Schöner neuer Krieg

Information Warfare - den neue saubere Krieg ohne Schrecken?

Peter Ansorge und Ralf E. Streibl

Aus: Krämer, J.; Richter, J.; Wendel, J.; Zinmeister, G. (Hrsg.) (1997): Schöne neue Arbeit. Die Zukunft der Arbeit vor dem Hintergrund neuer Informationstechnologien. Mössingen-Talheim: Talheimer, S.268-285.


Dieser Beitrag faßt einen Teil der Beiträge in der Arbeitsgruppe "Die Ent-Rüstung der Informatik? - Von Friedensarbeit und Rüstungsarbeitsplätzen" auf der 12. FIFF-Jahrestagung 1996 in Tübingen zusammen. Weitere Beiträge in dieser Arbeitsgruppe hielten Hubert Biskup über die Diskussion von Rüstungsprojekten bei sd&m (vgl. Brössler, Biskup, Rauschmayer 1996) und Helga Genrich über die Kooperation von GMD und Bundeswehr (vgl. Bernhardt 1996). Wir danken allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe für die anregenden Diskussionsbeiträge.


"Information Warfare" ist eines der Top-Themen nicht nur im Pentagon. Inzwischen ist darunter kein einheitliches Konzept mehr zu verstehen, sondern eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Manahmen der Kriegführung. Die US-Air-Force definiert Information Warfare als jegliche Aktivität, um Informationen des Gegners auszuwerten, zu bestreiten, zu verfälschen oder zu zerstören, während die eigenen Informationen gegen ähnliche Manahmen geschützt werden und für die militärischen Operationen genutzt werden (vgl. USAF Fact Sheet 95-20). In mancher Hinsicht stellt Information Warfare nichts Neues dar, schon der Einsatz der Enigma war nichts anderes. Gestiegen ist allerdings die Bedeutung der informatorischen Dimension, der teilweise eine gleichrangige Bedeutung wie der Kriegführung zu Wasser, zu Lande und in der Luft beigemessen wird (vgl. McLendon 1996). US General Fogleman und Widnall (1996) gehen darüber hinaus und unterscheiden den "Information Age Warfare", in dem Informationstechnik intensiv zur Unterstützung von Kampfoperationen verwendet wird, vom "Information Warfare", in dem Information selbst als eigenständiger Bereich der Kriegführung betrachtet wird, der eine mächtige Waffe und ein lukratives Ziel darstellt.

Kennzeichnend für den Information Warfare ist sein Ansatz bereits deutlich unterhalb der Schwelle klassischer militärischer Auseinandersetzungen. Ohne "offiziell" Krieg zu führen, lassen sich Information-Warfare-Operationen wirksam durchführen (vgl. Bernhardt, Ruhmann 1995). Angriffe auf die Informationsinfrastruktur des Gegners, beispielsweise durch Hacker, können lange Zeit verdeckt gehalten werden. Systematische Desinformation ist nur schwer nachweisbar und ohnehin seit jeher auch auerhalb klassischer Kriege vollzogen worden. Szafranski (1996) unterscheidet in seiner "Theory of Information Warfare" explizit zwischen "War" und "Warfare", wobei Warfare nicht unbedingt Krieg voraussetzt und nicht auf eine zwischenstaatliche Auseinandersetzung beschränkt ist, "sondern jede tödliche und nichttödliche Aktivität zur Unterwerfung des feindlichen Willens eines Feindes oder Gegners ist".

Ist der Information Warfare ein Weg zu "unblutigen Kriegen"? Kann Krieg seinen Schrecken zumindest teilweise verlieren, weil die direkte physische Bedrohung des einzelnen entfällt? Die Vorstellungen solcher unblutiger Kriege fallen in die gleiche Kategorie wie der jüngste Euphemismus aus dem Wörterbuch der Militärs, die "nichttödlichen Waffen für Friedensmissionen" (vgl. Randow 1996). Sie schaffen auf die gleiche Art erfolgreich Akzeptanz für das Militär, wie es die Bundeswehr mit ihren eigenen Computerspielen tut: Nicht als Kriegsmaschine, sondern als Institution zur Durchführung humanitärer Einsätze stellt sie sich dar (vgl. Streibl 1996a). Genau genommen ist diese systematische Verharmlosung ein erster Schritt des Information Warfare.

Nicht das Oxymoron des zivilisierten unblutigen Krieges ist die Zielprojektion des Information Warfare, sondern, wie im folgenden gezeigt werden soll, umgekehrt die Militarisierung weiter Bereiche des zivilen Lebens. Im nächsten Kapitel stützen wir uns wesentlich auf Quellen aus militärischen und militärnahen Institutionen, wie beispielsweise der RAND-Corporation. Keines der Dokumente vergit zu betonen, da es sich um persönliche Ansichten der Autoren handelt und keinesfalls um die der jeweiligen zuständigen politischen Institutionen. Die Diskussionen innerhalb des Militärs sind zwar nicht die offizielle Politik, aber dennoch in vielen Fällen die Realität. Während sich beispielsweise die offizielle deutsche Politik noch auf den Versailler Vertrag verpflichtete, erarbeitete die Wehrmacht bereits 1925 Wiederaufrüstungspläne zum Aufbau eines Kriegsheeres von 102 Divisionen mit 2,8 bis 3 Millionen Mann und legte die zweite Hälfte der 30er Jahre als optimalen Kriegsbeginn fest. Und am 1. September 1939 stand das deutsche Heer tatsächlich mit 102 Divisionen und 2,8 Millionen Mann bereit (vgl. Janen 1997). Umgekehrt waren Reagans SDI-Pläne lange offizielle Politik, während Fachleuten und Militärs die prinzipielle Unmöglichkeit längst bekannt war.



1 Was ist Information Warfare?

Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist "ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen" (Clausewitz 1973); stets ist Gewalt, obwohl kennzeichnend, nur ein Mittel (vgl. Negt, Kluge 1982, S.797-860). Ausgehend von dieser Zweckdefinition lassen sich Manahmen der Desinformation sowie der Informations- und Datenmanipulation als wesentliche Kriegsbestandteile begreifen. Martin Libicki (1995) strukturiert den Information Warfare in folgende sieben Arten:

(1) Command and Control Warfare

Klassisch ist der Versuch die Kommando- und Kontrollstruktur des Gegners zu (zer-)stören, entweder durch die Ausschaltung der Kommandozentrale (Antihead) oder durch die Störung des Informationsflusses zwischen der Zentrale und den vor Ort operierenden Einheiten (Antineck) (vgl. Bernhardt, Ruhmann 1997).

