Computer und Krieg

Peter Ansorge & Ralf E. Streibl

Auszüge eines Artikels aus dem Tagungsband zur 10. FIFF-Jahrestagung 1994 in Bremen (Ansorge & Streibl 1995)




"Dabei war die Thematik des FIFF nie auf die Rüstungsfrage beschränkt, aber sie ging von dieser Frage aus." [Genrich 1995]


10 Jahre FIFF - 10 Jahre Auseinandersetzung mit "Rüstung und Informatik"

10 Jahre Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIFF) sind auch und vor allem 10 Jahre "Informatik und Rüstung". In der Gründungsphase war Informatik und Rüstung das zentrale Thema des FIFF (vgl. [Genrich 1995]; ähnliche Motive hatten kurz vorher in den USA zur Gründung der "Computer Professionals for Social Responsibility" - CPSR - geführt, vgl. hierzu [Johnson 1995]). Die Beschäftigung damit war ein Politikum - starke Ablehnung bis hin zu Diffamierung als "unwissenschaftlich" auf der einen Seite und große Zustimmung auf der anderen Seite waren die Reaktionen. Die Gründung des FIFF war auch auf die massiven Widerstände innerhalb der "Gesellschaft für Informatik" (GI) zurückzuführen.

Der Themenbereich "Rüstung und Informatik" (RUIN) stand auch in den Folgejahren im Mittelpunkt der FIFF-Arbeit. Neben zwei Büchern zu diesem Thema [Bickenbach et al. 1991] war das Thema auf den Jahrestagungen des FIFF und in der eigenen Zeitschrift FIFF-Kommunikation präsent.

Das FIFF war in seiner Anfangszeit Teil einer starken Friedensbewegung. Trotz ihrer Erfolge ist die Friedensbewegung heute nicht mehr als einheitliche, starke politische Kraft auszumachen - es existieren noch einzelne Gruppen, die zum ein oder anderen Thema eine Erklärung abgeben oder eine Aktion durchführen. - Die Politiker und Leitartikler der Gegenwart propagieren die "neue Unübersichtlichkeit" nach der "Überwindung des Ost-West-Konflikts". Typisch für diese Geisteshaltung sind die Ausführungen von ZEIT-Herausgeber Theo Sommer zum Jahreswechsel 1994/95, der "Verworrenheit, erdumspannende Unwuchten und Ungleichzeitigkeiten, vielfältige Gegenläufigkeiten und verfließende Perspektiven" als Kennzeichen unserer Zeit betrachtet. Doch vieles läßt sich einfacher erklären: Der Konflikt zwischen Arm und Reich und auch die Chance, mit Rüstungsgeschäften überdurchschnittliche Profite zu erzielen, bestehen unvermindert weiter. So darf sich heute niemand wundern, daß die Zahl militärischer Auseinandersetzungen zugenommen hat. Unübersichtlich wirkt die Welt nur, weil die Kriege in Ex-Yugoslawien, in Tschetschenien, die Massaker in Ruanda als ethnische Konflikte, Stammesfehden, Religionskriege oder "Nachwirkungen des Stalinismus" erklärt werden. Derartige vorgeschobene Ursachen lassen sich nicht bekämpfen, die Konsequenz ist häufig der Rückzug ins Private, ins Diffuse und Esoterische oder in die neue Unübersichtlichkeit der postmodernen Ideologie.

"Unübersichtlicher" wird die Welt auch dadurch, daß vielerorts neue Feindbilder aufgebaut bzw. alte reaktiviert werden. Beispielsweise wird mit sinkender Bedeutung der Ost-West-Polarisierung und der alten Feindbilder deutlich, daß im "Kalten Krieg" an vielen Stellen der Welt Konfliktpotential verdrängt, verdeckt und ignoriert wurde. Verwunderung und Hilflosigkeit in der Öffentlichkeit und in den Medien angesichts der steigenden Zahlen von regionalen Konflikten und Spannungen werden in den Ruf nach "schnellen Eingreiftruppen" und militärischen "Kriseninterventionskräften" kanalisiert.

Die eigentlich erforderliche Auseinandersetzung mit Geschichte und Entstehung dieser Konflikte und den Gründen, warum sie jetzt eskalieren, unterbleibt. Engagement und Radikalität in der Frage von Krieg und Frieden sind out.

