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Militärische Interessen bestimmten lange Zeit Forschung und Entwicklung (FuE) im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie. Nicht allein das US Department of Defense (DoD) beeinflußte die Richtung. Auch in der Bundesrepublik ging es im ersten DV-Programm der Bundesregierung in den 60er Jahren um die Entwicklung von Computern für die Luftraumüberwachung und andere militärische Kommando- und Kontrollaufgaben.
Der politische Umbruch Ende der 80er Jahre führte für westliche Militärs zwar zu einem Gewinn an
militärpolitischer Stabilität zwischen den ehemaligen Machtblöcken, gleichzeitig aber zu Verlusten in
den Wehretats. Militärische Computersysteme werden jedoch für so bedeutsam gehalten, daß die
entsprechenden Etatposten die Kürzungen weitgehend unbeschadet überstanden haben. Bei den
europäischen Armeen fiel allein bei computergestützten Führungssystemen bis 1996 eine jährliche
Beschaffung in Höhe von 6,2 Mrd. Dollar, in den USA von etwa 10 Mrd. an. Bei FuE sieht es ähnlich
aus. Weil das Militär jedoch nicht mehr unbekümmert so viel Geld in eigene Forschungsprogramme
stecken kann, heißt in den USA wie in der Bundesrepublik das Ziel bei militärisch relevanter
Forschung heute dual-use-Forschung.
Es stimmt nun keineswegs, daß die Forschungsergebnisse der Informatik allesamt ein Fall für
dual-use sind. Dennoch gibt es für dual-use deutliche Beispiele. Ein aus Sicht von Militärs
erfolgreiches dual-use Projekt ist das Satelliten-Navigationssystem GPS. Das ursprünglich zur
Steuerung von Interkontinentalraketen entwickelte System erhielt eine zivile und eine militärische
Frequenz, mit deren Hilfe heute Hobbysegler ebenso navigieren wie Besitzer von KfZ-Nobelmarken.
Von der zivilen Nutzung versprachen sich die Militärs schnellere und bessere FuE-Ergebnisse und
vor allem wesentlich niedrigere Gerätepreise durch Massenfertigung. So sanken die Kosten eines
Empfängers von 100.00 Dollar in Jahr 1984 auf heute deutlich unter 1000 Dollar.
Im gleichzeitig erschienenen Defense Science and Technology Plan der konkreten militärischen FuE-Projekte bis zum Jahr 2005 werden 19 Technologie-Gebiete benannt, von denen 12 zur Informatik gehören. Allein bis 1999 werden in diesen Gebieten 14,5 Milliarden Dollar ausgegeben.
Als wichtigstes Ziel auf dem Gebiet "Computing and Software" verfolgt das DoD weiterhin, über die besten und robustesten Computersysteme zu verfügen. Die Entwicklung neuer Computerarchitekturen ist am Schlachtfeld als Einsatzgebiet orientiert. Im DoD fällt heute täglich die enorme Datenmasse von mehreren Terabytes an, die bis 2005 auf 0,5 Petabytes pro Tag ansteigen soll. Deren Verarbeitung verlangt nach global verteilten, massiv parallelen Systemen. Angestrebt werden bis Ende dieses Jahres Komponenten, die mit mehreren Billionen Operationen pro Sekunde arbeiten. Bis 2005 soll dies nochmals um den Faktor 1000 gesteigert werden. Benötigt wird ferner ein weltweit verfügbares Multimedia-Netzwerk mit einem Datendurchsatz von 155-655 Megabytes pro Sekunde. Trotz der enormen Kosten erhielten die Telekommunikationskonzerne AT&T, GTE und Time/Warner einen Auftrag über 5 Mrd. Dollar.
Noch gibt es einige Schwierigkeiten. Als Flaschenhals erweist sich die Verschlüsselung, da die existierenden Verfahren für die geplanten Geschwindigkeiten zu langsam sind. Die Ausrüstung jedes Soldaten mit leistungsfähigen PCs und dessen Anbindung an Führungsstellen führt zu Problemen bei der Kooperation von Millionen heterogener Computer in einem Netz. Möglich werden soll dies durch die Konvergenz militärischer und ziviler Systeme in einer sogenannten "Single System Software Technology". Compiler, Betriebssysteme, Entwicklungsumgebungen und Runtime-Bibliotheken sollen darin zu einem monolithischen System für die unterschiedlichsten zivilen und militärischen Computer zusammengeführt werden. Damit sollen die je nach Einsatzgebiet und Konfliktform wechselnden Softwarekomponenten schneller anpaßbar sein. Vor allem soll die schnelle Anpassung ziviler Software ermöglicht werden.
