Informationstechnik und Behinderung



FIfF-Kommunikation 2/2000:

"Informationstechnik und Behinderung"

Redaktion: Ralf E. Streibl

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Editorial

"Was hat denn das miteinander zu tun?" - Diese Frage wurde mir erstaunlich oft gestellt, als ich das erste Mal eine Lehrveranstaltung "Informationstechnik und Behinderung" im Studiengang Informatik der Universität Bremen ankündigte. Und das charakterisiert m.E. die Situation recht gut: Für die Mehrzahl der Informatikerinnen und Informatiker ist das Thema nicht präsent - weder als Problemfeld noch als Anwendungsgebiet. Das vorliegende Heft soll einen Beitrag dazu leisten, dem abzuhelfen, und Interesse für die vielfältigen Aspekte und Betrachtungsweisen zu wecken, die in den Artikeln teilweise nur kurz angerissen werden können.

Titelbild FIfF-Kommunikation 2/2000, Photo: Monika Jeßing Bevor man einsteigt, ist es jedoch wichtig, zunächst den Begriff "Behinderung" zu hinterfragen. Die leider allzu oft übliche, defizitorientierte Sicht (es ist kein Zufall, daß dieses Heft nicht "Informatik und Behinderte" heißt!) ist weder gerechtfertigt noch hilfreich. Behinderung als soziale Konstruktion mit ihren situativen und gesellschaftlichen Ursachen zu erkennen (vgl. Interview mit W. Jantzen) bedeutet, politische, soziale, pädagogische und auch technische Handlungs- und Gestaltungsspielräume zu verdeutlichen.

Informationstechnik kann auf vielfältige Weise dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu verbessern, wie z.B. die Beiträge von Irresberger, Wegge, Bruch, Rehling und Breul überaus deutlich machen. Doch klingt in einer Reihe von Artikeln dieses Heftes auch durch, daß in der und durch die Informationsgesellschaft neue Barrieren und Behinderungen entstehen können. "Design for All" (vgl. Weber & Leidermann) heißt die geforderte Alternative.

Eine barrierefreie Gestaltung der (Informations-)Gesellschaft beinhaltet darüber hinaus auch die Entwicklung von Hilfsmitteln, die bestehende Ausgrenzungen verringern helfen. Beispielsweise stoßen Menschen mit einer Hörschädigung im Alltag auf das Problem, daß ihre Sprache, die Gebärdensprache, meist nicht anerkannt wird und nicht weit verbreitet ist. Dolmetscher stehen nicht immer zur Verfügung, außerdem bleibt deren Finanzierung häufig bei den Betroffenen hängen. Warum also nicht die Mittel der Informationstechnik nutzen, um für solche Situationen technische Hilfsmittel zu schaffen (vgl. Schulmeister)? Gibt es (beispielsweise) Möglichkeiten, die Fahrt eines Elektro-Rollstuhls durch eine schmale Türe zu unterstützen (vgl. Lankenau & Röfer)? Kann man Menschen mit einer Sehbehinderung die Orientierung in unbekannten Gebieten erleichtern (vgl. Schneider)?

Informationstechnik kann weiterhin der Ermöglichung und Verbesserung der Kommunikation mit der direkten sozialen Umwelt dienen (vgl. z.B. Breul, Irresberger), und auch überregionale und internationale Kontakte unterstützen und dadurch die Bildung weitreichender sozialer Netzwerke unterstützen (vgl. z.B. Ullrich, Rehling, Bruch).

Schließlich kann dem Einsatz von Informationstechnik auch in pädagogischen und therapeutischen Zusammenhängen eine hohe Bedeutung zukommen (vgl. Bonfranchi, Detering, Breul, Huber et al.). Doch auch hier steht die Warnung vor einer Überschätzung der Möglichkeiten der Technik: "Der Computer ist zwar ein Zauberkasten, aber eine eingebaute Didaktik besitzt er nicht", bringt Bonfranchi ein Problem auf den Punkt, welches generell beim Einsatz von Computern im Bildungsbereich allzu oft und gerne übersehen wird.

Von höchster Wichtigkeit ist bei der Systemgestaltung und Anwendungsentwicklung immer die Orientierung an den konkreten Bedürfnissen und Wünschen der Betroffenen. Eine frühzeitige Einbeziehung von potentiellen Benutzern sowie ein hohes Maß an Modularisierung und Anpaßbarkeit an konkrete Einzelfälle ist wesentlich, um technische Bevormundung und damit die Schaffung neuer Hürden zu vermeiden.

Die eingangs genannte Lehrveranstaltung war interdisziplinär angelegt (Informatik und Behindertenpädagogik) und profitierte sehr von kontroversen Diskussionen, die aus den unterschiedlichen Sichtweisen, Kenntnissen und Erfahrungen der TeilnehmerInnen herrührten. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr froh und dankbar, daß es gelungen ist, für dieses randvolle Schwerpunktheft der FIfF-Kommunikation ein außergewöhnliches Spektrum von Beiträgen zusammenzustellen: Skizzen von informatikbezogenen Forschungsprojekten stehen neben praxisorientierten Berichten aus Pädagogik und Therapie. Ergänzt und abgerundet wird das Heft durch Erfahrungsberichte und weiterreichende Reflexionen. Die Verfasser, Fachleute aus technischen und pädagogischen Bereichen, leben und arbeiten in Deutschland, Luxemburg, Griechenland und der Schweiz. Ich bedanke mich bei allen Autorinnen und Autoren ganz herzlich für ihre interessanten Beiträge und ihr Engagement. Professor Krückeberg danke ich für die Genehmigung, Auszüge seines vor 27 Jahre geschriebenen, immer noch aktuellen Textes im "Schlußpfiff" nachzudrucken. Monika Jeßing kreierte das eindrucksvolle Titelphoto, Markus Hoff-Holtmanns und Frank Meiners danke ich für das gute Zusammenspiel bei der Druckvorbereitung. Den Leserinnen und Lesern dieser FIfF-Kommunikation wünsche ich eine interessante, anregende und folgenreiche Lektüre.

Ralf E. Streibl



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Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
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Letzte Änderung: 03.07.2000

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