Informationstechnik und Behinderung



... aber eine eingebaute Didaktik hat er nicht

Der Einsatz des Computers bei Menschen mit einer Lernschwäche

Riccardo Bonfranchi

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Eingrenzungen, Abgrenzungen, Irrtümer

Es geht im folgenden um den Einsatz des Computers bei lernschwächeren (lernbehinderten, geistigbehinderten) Menschen. Ich werde also auf Menschen mit Sinnes- bzw. Körperbehinderungen nicht eingehen. Das heisst nicht, dass bei diesen Behindertengruppen der Computer nicht auch Eingang in den Lebens- und Lernalltag gefunden hätte, im Gegenteil. Aber es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, auf die spezifischen 'Neuen Informationstechnologien' einzugehen, die speziell für diese Bereiche entwickelt worden sind (vgl. hierzu Bonfranchi 1994, Lamers 1999). Auch auf die unterstützte (AAC = augmentative und alternative communication) Kommunikation und die gestützte (facilitated communication) Kommunikation gehe ich hier nicht ein (vgl. zu diesen beiden Bereichen Bonfranchi 1995).

Ich werde im folgenden erst einige gesellschaftliche Bedingungen erwähnen, um dann den Bogen zu Schule zu schlagen, um didaktische Überlegungen zu formulieren, die mit dem Einsatz des Computers unweigerlich verbunden sind. Damit möchte ich auch dem häufigen Fehlurteil vorbeugen, dem insbesondere auch Lehrkräfte anheim fallen, dass sie der Meinung sind, dass Computer, nebst vielen anderen Dingen, auch noch eine eingebaute Didaktik besässen. Dies ist ein folgenschwerer Irrtum.

Gesellschaftliche Bedingungen

Die Aussage, dass Informatik einen Teil unserer jetzigen und zukünftigen Gesellschaft ausmachen wird, ist wohl unbestritten. Zugespitzt wird diese Tatsache, dass die Informatik bzw. ihre konkrete Umsetzung in Form des Computers sogar als Schlüsseltechnologie bezeichnet wird. Betrachten wir in geraffter Form die gesellschaftliche Situation oder die sozio-kulturellen Voraussetzungen lernschwächerer Menschen, so muss man folgendes feststellen:
  1. Die Auswirkungen moderner Technologien insbesondere auf lernschwächere Menschen im Arbeits- und Privatbereich sind evident.
  2. Dabei verändert sich die Bewältigung der Umwelt nicht nur durch die massive Einführung von Computer-Maschinen, es ist eine allgemeine Komplexitätszunahme bei der Lebensbewältigung festzustellen.
  3. Es besteht die Gefahr, dass insbesondere lernschwächere Menschen durch diese technologische Revolution verstärkt ins Hintertreffen geraten. Es findet eine weitere Marginalisierung dieser Menschen statt.
  4. Dies wird durch eine fortschreitende Automatisierung insbesondere in handwerklich und intellektuell wenig anspruchsvollen Berufsbereichen gefördert. Dies wiederum bedeutet eine weitere Dequalifizierung bzw. chronische Arbeitslosigkeit.
  5. Demgegenüber steht eine Zunahme an Anforderungskomponenten wie Flexibilität, Teamfähigkeit, dauernde Lernbereitschaft, grösseres Symbolverständnis usw.
  6. Folge davon: Die Intelligenten werden immer intelligenter, die Dummen werden immer dümmer.
Es ist deshalb dringend notwendig, dass man sich vermehrt Gedanken dazu macht, wie lernschwächere Menschen in der Zukunft überleben können bzw. ihr Abhängigkeitsverhältnis sich nicht noch vergrössert.

Hier ergibt sich nun eine Diskrepanz zwischen Menschen mit sogenannten Sinnes- und Körperbehinderungen und den Lern- und Geistigbehinderungen. Moderne Technologien, so meine Behauptung, werden diese Behindertengruppen auseinander dividieren. Begründung: Menschen mit einer Körper- oder Sinnesbehinderung sind in der Lage, sich moderne Technologien nutzbar zu machen. Moderne Technologien haben es Menschen mit einer Körper- oder Sinnesbehinderung ermöglicht, ihre Integration voranzutreiben (z. B. Elektrorollstuhl; im Bereich der Kommunikation). Exemplarisch sei hier auf die Möglichkeiten für blinde Menschen hingewiesen, die durch moderne Technologien überhaupt zu neuen Berufsfeldern gefunden haben. Bei der Gruppe der Lern- und Geistigbehinderten findet m. E. das genaue Gegenteil statt. Es erfolgt aufgrund einer zunehmenden Dominanz moderner Technologien eine Dequalifikation, eine zunehmende Separierung. Dies stellt eine Verschlechterung der Lebenssituation von lernschwächeren Menschen dar.

