Informationstechnik und Behinderung



Rezension:

"Computer- und Informationstechnologie -
geistigbehindertenpädagogische Perspektiven"

herausgegeben von Wolfgang Lamers.
Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben, 1999
ISBN 3-910095-39-9
mit CD-ROM
DM 39,50

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Der Herausgeber Wolfgang Lamers, Professor am Institut für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, beginnt seinen einleitenden Aufsatz nicht - wie oft üblich - mit euphorischen Ideen, sondern mit einem eher abschreckenden Szenario computergestützter Überwachung und Manipulation im Unterricht für Geistigbehinderte im Jahr 2050. Dies dient ihm als Ansatzpunkt, wesentliche Fragen anzureißen, wie z.B. bzgl. der Ambivalenz von Teleteaching (Ausgrenzung, Distanzierung) oder auch der Veränderung des Menschenbildes. Er betont, daß der Einsatz neuer Technologien bei Menschen mit einer "geistigen Behinderung" immer eine Gratwanderung sein wird (S.19), die der steten Reflexion bedarf. Der Artikel eröffnet den ersten Teil des Buches, dessen fünf Beiträge "Philosophisch-anthropologische Perspektiven" eröffnen. Bonfranchi beispielsweise verdeutlicht, daß durch moderne Technologien und nicht zuletzt durch die damit einhergehende Beschleunigung der Welt tendenziell Menschen verstärkt ausgegrenzt werden: "Eine Grenze zwischen Nicht-behindert und Lern- oder geistigbehindert-Sein gibt es nicht. Über kurz oder lang können wir alle von der modernen Technik überrollt werden" (S.84).

Der zweite Teil des Buches widmet sich in acht Beiträgen "Pädagogisch-psychologischen Perspektiven". Hagemann deutet in seinem historischen Abriß pädagogische Anknüpfungspunkte in Zusammenhang zur Geschichte des Computers und seiner Vorläufer an ("Lernmaschinen", "programmierter Unterricht", "vernetztes Lernen" etc.) und thematisiert abschließend die kulturkritische Rezeption dieser Entwicklungen. Ganz unterschiedliche theoretische Herangehensweisen, von der Tiefenpsychologie (Katzenbach) bis zum Konstruktivismus (Dönhoff) werden in den Beiträgen benutzt, um verschiedene Aspekte des Themas auszuleuchten. Doch schwebt das Buch als ganzes dabei nicht über der konkreten Anwendung. So kritisieren beispielsweise Duismann und Neeb "Infotainment" und "Edutainment" als fragwürdige Versprechungen. Sie berichten, daß - obwohl pädagogisch und technisch sinnvoll leistbar - Produkte fehlen, die Inhalte auf unterschiedlichem Niveau präsentieren.

Der dritte, "Perspektiven aus der Praxis - Perspektiven für die Praxis" überschriebene Teil des Buches illustriert in den meisten der zehn Beiträge an sehr konkreten Einzelfall- und Projektberichten die Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten des Einsatzes von Computern in der Arbeit mit sogenannten "geistig Behinderten". Dabei wird neben der Arbeit mit Lernprogrammen auch auf das Medium Internet eingegangen (Schäffler). Berichte wie z.B. der über die erfolgreiche Integration einer schwer mehrfachbehinderten Schülerin (Buß) machen deutlich, welche Potentiale in einer sinnvollen Arbeit mit diesen Hilfsmitteln liegen. Pädagogische Verantwortung und Kompetenz einerseits und die Schaffung der materiellen und personellen Rahmenbedingungen andererseits sind dabei jedoch wesentliche Parameter.

Dem Buch liegt eine CD-ROM bei, die neben einer Web-Browser-fähigen Version des Buches, einer Reihe gespiegelter Web-Dokumente und ergänzender Artikel (u.a. ein kurzer Leitfaden von Bonfranchi, worauf man bei der Beurteilung von Lernsoftware achten solle) auch einen großen Teil der im Text erwähnten Software (Windows) beinhaltet.

Ein wichtiges Buch, das durch die Vielfalt seiner Artikel und die oft differenzierte Betrachtungsweise gut die Diskussion zu diesem wichtigen Thema anregen kann.

(Ralf E. Streibl)


Alle Rechte vorbehalten!

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
Die komplette Zeitschrift kann bei der FIfF-Geschäftsstelle bestellt werden.


Die Seiten werden redaktionell betreut von der FIfF-Regionalgruppe Bremen.
Hinweise und Anmerkungen bitte an Ralf E. Streibl.
Letzte Änderung: 03.07.2000

Leitseite 'Informationstechnik und Behinderung' Zurück zur FIfF-Regionalgruppe Bremen


Valid HTML 4.0!