Informationstechnik und Behinderung



Für die Kolumne "SchlußpFIfF" dieser Ausgabe der FIfF-Kommunikation haben wir einen Text ausgesucht, der zeigt, daß manche Themen und Fragestellungen seit Jahrzehnten unverändert aktuell sind...


"Die Herausforderung der menschlichen Gesellschaft durch den Computer

Auszüge aus einem Vortrag von Prof. Dr. Fritz Krückeberg, 1973 im Marburger Forum Philippinum

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.


(...)

Ein weiterer Gesichtspunkt, der ebenfalls durch die Datenverarbeitung aufgeworfen wird, ist der Freiheitsbegriff. Es wird in vielerlei Bedeutung von der Freiheit gesprochen, von der unternehmerischen Entscheidungsfreiheit, der Freiheit des Einzelnen usw. Man sollte annehmen, daß die Datenverarbeitung durch die Möglichkeit, mehr Information zu bieten, erheblich beiträgt zu einer Aufhellung des Entscheidungshintergrundes und damit zu einer Verbreiterung des Freiheitsraumes. Dieses gilt allerdings nicht uneingeschränkt. Es gibt im Grunde drei Stufen der Freiheit, je nachdem wie weit die Informiertheit jeweils reicht. Hierbei lehne ich mich an eine Überlegung von Zuse an.

Die erste Stufe beinhaltet eine Freiheit aus Ratlosigkeit. Es ist dies die Situation unzureichender Information, aus der heraus der Einzelne sich sogar sehr frei fühlen kann.

Bei zunehmender Informiertheit, speziell dann, wenn ein Informationsvorsprung und damit eine gewisse Überlegenheit in bezug auf das Gegenüber erreicht werden kann, tritt eine zweite Stufe der Freiheit auf, die Freiheit aus Überlegenheit. Innerhalb solcher Freiheit aus besserer Informiertheit werden in der Regel Alternativen sichtbar, man kann Alternativen bewerten und sieht mögliche günstige Wege.

Wenn schließlich noch mehr Information (aber aus sich gegenüberstehenden Perspektiven) zur Verfügung steht und in eine Bewertung. einbezogen wird, tritt allerdings möglicherweise der Fall ein, daß die Freiheit wiederum ganz erheblich eingeengt wird. Diese dritte Stufe der Freiheit ist in der Regel belastet mit einer Anzahl von Konflikten. Möglicherweise gibt es überhaupt keinen konfliktfreien Weg mehr. Eine derart belastete Situation wird um so eher auftreten, je komplexer der Sachverhalt ist und je weiter die Kausalketten reichen oder in ihren Konsequenzen verfolgt werden können.

Die Politiker der Zukunft sollten also nicht von der Hoffnung ausgehen, sie könnten einmal aufgrund der Datenverarbeitung durch mehr Information mehr Spielraum gewinnen. Es ist vielmehr zu erwarten, daß durch mehr Information die Aktionslandschaft zwar qualitativ interessanter, aber keineswegs leichter oder konfliktfreier zu handhaben sein wird.

Ein weiterer sehr wichtiger Problemschwerpunkt ist die Frage, welche Auswirkung große Informationsvorräte haben können, wenn sie über die Datenverarbeitung leicht verfügbar gemacht werden können. Zu bedenken ist hier nicht nur der Informationsvorsprung und damit Machtvorsprung dessen, der über solche Informationssysteme verfügt, sondern auch die Gefahr des Eindringens in die Individualsphäre, zum Beispiel durch mosaikartiges Zusammenfügen personenbezogener Informationen aus mehreren Informationssystemen.

(...)

Gestatten Sie mir daher zum Abschluß meines Vortrages noch folgenden allgemeinen Ausblick: Die Welt von morgen wird zunehmend komplexer sein. Es wird für den Einzelnen und für soziale Gruppen immer schwieriger werden, ein entsprechend hohes Komplexitätsniveau zu entwickeln und so der Situation gewachsen zu bleiben. Parallel dazu wird trotz einer Beschränkung materieller Quellen ein Zuwachs an individuellem Spielraum prinzipiell möglich sein. Der steigende Anspruch an den Einzelnen und an das System wird eine Vielzahl neuer Entwicklungen erforderlich machen. Heute noch stabile und autonome Strukturen können morgen zum Versagen verurteilt sein. Mit einer quantitativen Steigerung der Kräfteanspannung und einer verstärkten technokratischen Aktivität allein ist die Zukunft sicher nicht zu gewinnen. Was wir benötigen, ist ein Übergang von dem Bewußtsein einer Leistungsgesellschaft hin zu dem Bewußtsein einer Kulturgemeinschaft.



Wir danken Herrn Prof. Dr. Krückeberg ganz herzlich für die Genehmigung zum Abdruck dieser Auszüge.

Der vollständige Vortrag ist nachzulesen in:
Marburger Forum Philippinum: Computer und Gesellschaft - Nutzen und Gefahren einer modernen Technologie. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft / Frankfurt: Umwelt & Medizin Verlagsgesellschaft, 1974.


Alle Rechte vorbehalten!

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
Die komplette Zeitschrift kann bei der FIfF-Geschäftsstelle bestellt werden.


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Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
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Hinweise und Anmerkungen bitte an Ralf E. Streibl.
Letzte Änderung: 03.07.2000

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