Der Computer in der Schule für lern- und geistigbehinderte Kinder und Jugendliche

Da der Computer fast alle Lebensbereiche mehr oder weniger stark durchdringt, entsteht die Notwendigkeit und damit die Legitimation, den Computer auch in der Sonderschule einzuführen, was ja mittlerweile auch bereits häufig geschehen ist. Man kann allerdings von der Anzahl der Schulen, in denen Computer stehen, nicht auf die Anzahl der Lehrkräfte schliessen, die den Computer auch im Unterricht - wie auch immer - einsetzen. Diese Hochrechnung ergäbe einen fatalen Fehlschluss. Es sind auch heute noch nur vereinzelte Lehrkräfte im sonderpädagogischen Bereich, die den Computer im Unterricht aktiv einsetzen.

Ich unterscheide vier Einsatzbereiche des Computers, nämlich:

  1. Informationstechnische Grundbildung (ITG) oder auch: Projektunterricht, in dem der Computer in irgend einer Form als Mittel zum Zweck eingesetzt wird oder selber Gegenstand des Unterrichts ist.
  2. Computerunterstützter Unterricht (CUU), hier geht es um das Abarbeiten von Lehr-Lern-Programmen. Viele Lehrkräfte setzen diesen Unterricht synonym mit dem Einsatz des Computers in der Schule. Ein weiterer Irrtum.
  3. Elektronische Hilfsmittel insbesondere für Menschen mit einer Körper-, Seh-, Sprach- oder Kommunikationsbehinderung.
  4. Die Telekommunikation (Internet, e-mail), insbesondere auch für Menschen mit einer Behinderung.
Ich beschränke mich im folgenden auf die beiden erst genannten Bereiche und werden hierzu einige didaktische Überlegungen aufzeigen.

Auch nach ca. zehn Jahren, in denen der Computer Einzug in die Sonderschulen gehalten hat, herrscht immer noch so etwas wie ein rechtloser Zustand. Damit meine ich, dass es sehr stark vom einzelnen Lehrer abhängt, welche Ziele, Inhalte, Methoden oder Medien berücksichtigt werden oder eben nicht. Diesen Zustand bewerte ich nicht negativ, sondern halte ihn für die jetzige Entwicklungsstufe notwendig. Dieser Zustand kann aber nicht ewig anhalten und ich denke, es wäre nun langsam an der Zeit, dass sich vermehrt auch didaktische und methodische Gedanken bzgl. des Einsatzes des Computers in der Sonderschule in den Vordergrund schieben.

Betrachten wir im folgenden die vier bereits erwähnten didaktischen Handlungsfelder: Ziele, Inhalte, Methoden, Medien vor dem Hintergrund des Einsatzes des Computers in der Sonderschule.

Ziele

Betrachten wir zuerst die Ziele des Einsatzes des Computers in der Sonderschule. Ziele können natürlich in unterschiedlichen Hierarchiestufen dargeboten werden. Wir unterscheiden Leitziele, Richtziele, Grobziele, Feinziele. Beschränken und konzentrieren wir uns im folgenden auf die Leitziele. Nach der Durchsicht diverser Informatikkonzepte für die Volksschule aus verschiedenen Schweizer Kantonen bzw. Bundesländern der BRD, lassen sich drei Zielvorstellungen herauskristallisieren. Sie legitimieren den Einsatz des Computers. Sie lauten:

Anthropologischer Aspekt
Beim anthropologischen Aspekt geht es darum, dass der Schüler sich der grossen Veränderung in unserer Gesellschaft bedingt durch den Chip, in etwa bewusst wird. Der Schüler soll damit eine aufgeklärte Haltung gegenüber den neuen Informationstechnologien gewinnen. Er soll sich von den scheinbar so intelligenten Maschinen abgrenzen können. Es geht also um die Auseinandersetzung des Mensch-Maschine-Verhältnisses. Der Schüler soll über den Computer und seinen allgegenwärtigen Einsatz reflektieren können und sich auch kritisch darüber äussern können. Der Schüler soll sich aber auch bewusst darüber werden, was der Computer für ihn persönlich bedeutet bzw. in der Zukunft bedeuten könnte.

