Manöver in der Box

Ralf E. Streibl

Auszug aus dem Artikel "Der real simulierte Krieg", erschienen in der Zeitschrift FriedensForum, 1997, (Nr.3). Gekürzt auch in FIFF-Kommunikation, 1997, 14.Jg. (Nr.2), S.14


Computer werden seit längerem schon in Zusammenhang mit konventionellen Manövern und Kampftraining eingesetzt. Im bayerischen Hohenfels - auf dem mit rund 16.000 Hektar größtem Manöver-Stützpunkt der US Armee in Europa, auf dem seit 1960 auch die Bundeswehr trainiert - ist ebenso wie im "National Training Center" der US Armee in Fort Irwin (USA) seit längerem das "Multiple Integrated Laser Engagement System" (MILES) im Einsatz: Alle im Manöver eingesetzten Waffen simulieren den Schuß mit einem Laserimpuls. Die mit Sensoren überzogenen Fahrzeuge erkennen Treffer und schalten ggf. das Fahrzeug als "zerstört" ab. Über Satellit sind die Einheiten mit Computern in der Kommandozentrale des "Combat Maneuver Training Center" verbunden, wo die Schlacht auf Bildschirmen dargestellt wird. Ein vergleichbares System ist auch für das geplante, über 680 Mio. DM teuere Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr auf dem Truppenübungplatz Altmark bei Magdeburg vorgesehen.

Der nächste Schritt ist auch schon Realität: In Schweinfurt fahren keine echten Panzer durchs Gelände - die Panzerbesatzungen trainieren in langen Reihen von Trainingsboxen. Die einzelnen Simulatoren sind über Datenleitung miteinander verknüpft, was das gemeinsame Training ganzer Einheiten ermöglicht. Das SIMNET erlaubt die Vernetzung von hunderten solcher Simulationsboxen auch über Kontinente hinweg. Das Innere der Simulatoren ist dem Orginalpanzer realgetreu nachempfunden. SIMNET-Training wird nicht als Ersatz für echtes Feldtraining gesehen und weist auch noch Defizite z.B. im Hinblick auf die Simulation der Umgebungsbedingungen auf. Dem soll durch das Nachfolgesystem "Close Combat Tactical Trainer" (CCTT) abgeholfen werden, dessen Einführung von 1996 bis 1999 geplant ist. Von solcher Detailtreue erhofft man sich zum einen bessere Lerneffekte, zum anderen wird der Mensch - oder wie es im Jargon heißt: das "menschliche Teilsystem im Gesamtsystem von Mensch und Maschine" - auf seine Zuverlässigkeit und Belastbarkeit getestet.

In dem 1982 entstandenen "Warrior Preparation Center" (WPC) in Ramstein werden verteilte interaktive Computersimulationen entwickelt und durchgeführt. Nachdem 1989 erstmalig eine NATO-weite Übung im Rahmen des "Distributed Wargaming System" stattfand, begannen ab 1992 Übungen mit weltweit verteilten Teilnehmern: Unter dem Namen "Ulchi Focus Lens" werden seither jährliche "Wargaming"-Übungen durchgeführt, um Verhalten und Entscheidungsfindung unter realitätsnahen Streßbedingungen zu testen und zu trainieren. 1996 fand in diesem Rahmen eine gemeinsame interaktive Echtzeit-Simulation des "Warrior Preparation Center" in Deutschland, dem "Korean Air Simulation Center" in Süd-Korea, der 7. Flotte der US Navy, dem "Air Force's Theater Battle Arena" im Pentagon und weiterer Einrichtungen statt. Bis zum Jahr 2000 sollen im Rahmen des "Synthetic Theater of War"-Programms (STOW) des amerikanischen Verteidigungsministeriums mehr als 100.000 verschiedene Waffenplattformen in ein simuliertes Gefechtsfeld integriert werden. Im Oktober 1997 soll ein erster großer Einsatz des Prototypen in Zusammenhang mit "Unified Endeavor 98-1" stattfinden.

Ein Hauptaspekt des Trainings am Simulator ist die scheinbare Gefahrlosigkeit des Handelns: egal welche "Fehler" sich im Verhalten oder in den Entscheidungen ereignen - das Szenario kann erneut begonnen werden. Daneben besteht die Gefahr, daß sich bestimmte Aspekte des Simulationsmodells vom Soldaten als normal angesehen werden. Das kann dazu führen, daß er im wirklichen Einsatz die so gelernten Verhaltensweisen anwendet, obwohl die Situation möglicherweise anders ist. Im Simulator wird die Wirklichkeit vereinfacht dargestellt. Solch eine Reduzierung der Komplexität einer Situation kann zur Erreichung spezifischer Trainingsziele hilfreich sein. Sie kann jedoch auch gezielt für eine systematische subtile Einflußnahme auf den Soldaten im Simulator genutzt werden, wenn bestimmte Aspekte weggelassen werden oder absichtlich weniger realistisch dargestellt werden als andere (z.B. keine blutigen, schreienden Opfer, sondern nur Qualmwölkchen über einem zerstörten Fahrzeug). Auch die Palette der im Simulationsmodell vorgesehenen Handlungsmöglichkeiten beeinflußt das Erleben der Situation: militärische Simulationen sind zumeist auf die Handhabung militärischen Geräts oder die strategische Ebene beschränkt. Die Optimierung des Kampfverhaltens ist das zentrale Ziel. Politisch-vermittelnde Aktionen jeglicher Art bleiben ebenso außen vor wie die Erarbeitung neuer Konfliktvermeidungs- und Deeskalationsstrategien - erst recht in einer Zeit, in der die Bundeswehr im Eilschritt von humanitären out-of-area-Missionen zu ihren ersten Kampfeinsätzen eilt und Friedensmissionen der Vereinten Nationen ohne schlagkräftige "Schnelle Eingreiftruppen" kaum denkbar scheinen.





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