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"Dabei war die Thematik des FIFF nie auf die Rüstungsfrage beschränkt, aber sie ging von dieser Frage aus." [Genrich 1995] |
Der Themenbereich "Rüstung und Informatik" (RUIN) stand auch in den Folgejahren im
Mittelpunkt der FIFF-Arbeit. Neben zwei Büchern zu diesem Thema [Bickenbach et al. 1991]
war das Thema auf den Jahrestagungen des FIFF und in der eigenen Zeitschrift
FIFF-Kommunikation präsent.
Das FIFF war in seiner Anfangszeit Teil einer starken Friedensbewegung. Trotz ihrer Erfolge
ist die Friedensbewegung heute nicht mehr als einheitliche, starke politische Kraft
auszumachen - es existieren noch einzelne Gruppen, die zum ein oder anderen Thema eine
Erklärung abgeben oder eine Aktion durchführen. - Die Politiker und Leitartikler der
Gegenwart propagieren die "neue Unübersichtlichkeit" nach der "Überwindung des
Ost-West-Konflikts". Typisch für diese Geisteshaltung sind die Ausführungen von
ZEIT-Herausgeber Theo Sommer zum Jahreswechsel 1994/95, der "Verworrenheit,
erdumspannende Unwuchten und Ungleichzeitigkeiten, vielfältige Gegenläufigkeiten und
verfließende Perspektiven" als Kennzeichen unserer Zeit betrachtet. Doch vieles läßt sich
einfacher erklären: Der Konflikt zwischen Arm und Reich und auch die Chance, mit
Rüstungsgeschäften überdurchschnittliche Profite zu erzielen, bestehen unvermindert weiter.
So darf sich heute niemand wundern, daß die Zahl militärischer Auseinandersetzungen
zugenommen hat. Unübersichtlich wirkt die Welt nur, weil die Kriege in Ex-Yugoslawien, in
Tschetschenien, die Massaker in Ruanda als ethnische Konflikte, Stammesfehden,
Religionskriege oder "Nachwirkungen des Stalinismus" erklärt werden. Derartige
vorgeschobene Ursachen lassen sich nicht bekämpfen, die Konsequenz ist häufig der
Rückzug ins Private, ins Diffuse und Esoterische oder in die neue Unübersichtlichkeit der
postmodernen Ideologie.
"Unübersichtlicher" wird die Welt auch dadurch, daß vielerorts neue Feindbilder aufgebaut
bzw. alte reaktiviert werden. Beispielsweise wird mit sinkender Bedeutung der
Ost-West-Polarisierung und der alten Feindbilder deutlich, daß im "Kalten Krieg" an vielen
Stellen der Welt Konfliktpotential verdrängt, verdeckt und ignoriert wurde. Verwunderung
und Hilflosigkeit in der Öffentlichkeit und in den Medien angesichts der steigenden Zahlen
von regionalen Konflikten und Spannungen werden in den Ruf nach "schnellen
Eingreiftruppen" und militärischen "Kriseninterventionskräften" kanalisiert.
Die eigentlich erforderliche Auseinandersetzung mit Geschichte und Entstehung dieser
Konflikte und den Gründen, warum sie jetzt eskalieren, unterbleibt. Engagement und
Radikalität in der Frage von Krieg und Frieden sind out.
Teilweise sind Zusammenhänge heute tatsächlich schwieriger zu erkennen als vor 10 Jahren.
"Dual Use" ist ein Beispiel hierfür (vgl. [Domke 1992]). Militärische und zivile Forschung
werden systematisch vermengt - auch im Bereich Informatik. "Zivilitärische" Informatik
[Kreowski 1987, S.40] macht die Arbeit des FIFF schwieriger, verglichen mit Zeiten, als
beispielsweise ADA als rein militärische Entwicklung mit allen negativen Konsequenzen
benannt werden konnte. Die Ursachen der Entwicklung hin zu Dual Use mögen vielfältig sein
- vielleicht hat das FIFF auch seinen Anteil daran: Immer weiter wachsende
Rüstungshaushalte sind angesichts öffentlicher Kritik der Friedensbewegung, auch seitens des
FIFF, nicht mehr durchsetzbar. Dual-Use als Reaktion des militärisch-industriellen
Komplexes ist somit durchaus ein - wenn auch zweifelhafter - Erfolg des FIFF. Jetzt geht es
darum, dies als Schachzug zu enttarnen (vgl. [Offener Brief 1994]), denn im Prinzip geht es
immer noch um die gleichen Fragen der Militarisierung von Wissenschaft und
Technikentwicklung wie vor 10 Jahren.
Mit dem Abflauen der Friedensbewegung hat auch die Beschäftigung mit dem Thema
"Rüstung und Informatik" nachgelassen. Eine Umfrage bei den
Informatik-Fachbereichen/Studiengängen bundesdeutscher Universitäten (schriftlich über die
Fachbereichsverwaltungen und elektronisch über die FIFF- und die VERTIG-Mailingliste
sowie die KIF-Mailingliste der Informatik-Fachschaften) erbrachte Hinweise auf sieben
Universitäten, an denen in den letzten fünf Jahren Aspekte des Bereichs "Informatik und
Rüstung/Militär" in der Lehre behandelt wurden. Dies geschah jedoch oft nur an einem
einzigen Termin im Rahmen einer Vorlesung oder Übung, teilweise handelte es sich dabei
noch um Lehrveranstaltungen, die nicht regelmäßig angeboten werden. Nur von drei
Universitäten (TU Wien, Uni Hamburg, Uni Bremen) wurden spezifische
Lehrveranstaltungen zum Themenbereich Informatik und Rüstung gemeldet. Das ist
bedauerlich wenig. Bei mehreren Antworten wurde auf entsprechendes Interesse seitens der
Studierenden hingewiesen. Anders als vor 10 Jahren, als die Veranstaltung eines Seminars
zum Thema "Informatik und Rüstung" an der Universität ein Politikum war und nur durch
massiven Druck durchgesetzt werden konnte (z.B. durch gemeinsame Durchführung von 10
DozentInnen - Uni Dortmund 1984) scheint es heute keine nennenswerten Widerstände
hinsichtlich derartiger Veranstaltungen zu geben. Handelt es sich dabei um einen Erfolg der
Friedensbewegung (und des FIFF) oder um ein Zeichen wahrgenommener
Wirkungslosigkeit? Erfreulich ist jedenfalls, daß solche Veranstaltungen - so sie angeboten
werden - auf Zuspruch und Beteiligung der Studierenden treffen.