(2) Intelligence Based Warfare

Auf dem Schlachtfeld der Zukunft spielt elektronische Aufklärung auf allen Ebenen eine zentrale Rolle. Nicht nur auf der Kommandoebene, auf der Aufklärungsinformationen zur Koordination einzelner Operationen verwandt wird, sondern auch bei der Durchführung von konkreten Operationen können die einzelnen Soldaten oder einzelne autonome Waffensysteme kontinuierlich mit Aufklärungsinformationen versorgt werden.

(3) Electronic Warfare

Der Versuch Datenerfassung und Datenaustausch zu unterbinden sowie entsprechende Gegenmanahmen haben eine ähnlich lange Tradition wie der Krieg (vgl. Kaufmann 1996). Dabei spielen sowohl Methoden der physischen Störung als auch kryptografische Verfahren eine Rolle. Auf dem Schlachtfeld des "Intelligence Based Warfare" bekommen diese Manahmen eine erfolgskritische Bedeutung.

(4) Psychological Warfare

Durch moderne Informationstechnik lät sich auch die Wirksamkeit der psychologischen Kriegführung steigern. Libicki (1995, Kap. 6) zeigt an zwei Beispielen auf, wie effizient und effektiv dies heute möglich ist:

Erstens lassen sich Operationen gegen den "nationalen Willen", also die Verbreitung von Propaganda über die Massenmedien, mit Hilfe der Satellitentechnik mit relativ geringem Aufwand durchführen. Für ca. 2 Mio. US $ pro Jahr kann man heute einen Satellitenkanal leasen.

Zweitens kann Propaganda gegen feindliche Truppen dadurch in ihrer Effizienz gesteigert werden, da z.B. Propaganda über fremdgehende Ehefrauen in der Heimat nicht in allgemeiner Form anonym verbreitet wird, sondern unter Nennung konkreter Namen. Mit Hilfe entsprechender Aufklärungsinformationen über die stationierten Truppen in Verbindung mit zivilen Datenbeständen, wie Krankheitsdatenbanken oder Kreditkartendaten, liee sich eine spezifisch zugeschnittene, glaubwürdige und hocheffiziente Demoralisierung bewerkstelligen.

(5) Hacker Warfare

Allein gegen die Informationssysteme des DoD wurden 1995 ca. 250.000 Hackerangriffe unternommen (vgl. Military Information Operations 1996). Der ehemalige Chef der FBI-Computer-Security-Section, Jim Settle, formuliert das Ausma der Bedrohung so: "You bring me 10 hackers and within 90 days I'll bring this country [USA] to its knees" (ebd.).

Als bedrohlich werden von der RAND-Corporation insbesondere die geringen Voraussetzungen für derartige Angriffe und die Auflösung der traditionellen Grenzen eingeschätzt. Neben entsprechenden technischen Kenntnissen sind lediglich PC und Modem erforderlich, um Hackerangriffe oder Angriffe mit Viren an nahezu beliebiger Stelle auf der Erde zu starten (vgl. Molander, Riddile, Wilson 1996, S.17-22). Besonders gefährdet sind dabei Ziele mit weit verbreiteter und hoch entwickelter Informationstechnik, wie z.B. die USA.

(6) Economic Information Warfare

Die Verbindung von Information Warfare und "Economic Warfare" hat zwei Ausprägungen: Die Informationsblockade und den "Informationsimperialismus" (vgl. Libicki 1995).

Die Unterbrechung von Informationsflüssen behindert den Import von Informationen und führt so zu Informationsrückständen und erschwert - z.B. wegen des fehlenden Kontakts zu den elektronischen Börsen - den Handel im groen und - wegen des fehlenden Anschlusses an Zahlungssysteme wie Kreditkarten oder electronic cash - den Handel mit Privatkunden. Die erforderlichen Kontakte zum Aufbau von Handelsbeziehungen kommen gar nicht erst zustande.

Während die Informationsblockade noch eindeutig als aggressiver Akt auszumachen ist, stellt der Informationsimperialismus letztlich "nur" die Verbreitung von Informationen und kulturellen Werten (Kulturimperialismus) dar. Triebfeder ist nicht die Unterwanderung einer fremden Kultur, sondern der ökonomische Erfolg. Bemerkenswert ist dabei, da der zivile Informationsaustausch und Handel von Libicki (1995, Kap. 8) unter die Warfare-Aktivitäten subsumiert wird."... trade is war", behauptet er im Gegensatz zu Clausewitz (1973, S.303), der umgekehrt formuliert, da sich der Krieg"besser als mit irgendeiner Kunst ... mit dem Handel vergleichen (liee)".

(7) Cyber-Warfare

Cyber-Warfare umfat Informationsterrorismus, semantische Attacken sowie "Gibson-Warfare" und ist die am wenigsten beherrschbare und futuristischste Variante des Information Warfare.

Der Informationsterrorismus macht sich zunutze, da Datenbestände heute einen so groen Wert darstellen, da ihre Zerstörung eine erhebliche Bedrohung für Personen oder Institutionen bedeutet. Ebenso lät sich mit der Veröffentlichung sensitiver Daten drohen.

Semantische Attacken zielen darauf ab, informationstechnische Systeme so zu manipulieren, da sie als korrekt funktionierend erscheinen, aber trotzdem falsche Ergebnisse liefern. Libicki  (1995, Kap. 9) nennt als Ziel solcher Attacken beispielsweise die Überwachungseinrichtungen von Kernkraftwerken, die aufgrund fälschlich vorgespiegelter Erdbeben die Kraftwerke abschalten.

Science Fiction des Information Warfare ist der, wie Libicki (1995) ihn bezeichnet, "Gibson Warfare", orientiert an Gibson's "Neuromancer" (1992): Menschen werden zu Bestandteilen informationstechnischer Systeme ­ dort tragen sie ihre Kriege aus.



