Informationstechnik und Behinderung



Wenn die Hand nicht schreiben kann...

...und/oder der Mund nicht sprechen kann!
Computer und computergestützte Kommunikationshilfen in der Behindertenpädagogik

Wolfgang Breul

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Zum Beispiel... Julia

Mit viel Geschick steuert Julia ihren schweren Elektro-Rollstuhl durch den Klassenraum, vorbei an einigen Tischen bis zu ihrem Arbeitsplatz, der so eingerichtet ist, daß sie mit dem Rollstuhl unter die Tischplatte fahren kann. Ihr tragbarer Computer (Apple-PowerBook) steckt in einer am Rollstuhl befestigten Box- stoßsicher und wetterfest. Julia benötigt Hilfe, um das PowerBook auf den Tisch zu stellen, alles weitere schafft sie - wenn auch zum Teil mühselig und nur mit einem Finger - allein: Display aufklappen, Einschalttaste auf der Tastatur drücken. Ein Signalton nach dem Startvorgang zeigt ihr, daß die "Einfingerbedienung" eingeschaltet ist; ein entsprechendes Symbol erscheint ganz rechts in der Menüleiste. Eine synthetische Sprachausgabe wird ebenfalls automatisch geladen. Selbständig und mit unglaublicher Akribie beginnt Julia den am Vortag begonnenen Text zu vervollständigen.

Julia ist 15 Jahre alt und besucht eine Schule für Körperbehinderte. Aufgrund ihrer spastischen Bewegungsbeeinträchtigung kann sie nur Kopf und Arme bewegen. Die Feinmotorik der Hände ist ebenfalls so stark eingeschränkt, daß Schreiben mit dem Stift nicht möglich ist. Mit viel Mühe kann sie mit einem Finger der linken Hand die Steuerung des Elektro-Rollstuhls sowie die Tasten und das Trackpad (bzw. den Trackball) des Computers bedienen. Auch ihre Sehfähigkeit ist beeinträchtigt. Mit ihrem Notebook schreibt sie Briefe, Protokolle und Berichte, verwaltet ihre Adressen und erfreut sich an Spielen, ohne daß ihr jemand die Karten halten oder die Würfel werfen muß. Das Gerät ist so eingerichtet, daß Julia alle Funktionen mit nur einem Finger ausführen kann. Mit Hilfe der Sprachausgabe kann sie sich Texte und Hinweisfenster vorlesen lassen. Das erleichtert die Arbeit erheblich, da aufgrund der Sehbehinderung das Erlesen von Texten sehr mühselig ist. Ein Computer mit großem Monitor wäre eine Alternative gewesen, auf die jedoch bewußt aufgrund der Mobilität eines Notebook verzichtet wurde.

Foto: Julia bedient ihr Notebook mit einem Finger
Abbildung 1: Julia bedient ihr Notebook mit einem Finger


Dieses Beispiel aus dem Unterrichtsalltag zeigt, wie ein einfacher tragbarer Computer einer behinderten Schülerin ermöglicht, zu schreiben, zu lesen, zu spielen, zu arbeiten und zu lernen. Behinderte Menschen stehen häufig vor dem Problem, sich (schulische) Lerninhalte auf herkömmliche Weise anzueignen, sich Informationen zu beschaffen und sich aktiv an (kommunikativen) Prozessen zu beteiligen. Auch ist Freizeitgestaltung von behinderten Menschen häufig geprägt durch Eintönigkeit und Einschränkungen, denkt man nur daran, daß Spiele, sportliche Betätigungen oder der Besuch von Freizeit- und Kultureinrichtungen vielfach nicht möglich sind.

Durch die rasante Entwicklung in der Mikroelektronik und deren Verfügbarkeit im Alltag haben sich jedoch neue Möglichkeiten in der Behindertenpädagogik eröffnet. Computer sind als Hilfmittel in der Behindertenpädagogik nicht mehr wegzudenken. Gegenüber der unbefriedigenden Lösung früherer Jahre, manuelle Beeinträchtigungen mit Hilfe (elektrischer) Schreibmaschinen auszugleichen, bieten Computer aufgrund der vielfältigen Eingabehilfen, Ausgabegeräte und Softwarelösungen für (fast) jede motorische Beeinträchtigung eine mögliche Hilfe an. Die Adaptionen reichen von einfachen Software-Tools über Spezialtastaturen, Ein-Schalter-Bedienung, Spracheingabe bis hin zu Hirnstromsteuerung, ob als stationäre oder mobile Variante. Auch Mal- und Zeichenprogramme, Lernprogramme, Lernspiele und ganz "normale" Spiele gehören zu den Möglichkeiten des Computers, manuelle Beeinträchtigungen zu kompensieren.