Arbeitsweltlicher Aspekt
Da die neuen Informationstechnologien ihren entscheidenden Einsatz zuerst in der Arbeitswelt erfahren haben, findet man in allen Konzepten bzw. bereits formulierten Informatik-Lehrplänen der Volksschule den Hinweis auf die Bedeutung der Informatik in der Arbeitswelt. Da nun insbesondere auch die Oberstufe der Sonderschule den unmittelbaren Eintritt ins Berufsleben vorzubereiten hat, erscheint es nur logisch, dass sich die Schüler auch mit der Veränderung der Berufs- und Arbeitswelt durch die neuen Informationstechnologien auseinandersetzen müssen, sind sie doch wie noch keine Generation vor ihnen, unmittelbar davon betroffen.

Funktionaler Aspekt
Obwohl es nicht das Ziel der Schule sein kann, die Schüler am Computer professionell auszubilden, findet sich doch das Ziel, dass die Schüler den Computer auf einem elementaren Niveau auch beherrschen können sollen, immer wieder. Man könnte dieses Ziel auch - neudeutsch - mit dem Begriff 'handling' kennzeichnen. D.h. den Schülern soll auch ein Computer zur Verfügung gestellt werden und sie sollen sich mit unterschiedlichen Programmen vertraut machen. Neu scheint sich mittlerweile auch das Ziel der Telekommunikation zu etablieren. Unter dem Stichwort 'Schulen ans Netz' hat es bereits eine bestimmte Bedeutung gewonnen.

Inhalte

Interessanterweise ergibt eine Gesamtschau unterschiedlichster Informatikkonzepte auch in bezug auf die Inhalte wiederum eine Dreiteilung. D.h. die unterschiedlichsten Projekte und Anwendungen des Computers in der (Sonder-)Schule lassen sich in drei Gruppen ordnen:
  1. Die Schüler arbeiten mit dem Computer (auch wenn kein Computer vorhanden ist, ist er gedanklich Gegenstand des Unterrichts). Dies wäre ITG = Informationstechnische Grundbildung.
  2. Die Schüler lernen mit dem Computer. Hier hätten wir den computerunterstützten Unterricht (CUU) wieder und
  3. die Schüler spielen mit dem Computer (auch Spielkonsole, play station).
Mit dem Computer lernen (die bekannteste Form des Umgangs des Computers wenn es um Schule geht) bedeutet, dass die Schüler mit Hilfe einer speziell hergestellten Software sich einen Lerngegenstand aneignen. Sie bewegen sich dann im Fach Rechnen, Rechtschreibung oder ähnliches. Es kann sich aber auch um Inhalte aus dem pränumerischen Bereich handeln, wie sie z. B. in der Software 'Blob' enthalten sind, eine Software, die speziell für Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt wurde.

Nur am Rande sei hier auf drei wichtige Vorteile des computerunterstützten Unterrichts hingewiesen:

  1. Die Lernzeit verkürzt sich bei gleichbleibendem Lernerfolg bis um die Hälfte.
  2. Die Zeit, die Schüler für das Lernen einsetzen, ist grösser als wenn ein Buch benützt wird. Dieser Unterschied ist z. B. bei Schülern aus der Lernbehindertenschule am grössten.
  3. Die Gesprächsbereitschaft über das Erarbeitete steigt, sei es während der Arbeit bzw. nach der Arbeit. Und nach der Arbeit ist ja bekanntlich auch wieder vor der Arbeit (vgl. Bonfranchi 1999).
Verlassen wir diesen Bereich und wenden uns dem Spielen zu. So wie für viele Lehrkräfte sich der Computer über den Bereich des CUU definiert, so definieren die Schüler ihre Sicht des Computers durch die Existenz der Spielprogramme. Natürlich haben sie in ihrer Einseitigkeit beide Unrecht. Da insbesondere für viele Jugendliche aus der Lernbehindertenschule das Spielen am Computer (auch Konsole) einen grossen Freizeitwert hat, ist es m. E. unabdingbar, dass Lehrkräfte hier pädagogisch einwirken müssen. Die Schule kann sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen. Gemäss meinem Spleen vieles in drei Teile zu gliedern, unterscheide ich natürlich auch hier wiederum drei Sorten von Spiele:
  1. Kriegsspiele (Abschiess- oder Ballerspiele)
  2. Adventures (bei denen mit geschicktem Suchen und Finden sich ein Weg durch eine Geschichte gebahnt werden muss und
  3. klassische Spiele (Brettspiele, Billard, Schiffe versenken usw.).
Natürlich bin ich mir der Beschränktheit des pädagogischen Einflusses von Lehrkräften bewusst, aber es kann nicht angehen, dass die Schule Nazispiele oder Türkenspiele nicht thematisiert. Ich habe dies mit meinen Jugendlichen in der Lernbehindertenschule immer wieder versucht. Man darf dabei nicht ausser acht lassen, dass es heute relativ einfach ist, sich über das Internet 'Türken-raus-' oder KZ-Spiele aus einer Datenbank auf die eigene Festplatte herunterzuladen. Dies könnte dann eben auch aus didaktischen Überlegungen heraus eine Verstärkung der Bedeutung der Zielformulierung der Telekommunikation ergeben. Wenn Didaktik die Lehre von Bildungszielen und Inhalten ist, kann es uns nicht egal sein, wenn unsere Schüler solche Inhalte auf dem Computer spielen. Wir müssen dem entgegenwirken.

Kommen wir zum dritten Inhalt: mit dem Computer arbeiten. Natürlich ist mir klar, dass lernen auch arbeiten und arbeiten auch lernen ist. Wenn nun die Schüler mit dem Computer arbeiten, so eben meine Definition, setzen sie sich nicht mit spezieller Lehr-Lern-Software auseinander, sondern mit standardisierter Software. Darunter versteht man Textverarbeitung, Zeichnungsprogramme, Konstruktionsprogramme, Datenbanken usw. (z. B. Word, Works). Es geht hierbei darum - und es kann auch kein Computer eingesetzt werden -, dass bestimmte Themenstellungen meistens in Form von Projekten durchgeführt werden. Wichtig erscheint mir zu sein, dass man versucht, Bezüge aus dem näheren und weiteren Umfeld der Schüler in das Projekt miteinzubeziehen. D.h. ein Projekt sollte immer auch einen politischen Zusammenhang (i. w. S.) haben. Zur Konkretisierung hier einige kurze Beispiele, die ich mit lernbehinderten Oberstufenschülern durchgeführt habe.

Graffiti
Die Schüler zeichnen in der Stadt vorgefundene Graffitis ab und übertragen sie mit einem Zeichnungsprogramm in den Computer. Danach erfinden sie eigene Graffitis und drucken sie aus. Ausgehend von dieser praktischen Arbeit werden Fragestellungen erörtert wie: was sind eigentlich Graffitis, warum kann man dafür bestraft werden usw.?

Grundrissskizze
Die Schüler vermessen zu Hause ihr Zimmer und erstellen von Hand eine Skizze ihrer Zimmereinrichtung. Anschliessend übertragen sie die Skizze in ein Konstruktionsprogramm und können wiederum anschliessend ihre Zimmereinrichtung selber auf dem Computer planen und neu gestalten. Es ergeben sich weitere Überlegungen in Richtung, wie gross ist mein Zimmer im Verhältnis zu anderen Zimmern in unserer Wohnung bzw. nach welchen Kriterien werden eigentlich die Grösse von Räumen bestimmt. Das Thema kann aber auch dahingehend erweitert werden, indem wir auf dem Computer die Einrichtung eines Schlosses bzw. einer Arbeiterwohnung von 1920 konstruieren und einrichten.

Gemeindewappen
Die Schüler erhalten die Aufgabe, ihre Gemeindewappen zu besorgen und in die Schule mitzubringen (bei Sonderschulschülern oft einfach, weil sie aus unterschiedlichen Gemeinden stammen). Diese Bilder werden in den Computer eingescannt und können von da an verfremdet werden. Die Wappen können auch auf ein T-shirt aufgescannt werden usw. Die Wappen werden erläutert und verweisen auf die Geschichte der Gemeinde usw.