2 Medien und Krieg

Im folgenden soll vertieft auf die Rolle der Medien - zu denen inzwischen auch Computer gerechnet werden - in und im Umfeld von kriegerischen Konflikten eingegangen werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Manipulation des Gegners wie auch der eigenen Bevölkerung sowie damit in Zusammenhang die Frage der Funktionalisierbarkeit der Medien für psychologische Kriegführung.

2.1 Eine lange Geschichte ...

Die "unfriedliche Symbiose" von Medien und Krieg (Dominikowski 1993) lät sich bis in die Antike zurückverfolgen. Nach Erfindung des Buchdrucks wurde zur Denunziation des Gegners und zur Legitimation des eigenen politischen Anspruchs auch gedruckte Propaganda eingesetzt, z.B. in Form von Pamphleten im Dreiigjährigen Krieg (vgl. Mörke 1995, S.26). Einen qualitativen Sprung in der Kriegsberichterstattung verzeichnet Dominikowski (1993) mit dem Aufkommen von Tageszeitungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Wandel vom Krieg mit Söldner- und Berufsheeren zum Krieg mit groen Freiwilligen- und Wehrpflichtigenarmeen machte eine publizistische Vorbereitung und Betreuung der Bevölkerung erforderlich.

Mit dem Krimkrieg (1853-1856) begann die Institutionalisierung des Berufsstandes der "Kriegskorrespondenten", nicht zuletzt mit dem Ziel durch Kriegsberichte die Auflage zu steigern (vgl. Dominikowski 1993). Gleichzeitig stellt dieser Krieg einen Präzedenzfall dar, da 1856 erstmalig eine Zensur eingeführt wurde, mit den auch heute gebräuchlichen Argumenten der Notwendigkeit militärischer Geheimhaltung und Furcht vor Zersetzung der eigenen Kriegsmoral. Das relativ neue Medium Photographie wurde im Auftrag der englischen Regierung eingesetzt, um mit Bildern von Soldaten hinter den Linien der Öffentlichkeit in Ausstellungen ein vom Schrecken bereinigtes Bild dieses Krieges vorzuführen. "Schon in diesem 'ersten Pressekrieg' offenbarten sich somit die wesentlichen Triebkräfte der Kriegsberichterstattung: die Partizipationsinteressen des Publikums, die machtpolitischen Interessen von Regierung und Militär, sowie die ökonomischen Interessen der Medienunternehmen, durch die Mediatisierung des Krieges Geld zu verdienen" (ebd. S.39).

Im Ersten Weltkrieg entstanden zunächst in Frankreich und England - etwas später auch in Deutschland - umfangreiche Propagandaapparate, die Pressefreiheit wurde mit Kriegsbeginn aufgehoben. Journalisten waren überaus restriktiven Bedingungen hinsichtlich ihrer Bewegungsfreiheit und der Zensur ihrer Berichte ausgesetzt. Die 1917 in den Krieg eingetretenen USA stellten die Einhaltung dieser Bedingungen sicher, indem sie den nach umfangreicher Überprüfung zugelassenen Journalisten eine Kaution in Höhe von 10.000 US $ abverlangten, die bei Verstöen verfiel (vgl. Dominikowski 1993, S.41).

Im Zweiten Weltkrieg wurde Propaganda - neben einer militärisch geprägten Erziehung - als Mittel der "geistigen Kriegführung im Rahmen der Gesamtkriegführung" (Blau 1939) angesehen. Diese "geistige Kriegführung" sollte nicht erst bei Kriegsbeginn wirken, sondern sie sollte "ihre entscheidenden Erfolge schon hereingebracht haben, bevor der Waffenkrieg beginnt" (ebd. S.95). Die deutsche Propaganda diente laut den "Grundsätzen für die Führung der Propaganda im Krieg" vom 27.09.1938 zur "Erhaltung der Opferfreudigkeit und der geschlossenen Wehrwilligkeit des eigenen Volkes", zur "Aufklärung über die das Leben des eigenen Volkes beeinflussenden militärischen Manahmen", zur "Überwindung von Unruhe und Erregung im Volke, die durch feindliche Einwirkungen auf das Heimatgebiet hervorgerufen werden" und zur "Tarnung, Verschleierung und Irreführungen eigener militärischer Absichten dem Auslande gegenüber" (zit. nach Angerer 1993, S.23). Ferner sollte der "Wehrwillen" der gegnerischen Soldaten zersetzt werden. Die Zahl von 11 Propagandakompanien mit insgesamt 2.244 Mann verdeutlicht die diesen Aktionen zugemessene Wichtigkeit. Die neuen Medien Rundfunk und Film wurden intensiv in den Dienst der Propaganda gestellt und zu diesem Zweck ihre Verbreitung gefördert: Die Zahl der Rundfunkempfänger in Deutschland stieg sprunghaft an (Stichwort "Volksempfänger"), von vier Millionen im Jahr 1933 auf neun 1939 und dann 16 Millionen im Jahr 1941 (vgl. Angerer 1993, S.22). Das Medium Film wurde sowohl als Mittel zur Ablenkung während des Krieges, als auch zur gezielten politischen Beeinflussung und Propaganda eingesetzt, u.a. auch als integraler Bestandteil der Jugenderziehung (vgl. Brücher 1995). Ein bekanntes Beispiel ist der Film "Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl, dessen systematisch auf den "Führer-Mythos" ausgerichtete Dramaturgie und Kameraführung den Nationalsozialismus reichsweit beförderte. Das so in den Kinos präsentierte "Erlebnis Reichsparteitag" führte dazu, da die im Film gezeigte Begeisterung der Massen vom Kinopublikum übernommen wurde (vgl. Geschichte für Alle e.V. 1995, S.82f).

Das Medium Fernsehen lie den Vietnamkrieg in seiner späteren Phase zum ersten "Krieg im Wohnzimmer" werden. Oft trifft man auf die Hypothese, das Fehlen einer offiziellen Zensur in diesem Krieg hätte in Folge der durch die Medienberichterstattung erzeugten Anti-Kriegs-Stimmung dazu geführt, da sich die USA aus Vietnam zurückziehen muten - laut Dominikowski ist dies jedoch in weiten Teilen ein vom US-Militär gepflegter Mythos, der Studien nicht standgehalten habe (1993, S.45), gleichwohl aber den weiteren Umgang des Militärs mit den Medien prägte.