Zugang zum Computer

Wie ein Computer als Hilfsmittel ausgestattet sein muß, hängt von der Art und dem Grad der Behinderung ab. Am Beispiel Julia wird deutlich, daß manchmal schon relativ kleine Veränderungen ausreichen, einen gewöhnlichen Computer für die speziellen Anforderungen auszustatten. So besitzt Julia ein gewöhnliches Apple-PowerBook mit einigen zusätzlichen Hilfsprogrammen; z.B. ermöglicht die Systemoption "Einfingerbedienung", daß Julia notwendige Tastenkombinationen step by step mit einem Finger ausführen kann. Für das Verschieben von Objekten am Bildschirm wurde mit Hilfe eines Public-Domain-Tools eine Funktionstaste festgelegt, mit der die Maustaste solange gedrückt bleibt, bis die Funktionstaste erneut betätigt wird -simpel, aber wirkungsvoll. Systemeinstellungen wie "Tastenverzögerung" und "Wiederholrate" verhindern Fehlauslösungen, wenn Julia z.B. eine Taste versehentlich kurz antippt oder zu lange gedrückt hält. Einfache Software-Tools machen somit einen Standard-Notebook mit einem Finger komplett bedienbar.

Aber nicht immer ist es so leicht, einen Computer an die Bedürfnisse eines körperbehinderten Menschen anzupassen. Manchmal sind Bewegungsbeeinträchtigungen so extrem, daß gezielte Bewegungen kaum oder gar nicht möglich sind. In diesen Fällen kann auf spezielle Eingabehilfen nicht verzichtet werden. Eine vollständige Auflistung der auf dem Markt befindlichen Möglichkeiten würde der Produktliste einer Hilfsmittelfirma ähneln, daher möchte ich an dieser Stelle lediglich exemplarisch einige wichtige Eingabehilfen aufführen.

Eingabehilfen als Maus- und Tastaturersatz

Joysticks, Trackballs oder Tastenmäuse können schon in vielen Fällen eine gute Alternative zu Standard-Mäusen sein. Eine Infrarot- oder Laser-Steuerung des Mauszeigers mittels Kopfbewegung ("Kopfmaus") kann bei völliger Bewegungslosigkeit der Arme und Hände eingesetzt werden. Mit ihr werden z.B. Buchstaben und Zahlen aus einer Bildschirmtastatur ausgewählt. Des weiteren dienen gelochte Abdeckplatten aus Plexiglas oder Metall über einer Standard-Tastatur der Fingerführung und helfen Fehlbedienungen oder das gleichzeitige Drücken mehrerer Tasten zu vermeiden. Bei starken motorischen Einschränkungen sind Spezialtastaturen, wie z.B. eine Großfeldtastatur mit versenkten, großflächigen Tasten, besser geeignet. Auch Spracheingabe und TouchScreens gewinnen in der Hilfsmittelpalette zunehmend an Bedeutung.

Bedienelemente für Scanning

Mit sogenannten Scanning-Systemen können Computer sogar mit einem oder zwei Schaltern gesteuert werden. So können selbst Personen, die nur minimale Möglichkeiten einer gezielten Bewegung haben, einen Computer bedienen. Bekanntestes Beispiel ist der schwerstbehinderte Astrophysiker Stephen Hawking, der seine Abhandlungen mit der minimalen Restbewegung einer Hand mittels eines kleinen Schalters schreibt. Scanning-Systeme geben dem Benutzer eine Auswahl von Befehlen, Buchstaben oder Wörtern vor, aus der mit Hilfe eines Klicks das gewünschte bestätigt wird. So können z.B. die Buchstaben einer Bildschirmtastatur, eine Wörterliste (Word Prediction), oder auch die Klickpunkte einer interaktiven Software "abgefragt" werden. Die Art der möglichen Restbewegung bestimmt dann die Auswahl des Schalters, wobei unter Schalter eine einfache Taste, ein Näherungssensor, eine Saug-Blas-Schalter, Lidschlag-Sensor oder auch ein Hirnstromsensor gemeint sein kann.