Wetterbeobachtung
Es kann eine kleine Wetter-Beobachtungsstation aufgebaut und das Wetter über einen bestimmten Zeitraum beobachtet bzw. nach bestimmten Kriterien gemessen werden. Die Ergebnisse werden in eine Tabellenkalkulation eingetragen und Durchschnittswerte berechnet. Auch können Säulendiagramme erstellt werden. Diese Ergebnisse können wiederum einem Bauern vorgelegt und in bezug zur Ernte bzw. Anpflanzung von diversen Anbauprodukten gesetzt werden.

Wanderlager
Schüler und Lehrer erstellen möglichst viel von ihren Vorbereitungen und Abschlussarbeiten auf dem Computer. Mit Hilfe von Textverarbeitungsprogrammen werden erstellt: Elternbriefe, Materiallisten, Legenden, Informationstexte, Lagertagebuch, Skizzen und Zeichnungen, Rezepte, Zimmerverteilungspläne usw. usf.

Rauchen
Die Schüler erstellen mittels Textverarbeitung einen Fragebogen bzgl. der Rauchgewohnheiten ihrer Mitschüler. Die Daten werden zu Säulendiagrammen verarbeitet. Neben der Problematik des Rauchens kommt hier auch die Thematik des Datenschutzes zum Tragen.

Formen - Verformen - Umformen
Hier war die Idee der Erstellung eines Warenhauskatalogs, die zu Beginn des Projekts im Vordergrund stand, nachdem wir vorher richtige Kataloge analysiert hatten. Bei der Herstellung stellten sich Gestaltungsschwierigkeiten ein und das Thema veränderte sich dahingehend, dass die Schüler sich anfingen mit der (phänomenologischen) Fragestellung zu beschäftigen, ab wann ist eine Hose eine Hose bzw. eine Lampe noch eine Lampe.

Weitere Beispiele, mit denen man einsteigen kann, sind die Schülerzeitung, Geburtstagseinladungen und Visitenkarten. Andere Beispiele, die ich durchgeführt habe und bei denen kein Computer zur Anwendung gelangte, sind: Vom Tauschhandel zum Bancomat, oder: das Berufsbild des Bäckers 1920 und im Jahre 2002.

Auf Grund des Umfanges dieses Beitrages ist es mir nicht möglich, auch noch auf die Methoden und Medien einzugehen. Ich habe dies an anderer Stelle bereits ausführlich getan (vgl. Bonfranchi 1994). Es erscheint mir wichtiger zu sein, noch einige allgemein-didaktische Anmerkungen zu machen bzw. meine Gedankengänge zusammenzufassen.

Rückblick - Ausblick

Die Schule und insbesondere die Schulen, in denen sich lernschwächere Menschen aufhalten, darf den Computer nicht verschlafen. Diese Schulen sind m. E. "gezwungen", sich zu überlegen, wie sie dieser grossen gesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden wollen. Der Einsatz des Computers in der von mir beschriebenen didaktisch durchdachten und aufgebauten Form hat für mich auch einen integrativen Aspekt. Dabei geht es nicht nur um die Bedienung von Tasten, sondern um didaktisch durchgeplanten Unterricht, der so gut aufgebaut sein muss, wie jeder andere Unterricht auch. Der Computer ist zwar ein Zauberkasten, aber eine eingebaute Didaktik besitzt er nicht. Nur durch das Hineinnehmen eines Computers ins Klassenzimmer hat man die Planung des Unterrichts noch nicht geleistet. Auch die Software nimmt per se der Lehrkraft ihre genuin-spezifische Tätigkeit, nämlich Unterricht vorzubereiten, durchzuführen und auszuwerten (was wieder der Beginn von Vorbereiten ist usw.) nicht ab. Es geht um eine neue Qualität von Wissensvermittlung, ev. sogar um völlig neue Formen des Lehrens und Lernens, um die man sich m. E. noch zu wenig Gedanken gemacht hat. Hier besteht noch Handlungs- und Forschungsbedarf.