Teilweise sind Zusammenhänge heute tatsächlich schwieriger zu erkennen als vor 10 Jahren. "Dual Use" ist ein Beispiel hierfür (vgl. [Domke 1992]). Militärische und zivile Forschung werden systematisch vermengt - auch im Bereich Informatik. "Zivilitärische" Informatik [Kreowski 1987, S.40] macht die Arbeit des FIFF schwieriger, verglichen mit Zeiten, als beispielsweise ADA als rein militärische Entwicklung mit allen negativen Konsequenzen benannt werden konnte. Die Ursachen der Entwicklung hin zu Dual Use mögen vielfältig sein - vielleicht hat das FIFF auch seinen Anteil daran: Immer weiter wachsende Rüstungshaushalte sind angesichts öffentlicher Kritik der Friedensbewegung, auch seitens des FIFF, nicht mehr durchsetzbar. Dual-Use als Reaktion des militärisch-industriellen Komplexes ist somit durchaus ein - wenn auch zweifelhafter - Erfolg des FIFF. Jetzt geht es darum, dies als Schachzug zu enttarnen (vgl. [Offener Brief 1994]), denn im Prinzip geht es immer noch um die gleichen Fragen der Militarisierung von Wissenschaft und Technikentwicklung wie vor 10 Jahren.



Reaktionen - damals und heute

Vor 10 Jahren war das Wirken des FIFF und die Auseinandersetzung mit dem Themenbereich "Rüstung und Informatik" durch Zuspitzung gekennzeichnet. Stellungnahmen des FIFF riefen scharfe Reaktionen hervor. Für Aktionen der Friedensbewegung galt ähnliches: Die Unterschrift unter dem "Krefelder Appell" führte anfangs in der SPD zum Parteiausschluß.

Mit dem Abflauen der Friedensbewegung hat auch die Beschäftigung mit dem Thema "Rüstung und Informatik" nachgelassen. Eine Umfrage bei den Informatik-Fachbereichen/Studiengängen bundesdeutscher Universitäten (schriftlich über die Fachbereichsverwaltungen und elektronisch über die FIFF- und die VERTIG-Mailingliste sowie die KIF-Mailingliste der Informatik-Fachschaften) erbrachte Hinweise auf sieben Universitäten, an denen in den letzten fünf Jahren Aspekte des Bereichs "Informatik und Rüstung/Militär" in der Lehre behandelt wurden. Dies geschah jedoch oft nur an einem einzigen Termin im Rahmen einer Vorlesung oder Übung, teilweise handelte es sich dabei noch um Lehrveranstaltungen, die nicht regelmäßig angeboten werden. Nur von drei Universitäten (TU Wien, Uni Hamburg, Uni Bremen) wurden spezifische Lehrveranstaltungen zum Themenbereich Informatik und Rüstung gemeldet. Das ist bedauerlich wenig. Bei mehreren Antworten wurde auf entsprechendes Interesse seitens der Studierenden hingewiesen. Anders als vor 10 Jahren, als die Veranstaltung eines Seminars zum Thema "Informatik und Rüstung" an der Universität ein Politikum war und nur durch massiven Druck durchgesetzt werden konnte (z.B. durch gemeinsame Durchführung von 10 DozentInnen - Uni Dortmund 1984) scheint es heute keine nennenswerten Widerstände hinsichtlich derartiger Veranstaltungen zu geben. Handelt es sich dabei um einen Erfolg der Friedensbewegung (und des FIFF) oder um ein Zeichen wahrgenommener Wirkungslosigkeit? Erfreulich ist jedenfalls, daß solche Veranstaltungen - so sie angeboten werden - auf Zuspruch und Beteiligung der Studierenden treffen.

Ebenfalls erfreulich war das Interesse und die Beteiligung an der Arbeitsgruppe "Computer und Krieg" auf der 10. Jahrestagung des FIFF, 1994 in Bremen. Die Resonanz dieser AG und die Diskussionen, die sich zu den vier Vorträgen ergaben, zeigten erneut, wie notwendig eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen und Problemen im Zusammenhang mit Informatik und Militär/Rüstung auch heute noch ist.