Software für Scanning

Viele dieser Eingabehilfen benötigen auch eine spezielle Software. So muß für Scanning-Systeme entsprechend vorbereitete Software benutzt werden. Dieses können fertige Scanning-Programme wie "Tedi" oder mit Hilfsprogrammen wie "ClickIt" oder "Discover:Kenx" scannbar gemachte Standard-Programme sein.

Screenshot
Abbildung 2: Mit dem Hilfsprogramm "Discover:Kenx"
läßt sich das Malprogramm "KidPix"
mit einem Schalter oder Sensor bedienen


Zum Beispiel... Karl

"Hände weg von meinem Computer", ertönt eine Computerstimme aus dem kleinen Gerät an Karls Rollstuhl, als ein Mitschüler seine Neugierde an dem Sprachcomputer "DeltaTalker" nicht mehr bremsen kann. Mit Hilfe eines am Kopf befestigten Lichtzeigers aktiviert Karl die mit Symbolen belegten Tasten des "DeltaTalker", worauf Wörter und Sätze von einer synthetischen Stimme gesprochen werden.

Karl ist 7 Jahre alt, seit Geburt stark körperbehindert und besucht eine Schule für Körperbehinderte. Er sitzt im Rollstuhl, ist an Händen und Beinen vollständig gelähmt und kann gezielte Bewegungen nur mit dem Kopf ausführen. Karl kann sich nicht über Lautsprache mitteilen. Mit einer Kopfdrehung - manchmal ist es auch nur ein Zwinkern mit den Augen nach links oder rechts- kann er jedoch "ja" oder "nein" signalisieren. Mit Anschaffung des Sprachcomputers durch die Krankenkasse eröffnete sich für Karl eine neue Welt. "Hallo ich heiße Karl", kann er sich nun selber mit Hilfe seines "DeltaTalker" vorstellen, oder mit seinen Mitschüler/innen "Ich sehe was, was du nicht siehst" spielen. Karl lernt nun, mit Sprache kreativ umzugehen, Wörter zu kreieren, Sätze zusammenzustellen und Kommunikationstechniken anzuwenden. Es zeigt sich auch, wieviel Fragen für Karl bislang unbeantwortet geblieben sind, da er sie nicht stellen konnte oder niemand sie abfragte.

Foto: Karl bedient den Sprachcomputer mit dem Lichtzeiger
Abbildung 3: Karl bedient den Sprachcomputer mit dem Lichtzeiger.


Anhand dieses zweiten Beispiels möchte ich auf ein weiteres - sehr bedeutendes - Anwendungsgebiet von Informations- und Kommunikationstechnologien hinweisen. Es handelt sich hierbei um das Fachgebiet "Unterstützte Kommunikation", welches die Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten von Menschen, die sich nicht oder kaum über Lautsprache mitteilen können, zum Ziel hat.

Unterstützte Kommunikation

Im deutschsprachigen Raum hat sich seit 1992 der Begriff "Unterstützte Kommunikation" als Oberbegriff für pädagogisch-therapeutische Maßnahmen zur Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten bei Menschen, die nicht oder nur kaum über Lautsprache verfügen, durchgesetzt. Neben der Lautsprache verfügt der Mensch über eine große Anzahl weiterer Ausdrucksmöglichkeiten, die er bewußt oder unbewußt einsetzt: Gestik, Mimik, Körperhaltung und auch Schriftsprache. Alle diese dem Menschen zur Verfügung stehenden kommunikativen Möglichkeiten bilden ein multimodales Kommunikationssystem. Aufgrund einer Behinderung können jedoch verschiedene Bereiche der Kommunikation beeinträchtigt sein. Bei schwerst körperbehinderten Personen ist häufig nicht nur ein Kommunikationskanal betroffen. Es können z.B. auch nonverbale Signale wie Gestik und Mimik durch cerebrale Bewegungsbeeinträchtigung bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden. Dieser Sachverhalt wird von Fröhlich als "mehrdimensionale Sprachlosigkeit" bezeichnet (Fröhlich 1991, S.174).

