, R.; Engelberg, S. (1995): Special Report: 21 Days in Dayton. In: The New York Times, 23.11.1995.
Silicon Graphics (1995): Onyx Application Brief Number 6, Volume Three. Mountain View, California: Werbeprospekt.
Streibl, R.E. (1996): Spielend zum Sieg! Krieg im Computerspiel - Krieg als Computerspiel. In: Informatik-Forum, 10 (4), S.203-214.
Watters, E. (1996): Virtual War and Peace. In: Wired 4.03.
http://www.hotwired.com:80/wired/4.03/scans.html.
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