Diese langfristigen Folgen des Vietnam-Traumas wurden im Golfkrieg - Galtung und Vincent (1992) nennen ihn den ersten "participant war" - besonders deutlich: die militärisch-politische Informationssteuerung wurde perfektioniert, das direkte Kriegsgeschehen fand weitgehend ohne journalistische Zeugen statt und erst nach sorgfältiger Zensur erreichten Informationen - und Desinformationen - die Öffentlichkeit (vgl. Dominikowski 1993, S.33f; Pentagon-Richtlinien für die militärische Zensur im Golfkrieg sind nachzulesen bei Kempf 1994, S.161f). Gleichzeitig entstand der Eindruck, den Krieg "in Echtzeit" mitzuerleben (vgl. Virilio 1993). Die Medien verwendeten das zensierte Material ausgiebig und berichteten in Sondersendungen und rund um die Uhr - die Verantwortung für die berichteten Informationen wurde dabei den Zensoren zugeschrieben (vgl. Görke 1993, S.142). Als Folge dieser Flucht der Medien aus ihrer journalistischen Verantwortung konnten seitens des Militärs eine Reihe von Mythen aufgebaut werden, so z.B. der Mythos des "sauberen Computerkrieges" (vgl. auch Streibl 1996b), der noch immer in viele Köpfen herumspukt, obwohl er spätestens nach dem Ende der Zensurbeschränkungen als Fiktion entlarvt war (vgl. auch Bernhardt, Ruhmann 1994, S.184). Doch die inszenierten Auftritte eines stolzen Offiziers, der Videoaufnahmen des "chirurgisch" genauen Einschlags einer Rakete in einen Bunker zeigte, waren stärker und wurden quasi zu Ikonen des High-Tech-Krieges - die Wirklichkeit sah oft anders aus (vgl. hierzu auch Alaber 1993). Wie schwer es jedoch ist, derartige Mythen wieder zu durchbrechen, macht nicht zuletzt die Kontroverse um die Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht" deutlich (vgl. Reemtsma 1997).

2.2 Psychologische Kriegführung in Krieg und Frieden

Psychologische Kriegführung umfat aufeinander abgestimmte propagandistische, militärische, ökonomische und politische Manahmen, die sich gegen die Widerstandskraft des Gegners richten (vgl. Kempf 1994, 1995). Die wichtigsten eingesetzten Elemente sind:

Diese Manahmen richten sich dabei nicht nur gegen externe Gegner (im Golfkrieg wurde z.B. der Irak über den Ort der beginnenden Landoffensive getäuscht; vgl. Kempf 1994, S.6), sondern werden regelmäig auch zur Beeinflussung der eigenen Bevölkerung eingesetzt, wie bereits im historischen Überblick exemplarisch verdeutlicht wurde. So wurde beispielsweise nicht zuletzt durch die von der kuwaitischen Regierung beauftragte Public-Relations-Firma Hill&Knowlton (Auftragsvolumen mehr als 10 Mio. US $) vor Beginn des Golfkrieges ein Feindbild erzeugt, welches gleichermaen die Minderwertigkeit wie die Gefährlichkeit des Gegners beinhaltete. Durch selektive und manipulierte Informationen wurde unglaublich schnell das Image Saddam Husseins, der im iranisch-irakischen Krieg ja noch Sympathieträger war, umgekehrt (vgl. Kempf, Palmbach, Reimann 1993, S.18f) .

Propaganda ist dann besonders erfolgreich, wenn sie "nicht einfach ihre eigene Wirklichkeit konstruiert, sondern indem sie naturwüchsige Prozesse der Wahrnehmungsverzerrung aufgreift, weiterträgt und verschärft" (Kempf, Reimann, Luostarinen 1996, S.7). Beispielsweise führen das Informationsmonopol der die Propaganda verbreitenden Medien, die Widersprüchlichkeit der Propagandabotschaft sowie die durch die Propaganda produzierte soziale Identifikation zu Doppelbindungssituationen, die die Urteilsbildung behindern und somit die Übernahme offizieller Deutungen befördern. "Gerade weil mensch merkt, da er angelogen wird, da ihm Informationen vorenthalten werden, er sich kein Urteil bilden kann, ist er gezwungen denen zu glauben, die ihn anlügen und die ihm Informationen vorenthalten, ja ggf. noch deren Lügen weiter zu verteidigen, wo Zweifel aufkommen" (Palmbach, Kempf 1992, S.28). Kempf berichtet über Studien, die zum Ergebnis kamen, "da die Öffentlichkeit nicht allgemein uninformiert, sondern selektiv fehlinformiert war" (1994, S.14f), wobei sich ein positiver Zusammenhang zwischen Desinformiertheit und Präferenz des Fernsehens als Informationsquelle zeigte.

Medienanalysen zeigen, da das Anliegen der Friedensbewegung über die Legitimation des Golfkrieges zu diskutieren, in den Medien weitgehend ignoriert wurde - auch Hintergrundinformationen über Aktionen der Friedensbewegung waren schwer zu erhalten. Gleichzeitig zeigten sich in einer Reihe von Berichten Themenverschiebungen in Richtung auf Gewalt und Strafbarkeit der Aktionen der Friedensbewegung (Kempf 1994, S.25). Die Friedensbewegung wurde als Anti-USA-, Anti-Israel- oder auch Pro-Saddam-Bewegung denunziert. Rückblickend kann man konstatieren, da die Golfkriegspropaganda und die Kampagne zur Diffamierung der Friedensbewegung auch langfristige Wirkungen hat, was sich - so Kempf, Palmbach und Reimann - zum einen in der Agonie zeigt, die weite Teile der Friedensbewegung seither erfat hat, zum anderen "vielleicht noch mehr an der Renaissance, welche deutscher Militarismus und Nationalismus unter dem Vorwand gewachsener Verantwortung heute erleben" (1993, S.16). Mit dem Golfkrieg schlug wieder "die Stunde der Militärs und jener militärgläubigen Politiker und Medienzaren, die schon immer Kriegsdienstverweigerer als Drückeberger und alle für Gewaltfreiheit in der Krisenbewältigung eintretenden als Feiglinge diffamiert hatten" (Bastian 1991, S.14). Binnen kürzester Zeit boomten die Ideen, welche neuen Aufgaben der Bundeswehr zugeschrieben werden könnten und sollten - und deren Verwirklichung in Somalia und Bosnien lie nicht lange auf sich warten: den humanitären out-of-area-Missionen folgten die Kampfeinsätze im Gleichschritt hinterher.