Jedes Auftreten von Unzufriedenheit in der Kommunikation auf Seiten des Behinderten oder der Kommunikationspartner/innen ist ein Grund, um nach anderen Kommunikationskanälen zu suchen. Sämtliche zur Verfügung stehenden Möglichkeiten werden in der Unterstützten Kommunikation ausgenutzt sowie bereits vorhandene Ausdrucksmöglichkeiten erweitert und zusätzlich durch individuelle Hilfen ergänzt. Sowohl das Kommunikationsverhalten der Gesprächspartner/innen (Geduld, Einfühlungsvermögen), das Kommunikationsverhalten der Person ohne Lautsprache (sich Gehör verschaffen..) als auch der Einsatz von Kommunikationshilfen sind Elemente der Unterstützten Kommunikation.

In den USA findet dieses Fachgebiet mit der Bezeichnung AAC (augmentative and alternative Communication) unter dem Einfluß des Integrationsgedankens schon seit Ende der 70er Jahre große Beachtung. 1983 wurde ISAAC (International Society for Augmentative and Alternative Communication) als ein internationales Informations-, Forschungs- und Austauschforum in Kanada gegründet. 1990 entstand die entsprechende deutschsprachige Sektion, die sich ISAAC - Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation, nennt.

Beratung

Entscheidend für den Erfolg beim Einsatz von Kommunikationshilfen ist eine sorgfältige fachübergreifende Planung, die vor allem die Bedürfnisse des behinderten Menschen in den Mittelpunkt stellt. Auswahl und Anpassung von Kommunikationshilfsmitteln sowie das Erstellen individueller Kommunikationssysteme sind Inhalte einer umfangreichen Beratung. Für diese Aufgabe steht bundesweit ein Netz von Beratungsstellen für Unterstützte Kommunikation zur Verfügung. Die Beratungsstellen helfen sowohl bei der Klärung und Beantragung der Finanzierung von Kommunikationshilfen durch Krankenkassen oder Sozialämter als auch bei der Erstellung eines Konzeptes für die anschließende Förderung. Denn: ist eine Kommunikationshilfe genehmigt, muß natürlich auch eine Betreuung während der Einarbeitungsphase gewährleistet sein. Das kann sich bei komplizierten Geräten wie dem "DeltaTalker" auch recht lange hinziehen, denn nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Eltern, Klassenlehrer/innen und Betreuer/innen müssen den Umgang mit den Geräten lernen.

Fort- und Weiterbildungen gehören ebenfalls zum Tätigkeitsbereich der Beratungsstellen. Eine aktuelle Liste der Beratungsstellen sowie eine Liste der Referenten/innen für Unterstützte Kommunikation befindet sich im Internet unter www.isaac-online.de.

Hilfsmittel als Baustein eines sonderpädagogischen Konzeptes

Im Rahmen des Zeitschriftenschwerpunktes beschränke ich mich bewußt auf die Darstellung der elektronischen Hilfsmittel. In die Beratung und Förderung von Menschen, die in ihrer Lautsprache beeinträchtigt sind, müssen jedoch die verschiedensten Aspekte einbezogen werden. Auf Grundlage einer Diagnose zur Ermittlung der motorischen und intellektuellen Fähigkeiten sowie des Bedürfnisses nach Kommunikation muß ein individueller Förderplan zum Gebrauch von körpereigenen Kommunikationsformen (wie Gestik, Mimik, Körperhaltung und Gebärden), nichtelektronischen Hilfen (wie Symbolmappen) und elektronischen Geräten (wie Sprachcomputer) erstellt werden. So liegt bei Karl der Förderschwerpunkt nicht etwa in der technischen Anleitung des Gerätes oder dem Lernen der Vokabeln (Tastenkombinationen), sondern vielmehr im komplizierten Gebilde Sprache. Karl fehlen entscheidende Jahre des kreativen Umgangs mit Sprache, des Probierens, des Übens, des Erfindens von Wörtern und Sätzen.