Ebenfalls erfreulich war das Interesse und die Beteiligung an der Arbeitsgruppe "Computer
und Krieg" auf der 10. Jahrestagung des FIFF, 1994 in Bremen. Die Resonanz dieser AG und
die Diskussionen, die sich zu den vier Vorträgen ergaben, zeigten erneut, wie notwendig eine
Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen und Problemen im Zusammenhang mit
Informatik und Militär/Rüstung auch heute noch ist.
| "Dennoch wird, bis auf ganz wenige Ausnahmen, in der BRD Informatikforschung als zivil und wertfrei begriffen. Eingeräumt wird lediglich, daß die Ergebnisse für den Krieg mißbraucht werden können..." [Genrich 1991, S.164] |
Rüstung und Informatik - das zeigte die FIFF-Jahrestagung, das zeigen aber leider auch
immer wieder aktuelle Ereignisse - bleibt weiterhin auf der Tagesordnung. Nach aktuellen
Zahlen hat sich die BRD zum zweitgrößten Waffenexporteur der Welt entwickelt, die
Bundeswehr tritt zu Einsätzen außerhalb der Landes- und NATO-Grenzen an, gleichzeitig
müssen aber auch die Mitarbeiter in Rüstungsbetrieben um Arbeitsplätze bangen.
Informatikerinnen und Informatiker stehen zwischen zivilen und militärischen Aspekten ihres
Faches (und deren weitreichenden Überschneidungen) in der Verantwortung, was gerade bei
der derzeitigen Lage auf dem Arbeitsmarkt zu Konflikten führen muß (vgl. [Hasler et al.
1989]).
Angesichts dieser Situation steht das FIFF weiterhin in der Pflicht, intensiv und konkret für
den Frieden zu arbeiten. FIFF muß informieren - Fachleute wie Öffentlichkeit -,
friedenspolitische Aktivitäten von InformatikerInnen bündeln und verstärken und massiv
gegen die offenen und verdeckten zivil-militärischen Verflechtungen tätig werden. Es ist
wichtig, diese Aspekte nicht isoliert zu betrachten, und auch eine Reihe anderer Themen
fordert verantwortliches, gesellschaftsorientiertes Handeln von InformatikerInnen. Doch allzu
leicht ist es, die Verquickungen zwischen Militär und Informatik zu übersehen.
Bernhardt, U.; Ruhmann, I. (Hrsg.) (1991): Ein sauberer Tod. Informatik und Krieg. Marburg/Bonn: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF).
Bickenbach, J.; Keil-Slawik, R.; Löwe, M.; Wilhelm, R. (Hrsg.) (1985): Militarisierte Informatik. Marburg/Berlin: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF).
Domke, M. (1992): DUAL-USE: Berücksichtigung militärischer Anforderungen bei der zivilen Entwicklung neuer Technologien. In: Kreowski, H.-J. (Hrsg.): Informatik zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Zur Erinnerung an Reinhold Franck. Berlin: Springer, S.266-279.
Genrich, H. (1991): "Human Factors". Rückwirkungen der militärischen Degradierung menschlicher Intelligenz auf die Gesellschaft. In: Bernhardt, U.; Ruhmann, I. (Hrsg.): Ein sauberer Tod. Informatik und Krieg. Marburg/Bonn: Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden (BdWi / FIFF), S. 163-170.
Genrich, H. (1995): 10 Jahre FIFF - Orientierungen und Aktivitäten. In: Kreowski, H.-J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda.
Hasler, K.-P.; Ahlemann-Eltze, M.; Scharringhausen, L. (1989): Die Rolle von InformatikerInnen in Rüstungsbetrieben. In: Klischewski, R.; Pribbenow, S. (Hrsg.): ComputerArbeit. Täter, Opfer - Perspektiven. Berlin: VAS, S.64-71.
Johnson, J. (1995): Computer Professionals for Social Responsibility (CPSR) - Ursprung und Themen. In: Kreowski, H.-J.; Risse, T.; Spillner, A.; Streibl, R.E.; Vosseberg, K. (Hrsg.): Realität und Utopien der Informatik. Münster: agenda.
Kreowski, H.-J. (1987): Informatik und Militär: Zusammen in den Abgrund. In: Löwe, M.; Schmidt, G.; Wilhelm, R. (Hrsg.): Umdenken in der Informatik. Berlin: VAS, S.37-42.
[Offener Brief 1994]: Nein zu »dual use«. Nein zur Militarisierung der Forschung. Offener
Brief an die Beschäftigten in Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, Bundesregierung,
Parteien, Gewerkschaften und Friedensinitiativen. In: Forum Wissenschaft, 11 (1), S.35-36.
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