2.3 Funktionalisierung klassischer und neuer Medien in Krieg und Frieden

Die vorangegangenen Beispiele lassen deutlich erkennen, wie leicht sich Medien für kriegerische Zwecke funktionalisieren lassen - und dies mu nicht immer so offen erfolgen wie 1870 als Kanzler Otto von Bismarck den Text eines Telegramms ("Emser Depesche") vor der Veröffentlichung etwas redigierte, was nach Meinung nicht weniger Historiker zum auslösenden Moment für den Deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde (vgl. Hömberg 1996, S.111f).

Hatte sich früher Kritik an militärischen Zensurmanahmen festgemacht, wenn nicht genügend Informationen für die Berichterstattung zur Verfügung standen, so betreibt das Militär heute oftmals ein offensives Informationsmanagement, ohne dabei jedoch auf die Zensur zu verzichten. Informationen und Desinformationen in bunter Mischung werden der Öffentlichkeit anheim gegeben - Widersprüche schaden meist nicht, da dadurch die oben beschriebene Doppelbindungssituation verstärkt und damit die Urteilsfähigkeit zerstört wird. Gefühle von Machtlosigkeit und Apathie sind die Folge (vgl. Schuster 1995, S.215). Die Medien können in ihrem immer schärferen Wettbewerb um Aktualität und Sensationen nicht mehr journalistisch sorgfältig arbeiten - sie nehmen, was sie bekommen können. Und so sind die spektakulären Fälschungsaktionen eines Michael Born (vgl. Grefe 1996) nur eine logische und hausgemachte Konsequenz des Systems. Derartige Strukturen bieten verständlicherweise beste Eingreifmöglichkeiten für die Protagonisten des Information Warfare, für psychologische Kriegführung und natürlich auch für geheimdienstliche Tätigkeiten (vgl. Guisnel 1995). Dominikowski (1993, S.47f) spricht von einer "strukturellen Militarisierbarkeit der Medien", der Strukturen zugrunde liegen, die auch in Friedenszeiten wirksam sind.

Medien können - so hat sich wiederholt gezeigt - genutzt werden, um etwas "zu einem Thema" werden zu lassen. Diese sogenannte Agenda-Setting-Funktion von Medien ist um so erfolgreicher, je weniger die Bevölkerung die Realität direkt wahrnehmen kann (Brettschneider 1994, S.225). Gerne versuchen Politiker Einflu auf diesen Proze zu nehmen, gleichzeitig bleiben sie selbst von ihm nicht unberührt, da sie selbst ebenfalls vor allem die Medien als Barometer der öffentlichen Meinung nutzen (Schuster 1995, S.217). Es ergibt sich ein sich selbst verstärkender Zirkelproze, da umgekehrt die Medien viele Themen dann intensiver aufgreifen, wenn sich die etablierten Parteien damit beschäftigen (Pöttker 1996, S.154). Verstärkt wird die Eigenproduktion von Themen und Nachrichten noch durch die zunehmenden Selbstbezüge innerhalb und zwischen den Medien (vgl. Weischenberg 1993, S.76ff; siehe auch Streibl 1997, S.32).

Auch die deutsche Bundeswehr entfaltet regelmäig Aktivitäten im Medienbereich. So probte 1987 die damalige Abteilung PSV (Psychologische Verteidigung, vormals PSK - Psychologische Kriegführung) anlälich des Manövers "Kecker Spatz" intensiv die Rundfunkarbeit im Fronteinsatz mit mobilen Studios. Die resultierende Manöverberichterstattung (mit flotter Musik und Grüen aus der Heimat an die Soldaten im Einsatz) wurde seinerzeit auf einer Mittelwellenfrequenz des Bayerischen Rundfunks landesweit gesendet (vgl. auch Angerer 1993). Es war zum einen ein besonderes Feldtraining für die PSV, zum anderen gleichzeitig wohl auch ein aktiver Einsatz zur Beeinflussung der Bevölkerung mit dem Ziel, positive Stimmung für die Bundeswehr und das Manöver zu erzeugen. Die Abteilung PSV wurde aufgrund von Skandalen mittlerweile offiziell aufgelöst, doch die Arbeit geht weiter. So strebt beispielsweise die Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr (IMZBw), die organisatorisch aus ehemaligen PSV-Einheiten hervorgegangen ist, eine Kooperation mit der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) an, in der es um rechnergestützte Videoproduktionen, Telekooperation im Fernsehstudio sowie die Erprobung von Dreharbeiten in virtuellen Studios gehen soll (vgl. Bernhardt 1996) - also anders ausgedrückt insbesondere um die Manipulation von Bewegtbildern.

Natürlich finden auch Computernetzwerke hohe Aufmerksamkeit beim Militär. Beispielsweise empfiehlt Swett (1995) dem Pentagon, die Diskussionen im Internet systematisch zu beobachten und sich aktiv zwecks Meinungsbildung daran zu beteiligen. Die "Gefahr" dieser Diskussionen verdeutlicht er am Beispiel der Aufrufe zur Solidarität mit den Aufständischen in Chiapas (ebd. Anhang). Und auch in Deutschland will man den Anschlu wohl nicht verpassen: Die Bundesregierung hat 1996 eine mit 1 Mio. DM dotierte Studie zur Strukturierung und Analyse des Bereichs Information Warfare vergeben (vgl. Bernhardt 1996). Derweilen nutzt die Bundeswehr - ähnlich wie die Rüstungsindustrie - die neuen Möglichkeiten der Computernetzwerke bereits eifrig für ihre Öffentlichkeitsarbeit: "Holen sich die Militärs das Internet zurück?", überschreibt Pflüger (1996) provozierend seine Thesen (siehe Kasten), um zu einer intensiveren Diskussion anzuregen.


Holen sich die Militärs das Internet zurück?

Thesen zu Bundeswehr und Rüstungsindustrie (hier am Beispiel der Daimler-Benz Aerospace / DASA) und neuen Medien (hier am Beispiel des Internet)

2. überarbeitete Fassung, 10.11.1996

von Tobias Pflüger (Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.)