Der Einsatz von Hilfsmitteln ist somit nur als ein Baustein eines sonderpädagogisches Konzeptes zu sehen, welches den Menschen, seine Gesamtentwicklung und seine individuellen Fähigkeiten in den Vordergrund der Betrachtungen stellt. Hilfsmittel sollten immer an die Bedürfnisse des behinderten Menschen angepaßt werden und nicht umgekehrt. So war z.B. in einer ärztlichen Hilfsmittelverordnung zu lesen: "Der Schüler ist auf Computer einstellbar".

Im folgenden möchte ich exemplarisch einige Gruppierungen von elektronischen Hilfsmitteln, die in der unterstützten Kommunikation von Bedeutung sind, vorstellen.

Sprechgeräte mit synthetischer Sprache

Karl kann mit körpereigenen Kommunikationsformen aufgrund seiner starken Bewegungseinschränkung wenig ausdrücken. Zwar zeigt er mit seinem netten Lachen Zuneigung und Freude, auch Ablehnung ist deutlich durch seinen Blick auf das am Rollstuhl angebrachte "Nein" zu erkennen, aber eigene Wünsche und Forderungen kann er hierdurch nicht äußern.
Erst mit Hilfe seines Sprachcomputers ist Karl in der Lage, selbstbestimmt zu kommunizieren. Das Sprachausgabegeräte "DeltaTalker" spricht für Karl mit synthetischer Stimme aus, was er mit Hilfe des Lichtzeigers eintippt. Hierzu ist es jedoch nicht nötig, die Schriftsprache zu beherrschen, sondern die Software "Deutsche Wortstrategie" beinhaltet ein kodiertes Grundvokabular der Deutschen Sprache, welches mittels Tastenkombinationen abrufbar ist. Die Tasten sind mit sogenannten "MinSpeak"-Symbolen hinterlegt, die eine Assoziation mit den Wörtern zulassen, die der Taste zugeordnet sind. Da Karl viel Zeit für das Ansteuern der Tasten mittels Lichtzeiger benötigt, würde eine Eingabe Buchstabe für Buchstabe auch viel zu lange dauern. Für den Satz "ich möchte mit meinem Auto spielen" werden lediglich 11 Tastendrücke benötigt.

Das Kodierungssystem 'MinSpeak'
Abbildung 4: Das Kodierungssystem "MinSpeak"


Sprechgeräte mit natürlicher (digitalisierter) Sprache

Eine andere Möglichkeit sind Geräte, die auf Tastendruck in digitaler Form gespeicherte Laute, Buchstaben, Wörter, Sätze oder auch Lieder wiedergeben. Produkte wie "BigMack", "Step-by-Step", "AlphaTalker" oder "DigiVox" wären hier zu nennen. Diese einfacheren Sprechgeräte werden bevorzugt bei jüngeren Kindern oder kognitiv beeinträchtigten Personen ohne Lautsprache eingesetzt. Sie versetzen in die Lage, auf sich aufmerksam zu machen, ein Gespräch zu initiieren oder eine Rolle in einem Spiel zu übernehmen. Auch als digitales Mitteilungsheft kann ein solches Hilfsmittel eingesetzt werden. Die Mutter spricht zuhause ein paar Sätze vom Wochenende auf das Gerät und das Kind kann auf Tastendruck im schulischen Morgenkreis eigenständig berichten oder auch nicht. Während der "BigMack" nur eine Mitteilung speichern kann, erlaubt der "Step-by-Step" schon mehrere Mitteilungen in einer festgelegten Reihenfolge. Beim "AlphaTalker" und der "DigiVox" können dagegen viele einzelne Laute, Buchstaben, Wörter, Sätze oder auch ganze Lieder per Tastendruck abgerufen werden. Zur Erhöhung der Mitteilungsmöglichkeiten können diese ähnlich wie beim "DeltaTalker" auch einer Tastenkombination hinterlegt werden. Scanning und Lichtzeigeransteuerung sind hier ebenfalls möglich.