"Rüstung und Informatik" ist zentrales Thema des FIFF

"Dennoch wird, bis auf ganz wenige Ausnahmen, in der BRD Informatikforschung als zivil und wertfrei begriffen. Eingeräumt wird lediglich, daß die Ergebnisse für den Krieg mißbraucht werden können..." [Genrich 1991, S.164]


Rüstung und Informatik - das zeigte die FIFF-Jahrestagung, das zeigen aber leider auch immer wieder aktuelle Ereignisse - bleibt weiterhin auf der Tagesordnung. Nach aktuellen Zahlen hat sich die BRD zum zweitgrößten Waffenexporteur der Welt entwickelt, die Bundeswehr tritt zu Einsätzen außerhalb der Landes- und NATO-Grenzen an, gleichzeitig müssen aber auch die Mitarbeiter in Rüstungsbetrieben um Arbeitsplätze bangen. Informatikerinnen und Informatiker stehen zwischen zivilen und militärischen Aspekten ihres Faches (und deren weitreichenden Überschneidungen) in der Verantwortung, was gerade bei der derzeitigen Lage auf dem Arbeitsmarkt zu Konflikten führen muß (vgl. [Hasler et al. 1989]).

Angesichts dieser Situation steht das FIFF weiterhin in der Pflicht, intensiv und konkret für den Frieden zu arbeiten. FIFF muß informieren - Fachleute wie Öffentlichkeit -, friedenspolitische Aktivitäten von InformatikerInnen bündeln und verstärken und massiv gegen die offenen und verdeckten zivil-militärischen Verflechtungen tätig werden. Es ist wichtig, diese Aspekte nicht isoliert zu betrachten, und auch eine Reihe anderer Themen fordert verantwortliches, gesellschaftsorientiertes Handeln von InformatikerInnen. Doch allzu leicht ist es, die Verquickungen zwischen Militär und Informatik zu übersehen.


Literatur:

Ansorge, P.; Streibl, R.E.: Computer und Krieg. In: Kreowski, H.-J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda.

Bernhardt, U.; Ruhmann, I. (Hrsg.) (1991): Ein sauberer Tod. Informatik und Krieg. Marburg/Bonn: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF).

Bickenbach, J.; Keil-Slawik, R.; Löwe, M.; Wilhelm, R. (Hrsg.) (1985): Militarisierte Informatik. Marburg/Berlin: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF).

Domke, M. (1992): DUAL-USE: Berücksichtigung militärischer Anforderungen bei der zivilen Entwicklung neuer Technologien. In: Kreowski, H.-J. (Hrsg.): Informatik zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Zur Erinnerung an Reinhold Franck. Berlin: Springer, S.266-279.

Genrich, H. (1991): "Human Factors". Rückwirkungen der militärischen Degradierung menschlicher Intelligenz auf die Gesellschaft. In: Bernhardt, U.; Ruhmann, I. (Hrsg.): Ein sauberer Tod. Informatik und Krieg. Marburg/Bonn: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF), S. 163-170.

Genrich, H. (1995): 10 Jahre FIFF - Orientierungen und Aktivitäten. In: Kreowski, H.-J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda.

Hasler, K.-P.; Ahlemann-Eltze, M.; Scharringhausen, L. (1989): Die Rolle von InformatikerInnen in Rüstungsbetrieben. In: Klischewski, R.; Pribbenow, S. (Hrsg.): ComputerArbeit. Täter, Opfer - Perspektiven. Berlin: VAS, S.64-71.

Johnson, J. (1995): Computer Professionals for Social Responsibility (CPSR) - Ursprung und Themen. In: Kreowski, H.-J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda.

Kreowski, H.-J. (1987): Informatik und Militär: Zusammen in den Abgrund. In: Löwe, M.; Schmidt, G.; Wilhelm, R. (Hrsg.): Umdenken in der Informatik. Berlin: VAS, S.37-42.

[Offener Brief 1994]: Nein zu »dual use«. Nein zur Militarisierung der Forschung. Offener Brief an die Beschäftigten in Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, Bundesregierung, Parteien, Gewerkschaften und Friedensinitiativen. In: Forum Wissenschaft, 11 (1), S.35-36.



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