Teil 1

1. Die neuen Medien - insbesondere das Internet - werden von Militärs und Rüstungsindustrie seit 1996 als wichtiges Medium für massive Werbung, Öffentlichkeitsarbeit sowie direkte Pressearbeit genutzt.

2. Bei der Bundeswehr steht der Einsatz des Internet für Werbezwecke im Zusammenhang mit der sogenannten Herbstoffensive 1996, einer umfangreichen Werbekampagne.

3. Bei der DASA wird das Internet auch im Zusammenhang mit einer massiven Werbekampagne für den Eurofighter 2000 eingesetzt.

4. Das Internet-Angebot sowohl der Bundeswehr als auch der DASA sind sehr ansprechend aufbereitet. Beide arbeiten mit einem umfangreichen Grafikangebot, das dennoch keine technischen Probleme bereitet.

5. Bei beiden Anbietern spielt das Angebot von Grafiken von Rüstungsgütern / Waffen eine zentrale Rolle. Beide bieten umfangreich Bilder von derzeitigen und geplanten Waffen an. Hierin ist sicher auch eine Befriedigung von Bedürfnissen von Militär- bzw. Waffeninteressierten bzw. offenen Militaristen zu sehen.

6. Die Internetangebote beider Anbieter bieten umfassende Informationen, die man/frau als Normalbürger/in sonst so nicht bekommt. Sowohl bei der Bundeswehr als auch bei der DASA wird weitgehend offen und ehrlich über die neue Bundeswehr informiert.

7. Obwohl die jeweiligen Strategiepapiere der Bundeswehr und der DASA erhältlich sind, fehlen einige wesentliche (die "härtesten") Informationen. So ist im Angebot der Bundeswehr nur indirekt etwas von den "Verteidigungspolitischen Richtlinien", dem "Kommando Spezialkräfte" (der neuen Elite-Kampftruppe der Bundeswehr), oder dem "Bundeswehrplan 1997" (Planungspapier für die Beschaffungsvorhaben) zu lesen. Insofern muß These 6 entscheidend eingeschränkt werden.

8. Technisch sind die Internet-Angebote von Bundeswehr und DASA sehr ausgereift. Es wird auch einiges angeboten, über das nicht jede/r Internet-/PC-Nutzer/in verfügt (JAVA, MPG-Dateien etc.).

9. Die Internet-Angebote von Bundeswehr und DASA kommen bei den Internet-Nutzern/innen sehr gut an und werden umfangreich nachgefragt.

10. Insbesondere bei der Bundeswehr aber auch bei der DASA bestehen per e-mail umfangreiche Möglichkeiten Material zu bestellen. Bei der Bundeswehr werden konkrete Beratungsangebote gemacht.

11. Die Internetangebote von Bundeswehr und DASA sind nicht offen militaristisch, wie etwa Angebote von Firmen wie den Mauser-Werken in Oberndorf am Neckar oder diverse US-amerikanische Internetangebote. Bundeswehr und DASA gehen dezenter vor.

12. Es ist so etwas wie eine Re-Militarisierung des Internet festzustellen. Holen sich die Militärs das Internet zurück?

13. Gegen diese "Re-Militarisierung" des Internet hilft nur eine Informations-Gegenoffensive. Konkret heißt das, daß die Friedensbewegung, Antimilitarist/inn/en, Pazifist/inn/en, militär- und rüstungskritische Informatiker/inn/en und kritische Friedensforscher/innen ihre zur Zeit schon recht guten Informationsangebote im Internet aber auch bei anderen neuen Medien weiter verstärken müssen. Wir als Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. werden uns an der notwendigen Informations-Gegenoffensive aktiv beteiligen.

Teil 2

14. Der Einsatz des Internet für die Werbeoffensiven von DASA und Bundeswehr ist nur ein Teil einer umfangreichen Nutzung neuer Medien dieser Institutionen. Es ist der in der Öffentlichkeit leichter nachweisbare Teil der Nutzung neuer Medien durch Bundeswehr und DASA. Interne Nutzungen neuer Medien sind öffentlich schwerer nachweisbar.

15. Die Bundeswehr hat bei ihrem derzeitigen laufenden Aufrüstungsschub (mindestens 215 (!) neue Beschaffungsprojekte, allein die Großvorhaben mit einem Finanzvolumen von 130 Milliarden DM) den Schwerpunkt auf den Bereich der Kommunikation und den Einsatz moderner Informationstechnik gelegt.

16. Die DASA ist am größeren Teil dieser Rüstungsprojekte beteiligt als zentraler Hauptauftragnehmer im Bereich der Luftwaffe und häufiger Unterauftragnehmer im Bereich von Marine und Heer. Sie stellt auch eine Reihe von Rüstungsgütern für den Kommunikationsbereich für die Bundeswehr zur Verfügung.

17. Die oben aufgezeigten Entwicklungen sind Teil einer umfassenden Militarisierung unserer Gesellschaft. Die neue Bundeswehr mit neuer Strategie, neuer Struktur und neuer Bewaffnung ist ein, wenn auch der zentrale Teil dieser Militarisierung. Militär und Rüstung haben derzeit leider eine enorm hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.

18. Die starke Rolle von Militär und Rüstung zieht sich inzwischen durch alle Gesellschaftsbereiche durch. Die Informations- und Kommunikationstechnik ist nur ein Teil der gesamten Militarisierungsspirale.

19. Diese Militarisierungsspirale ist besonders in der Bundesrepublik Deutschland spürbar, aber auch international feststellbar.

Teil 3

20. Die hohe Akzeptanz von Militär und Rüstung wird begleitet durch eine Art "individuelle Verweigerungshaltung". Persönlich wollen nur wenige mit Militär und Rüstung direkt zu tun haben. Deshalb gibt es hohe Kriegsdienstverweigererzahlen.

21. Aufgrund dieser "individuellen Verweigerungshaltung" gibt es auch im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik überraschend wenige Unternehmen, die die umfangreichen Aufträge aus der Rüstungsindustrie und von der Bundeswehr annehmen.

22. Ziel muß es sein, diese "individuelle Verweigerungshaltung" wieder zu einer politischen Verweigerungshaltung gegenüber der enormen Militarisierungsspirale werden zu lassen. Die in These 13 angesprochene Informations-Gegenoffensive in den neuen Medien müssen wir jetzt starten, denn je besser die Menschen informiert sind, desto weniger sitzen sie der Pseudo-Argumentation z.B. von Bundeswehr und DASA auf.