Sprechgeräte mit dynamischen Displays

Während die beiden vorherig beschriebenen Kategorien feste Deckblätter mit Buchstaben oder Symbolen zur Bedienung besitzen, kann sich bei Geräten mit dynamischen Displays die Anzeige automatisch ändern, wenn der Benutzer etwas auswählt. In der Regel sind diese Hilfsmittel modifizierte tragbare Notebooks mit Touchscreen, Sprachausgabe sowie einer Spezialsoftware zur Kommunikation. Das Display zeigt Symbole, Bilder, Wörter oder Buchstaben an. Die Ausgabe erfolgt über natürliche oder synthetische Sprachausgabe. Natürlich kann wie bei jedem Rechner auch sowohl jedes andere Ausgabegerät wie Drucker oder Modem als auch die verschiedensten Eingabehilfen genutzt werden. Entscheidend für den Benutzer ist die Software, d.h. die Darbietung und die Systematik der Inhalte. Hier befinden sich derzeit sehr unterschiedliche Systeme auf dem Markt. So bieten Programme wie "Aladin" oder "Speaking Dynamically" eine individuell zu strukturierende Oberfläche mit Symbolen an, auf der der Benutzer auswählen kann und somit zu einer weiteren Verzweigung gelangt oder eine Mitteilung gesprochen wird.

Beispielsseite des Kommunikationsprogramms 'Speaking Dynamically'
Abbildung 5: Beispielsseite des Kommunikationsprogramms "Speaking Dynamically"


Das Kommunikationsprogramm "ScripTalker" dagegen bietet dem Benutzer vorgefertigte Scripte (Situationen, z.B. Supermarkt) an. Diese bestehen aus einer Anzahl von zusammenhängenden Szenen (z.B. Frischtheke, Kasse). Sie stellen einen zeitlich hintereinander ablaufenden Kommunikationsprozess einer Situation dar. Beim Anklicken der in den Szenen befindlichen Objekten (z.B. Produktauswahl) wird entweder ein hinterlegter Text ausgesprochen (z.B. "ich hätte gerne ein Stück Käse!"), eine Tafel mit Detailinformationen (z.B. Käsesorten) aufgerufen, oder zu einer weiteren Szene (z.B. Kasse) gewechselt.

Auch handelsübliche Computer - ob stationär oder tragbar - werden in der Unterstützten Kommunikation eingesetzt. Zwar sind diese als alleiniges Kommunikationshilfsmittel in der Regel untauglich, jedoch kommt ihnen in der Förderung und Unterrichtung von Menschen ohne oder unverständlicher Lautsprache Bedeutung zu. So erlauben Computer mit synthetischer Sprachausgabe im Unterrichtsalltag das Vorlesen von erarbeiteten Texten in der Klassensituation. Auch Kinder mit unverständlicher Lautsprache profitieren beim Lesen- und Schreibenlernen von der synthetischen Sprachausgabe, denn Kinder lernen in Regel durch Vorsprechen bzw. Lesen die Rechtschreibung.

Abschließend möchte ich auf einen m.E. sehr bedeutenden und zukunftsorientierten Aspekt in der Behindertenpädagogik hinweisen. Die virtuelle Welt des Internet kann behinderten Menschen ganz neue Möglichkeiten bieten, Barrieren zu überwinden und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu kompensieren. So könnten sich körperbehinderte Menschen durch die virtuelle Freiheit, sich im Internet an alle Orte bewegen zu können, unabhängiger von fremder Hilfe machen sowie den eigenen Kommunikationsradius vergrößern. Auch ließen sich in diesem Zusammenhang neue anspruchsvolle Arbeitsplätze für Behinderte schaffen (siehe www.bremen.de/brise/bit.html), denn um mit den Worten von Neeb und Thamm zu sprechen: "Wir können mehr als nur Schrauben verpacken..." (Neeb / Thamm 1995, S.106)


Literatur

Fröhlich, Andreas: "Basale Stimmulation", Düsseldorf, 1991.

Neeb / Thamm: "Wir können mehr als nur Schrauben verpacken...". In: Bonfranchi, R. (Hrsg.), "Wir können mehr als nur Schrauben verpacken...". Bern, 1995.


Alle Rechte vorbehalten!

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
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Hinweise und Anmerkungen bitte an Ralf E. Streibl.
Letzte Änderung: 03.07.2000

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