Es ist auch nicht korrekt bzw. den Schülern gegenüber fair, wenn der Computer nur im Bereich des CUU (mit vorgefertigter Software) eingesetzt wird. Dieser Ansatz greift zu kurz. Inhalte, die ich mit dem Bereich 'Mit dem Computer arbeiten bzw. spielen' (ITG) umschrieben habe, halte ich für genauso bedeutsam und kommt auch einer ganzheitlichen Sicht des Einsatzes des Computers in der Schule wesentlich näher.

Die Lehrkraft darf von der Begeisterung ihrer Schüler für den Computer ausgehen. Das ist, so glaube ich, pädagogisch legitim. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wer Motivation mit dem "Aufmotzen" des Stoffs durch technische Spielereien verwechselt, wird von seinen Schülern schnell durchschaut. Sie fühlen sich zu recht instrumentalisiert. Der Computer soll ein Gegenstand von Bildung sein bzw. mit ihm lässt sich, gleichsam als Medium, Bildung herstellen bzw. konstruieren; er ist aber - obwohl häufig so missbraucht - nicht in sich selbst Bildung bzw. keine Motivationsspritze für ausgelaugte Lehrkräfte. Der Computer als willkommene Neuerung am Endes eines Lehrerlebens, wie ich es ab und zu schon in der Praxis beobachten konnte, scheint mir ein Missbrauch zu sein.

Ein anderer Gedankengang: Der Computer wird die Lehrkraft nicht ersetzen. Diese, insbesondere von Lehrkräften geäusserte Angst, erscheint mir unbegründet. Die Lehrkraft wird vermutlich weniger sagen müssen oder dürfen: Das ist richtig - das ist falsch usw. Das macht der Computer besser und emotionsloser. Die Lehrkraft wird mehr zum Lehr-Lern-Begleiter oder Berater. Dies ermöglicht m. E. mehr Demokratie im Schulzimmer. Oder wollen dies die Lehrkräfte vielleicht gar nicht?

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass es noch zu wenig exakte Forschung gibt, die untersucht, was der Computer in der Schule verändert. Damit meine ich nicht den Lernzuwachs in bezug z. B. auf die Rechtschreibleistung, sondern der Computer als einen gewichtigen Faktor im Zusammenspiel von Lehrkraft und Schüler. D.h. konkret: wie verändert sich die Kommunikation und Verständigungsprozesse in der Schule durch den Computer?

Fazit

Aber, so mein Fazit, ich bin letztendlich doch der Meinung, dass Lehrkräfte in der Sonderschule bzw. diejenigen die ambulant z. B. lernbehinderte Schüler in Regelschulen betreuen, die modernen Technologien sowie die zunehmende Komplexität unserer Welt kritisch akzeptieren und bejahen müssen. Nur mit dieser Grundhaltung sind sie in der Lage, lernschwächeren Schülern sinnvoll die Inhalte zu vermitteln, damit sich die Schere, die Dummen werden immer dümmer, nicht noch weiter öffnet. Für mich gilt immer noch, dass die zentrale Leitidee der Schule ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln zum Ziele hat, das in einer von Technik durchdrungenen Lebenswelt konkret umgesetzt werden muss. Deshalb bin ich der Meinung, dass zukünftig für die Unterrichtsgestaltung grössere Spielräume geschaffen werden müssen, um fach- und schulübergreifende Projekte durchführen zu können. Denn erst in der Auseinandersetzung mit hinreichend komplexen Problemstellungen kann sich die Qualität neuer Medien entfalten.


Literatur

Bonfranchi, R. (1994): Computer-Didaktik in der Sonderpädagogik. Luzern.

Bonfranchi, R. (Hrsg.) (1995): Wir können mehr als nur Schrauben verpacken... Der Einsatz des Computers bei Menschen mit geistiger Behinderung. Luzern.

Bonfranchi, R. (1999): Informationstechnische Grundbildung (ITG) bei Menschen mit geistiger Behinderung. In: Lamers (1999), S.296-305.

Hagemann, C. (1997): Der Computer im Unterricht mit geistigbehinderten Schülerinnen und Schülern. Aachen.

Lamers, W. (Hrsg.) (1999): Computer- und Informationstechnologie - Geistigbehindertenpädagogische Perspektiven. Düsseldorf.


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Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
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Letzte Änderung: 03.07.2000

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