3 Nicht mehr Frieden aber noch kein Krieg?

"Wenn Medien zu Kampfmitteln werden, wird die Trennung zwischen Krieg und Frieden unscharf" (Bernhardt 1996, S.22). Information Warfare ist keinesfalls ein Konzept der unblutigen Kriege, vielmehr geht es darum, den klassischen Krieg zu effektivieren und gleichzeitig die gewaltsame Interessendurchsetzung auch unterhalb der Schwelle eines "offiziellen" Krieges leichter zu ermöglichen. Die Konsequenz ist eine Militarisierung des Alltags.

Die uns im zivilen Leben direkt umgebende Informationstechnik wird mehr und mehr zum Gegenstand militärischer Überlegungen und damit ein sicherheitsrelevantes Objekt, das der Logik militärischer Kontrolle und Sicherheitsanforderungen genügen mu. Wird Informationstechnik zu einer derart "preisgünstigen" und mächtigen Waffe hochgezüchtet, wie dies in den Konzepten des Information Warfare geplant wird, sind wir mit einer analogen Entwicklung konfrontiert, wie sie Robert Jungk 1977 im "Atomstaat" skizziert hat: Der Einsatz einer hochriskanten Technik stellt ein erstes Risiko dar. Daraus resultiert die Notwendigkeit dieses Risiko zu begrenzen, typischerweise durch engmaschige Kontrollen. Was bereits bei der Nukleartechnik, die anders als die Informationstechnik auf Hochsicherheitsbereiche beschränkt bleibt, zu Überwachungsszenarien la Orwell (1949) führte, mu bei der ubiquitären Informationstechnik zu noch schlimmeren Befürchtungen Anla geben.

Die Leistungsfähigkeit der psychologischen Kriegführung legt jedoch noch ein anderes Szenario nahe, das Weischenberg (1993, S.70) mit Bezug auf Huxley (1932) formuliert: Vielleicht ist gar keine engmaschige Kontrolle notwendig, "weil die Informationsüberflutung alles zuschüttet, und weil viele Menschen ihre medientechnische Zivilisation so sehr lieben, da sie sich für die Inhalte gar nicht mehr interessieren" (vgl. auch Postman 1985, Kap. 11).

Der neue Krieg verbreitet keinen Schrecken mehr, und genau das ist das Schreckliche daran.




Literatur:

Angerer, Jo: "Schlacht um Herzen und Hirne" - Die Geschichte deutscher Kriegspropaganda, in: Wissenschaft und Frieden, 1996, 11 (3), S.21-24.

Alaber, Markus: War das erste Opfer im Golfkrieg die Wahrheit? Versuch einer Analyse der Medienberichterstattung über den Hergang des Golfkrieges von 1991, TU Wien, Diplomarbeit, 1993.

Bastian, T.: Deutsche Soldaten weltweit unter UNO-Flagge? In: Gewaltfreie Aktion, 1991, 23 (1+2), S.14-16.

Bernhardt, Ute: Information Warfare in der GMD? In: FIFF-Kommunikation, 1996, 13 (3), S.22.

Bernhardt, Ute; Ruhmann, Ingo: Computer im Krieg: die elektronische Potenzmaschine, in: Bolz, Norbert; Kittler, Friedrich; Tholen, Christoph (Hrsg.), Computer als Medium, München, Fink, 1994, S.183-207.

Bernhardt, Ute; Ruhmann, Ingo: Information als Waffe. Netwar und Cyberwar ­ Kriegsformen der Zukunft, in : Kreowski, Hans-Jörg; Risse, Thomas; Spillner, Andreas; Streibl, Ralf E.; Vosseberg, Karin (Hrsg.), Realität und Utopien der Informatik, Münster, agenda, 1995, S.104-119.

Bernhardt, Ute; Ruhmann, Ingo: Der digitale Feldherrenhügel. Military Systems: Informationstechnik für Führung und Kontrolle. Wissenschaft und Frieden, Dossier Nr. 24, 1997.

Blau (Oberstleutnant): Die geistige Kriegführung im Rahmen der Gesamtkriegführung, in: Jahrbuch für Wehrpolitik und Wehrwissenschaft 5, 1939, S.93-106. [zit. nach Kaufmann 1996]

Brettschneider, Frank: Agenda-Setting. Forschungsstand und politische Konsequenzen, in: Jäckel, Michael; Winterhoff-Spurk, Peter (Hrsg.), Politik und Medien. Analysen zur Entwicklung der politischen Kommunikation, Berlin, Vistas, 1994, S.211-229.

Brössler, Peter; Biskup, Hubert; Rauschmayer, Hans: Damals hatte es ja keine Bedeutung - Ein Softwarehaus stellt sich der Gewissensfrage, in: FIFF-Kommunikation, 1996, 13 (3), S.28-34

Brücher, Bodo: Der Film als Mittel der Massenkommunikation in der NS-Jugenderziehung, in: Lauffer, Jürgen; Volkmer, Ingrid (Hrsg.), Kommunikative Kompetenz in einer sich ändernden Medienwelt, Opladen, Leske+Budrich, 1995, S.17-27.

Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, 18 Auflage, Bonn 1973.

Dominikowski, Thomas: 'Massen'medien und 'Massen'krieg. Historische Annäherungen an eine unfriedliche Symbiose, in: Löffelholz, Martin (Hrsg.), Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation, Opladen, Westdeutscher Verlag, 1993, S.33-48.

Fogleman, Ronald R.; Widnall, Sheila E.: Cornerstones of Information Warfare 14.8.1996. (http://www.af.mil/pubs/corner.html)

Galtung, Johan; Vincent, Richard C.: Global Glasnost: Toward a New International Information/Communication Order, Cresskill (NJ), 1992.

Geschichte für Alle e.V. (Hrsg.): Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 2. überarb. Aufl., Nürnberg, Sandberg, 1995.

Gibson, William: Neuromancer, 8. Auflage, München, Heyne, 1992.

Görke, Alexander: Den Medien vertrauen? Glaubwürdigkeitskonzepte in der Krise, in: Löffelholz, Martin (Hrsg.), Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation, Opladen, Westdeutscher Verlag, 1993, S.127-144.