Bei der Hardware wird verstärkt auf elektro-optische Komponenten und Verbindungen zurückgegriffen werden. Der Grund ist nicht nur ihre höhere Geschwindigkeit, sondern vor allem ihre Unempfindlichkeit gegen Störungen. Schon für dieses Jahr werden 10 Gigahertz-Prozessoren und optische Disks mit 4 Gigabyte Kapazität angepeilt. Das Chip-Design wird vorangetrieben, um härtester Mikrowellenbestrahlung standzuhalten. Bei den Materialien wird neben Gallium-Arsenid vor allem auf Silizium-Germanium und Silizium-Kohlenstoff gesetzt.
Auch an intelligenten Systemen besteht weiterhin Interesse. Die Fusion der enormen Datenmengen
bei der Lenkung von Schlachten per Computer macht nach Ansicht des DoD wissensbasierte
Techniken notwendig. In militärischen "Problemlösungs-Umgebungen" sollen künstliche und
menschliche Entscheider in Kommandozentralen bruchlos miteinander arbeiten. Bis 2005 sollen die
künstlichen Systeme sogar über "Selbst-Bewußtsein" verfügen, um den bei weltweiten Operationen
wechselnden "lokalen und globalen Kontext" zu verstehen.
Weit wichtiger als die Sicherung von Daten ist dem DoD derzeit aber die offensive Nutzung von
Sicherheitslücken in Datennetzen. Alle Teilstreitkräfte der USA betreiben gemeinsam das Joint
Electronic Warfare Center. Dort wird die "Constant Web"-Datenbank gepflegt, die Fakten über
Computersysteme in aller Welt enthält und über 67 Länder verteilt arbeitet. Sie soll im Krisenfall
Möglichkeiten zur Manipulation, vor allem aber zur Zerstörung von Informations- und
Kommunikationssystemen eines Gegners verfügbar machen.
Die Vorhaben der Bundeswehr konzentrierten sich auf den Aufbau der Kommunikationsinfrastruktur sowohl als flächendeckendes Führungssystem als auch bei der Integration von Systemen in "Gefechtsfahrzeuge". Priorität in der geheimen F&T-Leitlinie des BMVg haben für die nächsten Jahre Techniken zur "operativen und strategischen Aufklärung", zur "Anpassung der Führungsfähigkeit an die neuen Rahmenbedingungen" - also out-of-area-Einsätze - und die Weiterentwicklung "intelligenter" Munition. Die Bundeswehr forscht also daran, ihre Informationstechnik an die Bedingungen weltweiter Einsätze anzupassen.
Bei alledem wird die Bundesregierung nicht müde zu betonen, welchen Gewinn militärische FuE für zivile Anwender hat. Besonders das vom BMVg entwickelte "Vorgehensmodell" einer Softwareentwicklung wird auch von anderen Ministerien genutzt. Im Bereich Beschaffung hält die Bundesregierung Erfahrungen aus dem Cooperative Technology Project für zivil nützlich. Jede Aussage über die militärische Verwendung ziviler FuE wird jedoch sorgsam vermieden. Erklärt wird lediglich: "Eine Aussage zur "dual-use"-Fähigkeit ist nur möglich anhand konkreter Anwendungen". Auf die will die Bundesregierung von sich aus wohl nicht eingehen. Anlaß wiederum für Kiper, erneut nachzufragen.
Auch zu Information Warfare ist der Bundesregierung wenig zu entlocken. Die Beteiligung von Bundeswehrsoldaten an Veranstaltungen zu Information Warfare sind für sie nur ein Element, um den Kenntnisstand der Bundeswehr zu heben. Weil der Nutzen dieser neue Doktrin gänzlich unklar sei, hat die Bundesregierung 1996 erst einmal eine mit einer Million Mark dotierte Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse sie abwarten wolle.
Wenn nun auch in der Bundesrepublik mehr Daten über militärische FuE in der Informationstechnik
vorliegen, so zeigt der Vergleich mit den USA, daß hier noch viel zu tun bleibt, um bei Vorhaben der
Bundeswehr mehr Transparenz herzustellen. Hier wie dort deutlich wird aber die wachsende Rolle
der Informationstechnik für das Militär ebenso wie ihr Bemühen, auf die technologische Entwicklung
einzuwirken.
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