Grefe, Christiane: Is was, Dok? Über die Schwierigkeit, die Wahrheit zu prüfen, in: Kursbuch 125, September 1996, S.133-142.

Guisnel, Jean: Guerres dans le Cyberespace. Service secrets et Internet, Paris, La DÈcouverte, 1995.

Hömberg, Walter: Von Falschmeldungen und Medienfälschungen, in: Schütz, Arthur, Der Grubenhund - Experimente mit der Wahrheit (Nachdruck der Erstausgabe von 1931, hrsg. von Walter Hömberg), München, Fischer, 1996, S.107-117.

Huxley, Aldous: Brave new world, London, Chatto & Windus, 1932.

Janen, Karl-Heinz: Der groe Plan, in: Die Zeit v. 7.3.1997, S.15-20.

Jungk, Robert: Der Atomstaat: Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit, München, Kindler, 1977.

Kaufmann, Stefan: Kommunikationstechnik und Kriegführung 1815-1945. Stufen telemedialer Rüstung, München, Fink, 1996.

Kempf, Wilhelm (Hrsg.): Manipulierte Wirklichkeiten. Medienpsychologische Untersuchungen der bundesdeutschen Presseberichterstattung im Golfkrieg, Münster, Lit, 1994.

Kempf, Wilhelm: Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit. Diskussionsbeiträge Nr. 30/1995 der Projektgruppe Friedensforschung, Universität Konstanz.

Kempf, Wilhelm; Palmbach, Ute; Reimann, Michael: Kriegsschauplatz Deutschland. Die bundesdeutsche Presseberichterstattung im Golfkrieg, in: Wissenschaft und Frieden, 1993, 11 (3), S.16-19.

Kempf, Wilhelm; Reimann, Michael; Luostarinen, Heikki: Qualitative Inhaltsanalyse von Kriegspropaganda und Kritischem Friedensjournalismus. Diskussionsbeiträge Nr. 32/1996 der Projektgruppe Friedensforschung, Universität Konstanz.

Libicki, Martin: What is Information Warfare. Institute for National Studies. ACIS-Paper 3, 1995. (http://www.ndu.edu/ndu/inss/actpubs/act003/a003cont.html)

McLendon, James W.: Information Warfare: Impacts and Concerns, in: Air Chronicle, DoD's First Professional Journal On-line, 14.9.96. (http://www.cdsar.af.mil/battle/chp7.html)

Military Information operations in a Conventional Warfare Environment, Ait Power Studies Center, APSC Paper Number 47, 6.12.1996 (http://www.adfa.oz.au/DOD/apsc/paper47.htm)

Mörke, Olaf: Pamphlet und Propaganda. Politische Kommunikation und technische Innovation in Westeuropa in der frühen Neuzeit, in: North, Michael (Hrsg.), Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts, Köln, Böhlau, 1995, S.15-32.

Molander, Roger C.; Riddile, Andrew S.; Wilson, Peter A.: Strategic Information Warfare. A new face of War, Santa Monica, Rand National Defense Research Institute, 1996.

Negt, Oskar; Kluge, Alexander: Geschichte und Eigensinn, 5. Auflage, Frankfurt, Zweitausendeins, 1982.

Orwell, George: Nineteen eighty-four, London, Secker & Warburg, 1949.

Palmbach, Ute; Kempf, Wilhelm: Pazifismus oder Solidarität. Psychologische Kriegsführung und individueller Umgang mit Desinformationsmedien, in: Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin (Hrsg.), Friedenspsychologie im Spannungsfeld zwischen Psychologie und Politischer Wissenschaft, Berlin, Humboldt-Universität, 1992, S.27-38.

Pflüger, Tobias: Holen sich die Militärs das Internet zurück? (http://www.gaia.de/imi/imi-BWmi.htm), 2. überarbeitete Fassung, 10.11.1996.

Pöttker, Horst: Politische Sozialisation durch Massenmedien: Aufklärung, Manipulation und ungewollte Einflüsse, in: Clauen, Bernhard; Geiler, Rainer (Hrsg.), Die Politisierung des Menschen - Instanzen der politischen Sozialisation, Opladen, Leske+Budrich, 1996, S.149-157.

Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt, Fischer, 1985.

Randow, Gero von: Unblutige Kriege? "Eine Warnung vor den sauberen Waffen der Zukunft", in: Die Zeit v. 9.2.1996, S.33.

Reemtsma, Jan Philipp: Die wenig scharfgezogene Grenze zwischen Normalität und Verbrechen, in: Frankfurter Rundschau v. 15.4.1997, S.16.

Schuster, Thomas: Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit, Frankfurt, Fischer, 1995.

Streibl, Ralf E.: "Er war schon sechsmal getötet worden. Dabei war es gerade erst fünf Uhr." - Krieg im Computerspiel, in: FIFF-Kommunikation, 1996a, 13 (3), S.51-55.

Streibl, Ralf E.: Spielend zum Sieg. Krieg im Computerspiel - Krieg als Computerspiel. Informatik-Forum, 1996b, 10 (4), S.203-214.

Streibl, Ralf E.: Informationsgesellschaft@neue-welt.com? Eine realitätsnahe Utopie, in: FIFF-Kommunikation, 1997, 14 (1), S.31-36.

Swett, Charles: Strategic Assessment: The Internet, Pentagon, Office of the Assistant Secretary of Defense for Special Operations and Low-Intensity Conflict, 17.7.1995.

Szafranski, Richard: A Theory of Information Warfare. Preparing for 2020, in: Air Chronicle, DoD's First Professional Journal On-line, 14.9.96. (http://www.cdsar.af.mil/apj/szfran.html)

USAF Fact Sheet 95-20: Information Warfare. (http://www.af.mil/pa/factsheets/Information_Warfare.html)

Virilio, Paul: Krieg und Fernsehen, München, Hanser, 1993.

Weischenberg, Siegfried: Zwischen Zensur und Verantwortung. Wie Journalisten (Kriege) konstruieren, in: Löffelholz, Martin (Hrsg.), Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation, Opladen, Westdeutscher Verlag, 1993, S.65-80.

Copyright bei den Autoren

Anfragen bitte über das FIFF-Büro.