Informationstechnik und Behinderung



Hörgeschädigte und Informationstechnologien

Jacques Bruch

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Hörgeschädigte sind immer auch hör-SPRACHgeschädigt (siehe auch den Artikel von B. Rehling). Das trifft auch für hörgeschädigte Akademiker zu. Selbstbewusste Hörgeschädigte stehen zu diesem Teilaspekt ihrer Behinderung. Wir haben deshalb den Artikel von Herrn Bruch NICHT korrigiert. Den normalhörenden Leser mag dies gelegentlich im Lesefluss stören. Er erhält gleichzeitig aber einen Eindruck davon, welchen sprachlichen Schwierigkeiten Hörgeschädigte gegenüberstehen.
- Die Redaktion -


Bei der Anwendung der Informationstechnologien für Hörgeschädigte spielt der Hintergrund der Gehörlosen- und Schwerhörigenkultur mit daraus resultierenden Kommunikationsproblemen und dem Bildungsstand eine Rolle. Um den Hörgeschädigten die Teilnahme an der Informationsgesellschaft zu erleichtern, werden die Probleme diagnostiziert und die Lösungsvorschläge der Informationstechnologien dargestellt. Es folgt eine Aufzählung der von Hörgeschädigten bevorzugten Telematikdienste. Sie geben Aufschluß auf künftige Perspektiven. Praktische Beispiele aus dem Taubenschlag-Server werden aufgezeigt.

Einleitung

Für die Relation zwischen Behinderte und Informationstechnologie ist zunächst das Verständnis für die besonderen Belange und Bedürfnisse der Behinderten erforderlich. Zunächst wir die Hörschädigung allgemein und die die daraus resultierende Gehörlosenkultur und Schwerhörigenkultur beschrieben. Ausgehend aus der Beschreibung der unterschiedlichen Kulturen resultieren die Folgen der Hörschädigung. Anschließend wird es einen Überblick über den Taubenschlag in Verbindung mit den praktischen Beispielen geben.

Beschreibung der Gehörlosenkultur und Schwerhörigenkultur

Die Zielgruppe des Taubenschlags sind die Gehörlosen (deaf persons) und Schwerhörigen (hard of hearing persons). Dennoch sind die deutschen und englischen Begriffe nicht deckungsgleich. Während im deutschen Sprachgebrauch die Bezeichnung 'gehörlos' restriktiv gehandhabt wird, wird im englischen oder amerikanischen Sprachgebrauch der begriff 'Deaf' (es wird betont, mit einem großen 'D' anzufangen) diejenigen Personen gekennzeichnet werden, die sich als Angehörige der Kultur- und Sprachminderheit nenne, welche über nicht ausreichend verwertbare Hörreste verfügen und die bestimmte Gebärdensprache benutzen. Dabei wird zwischen der nativen Gebärdensprache der kulturellen Minderheit und der in vielen Gehörlosenschulen praktizierten lautsprachbegleitenden Gebärden unterschieden. Darüber hinaus gibt im englischen Sprachgebrauch auch die Bezeichnung 'deaf' (mit kleinem 'd' geschrieben), die sich auf diejenigen Personen beziehen, welche sich nicht als zur kulturellen Minderheit der Gehörlosen fühlen und deshalb die Gebärdensprachen nicht benutzen. In Deutschland versteht man unter Gehörlosen diejenigen Personen, die trotz bestmöglicher Hörgeräteeinstellungen nicht in der Lage sind, andere Kommunikationspartner ohne Gebärden zu verstehen. Dagegen verfügen die Schwerhörigen über ausreichend verwertbare Hörreste, die zum großen Teil durch das Tragen der Hörgeräte annähernd oder teilweise ausgeglichen werden. Darüber hinaus sind Schwerhörige in der Lage, die gesprochene Sprache nur in Zusammenhang mit dem Dialog von Angesicht zu Angesicht durch Lippenablesen zu verstehen. Daraus resultiert sich die Erkenntnis, daß Hörgeschädigte sich auf visueller Weise verständigen, sei es durch Anwendung der Gebärdensprache, durch Lippenablesen oder schriftliche Kommunikation. Mit anderen Worten: die visuelle Zugänglichkeit von Informationen hat bei Gehörlosen und Schwerhörigen einen höheren Stellenwert gegenüber der akustischen Zugänglichkeit.

Was die Sozialisation- und Kommunikationsbedingungen der Gehörlosen und Schwerhörigen anbelangt, wächst ein überwiegend sehr großer Teil der Hörgeschädigten in einer hörenden Umgebung auf. Nur ein kleiner Teil der Gehörlosenpopulation lebt in einer gebärdensprachlichen Umgebung von Eltern mit mindestens einem gehörlosen Elternteil. Deshalb ist bei der Mehrheit der Gehörlosen die sprachliche Zugänglichkeit sehr eingeschränkt, wenn die Gebärdensprache nicht angewendet wird. Wachsen Gehörlose ausschließlich ohne Anwendung der Gebärdensprachen auf, ergeben sich ein Bildungsdefizit wegen der mangelnden Schriftsprachkompetenz, da die Beschränkung des Unterrichts der Gehörlosen ausschließlich auf die Anwendung der gesprochenen Sprache wegen der zahlreichen Artikulationsprobleme mit sehr großem Zeitaufwand verbunden ist und deshalb zur Verzögerung des Lernfortschritts gegenüber dem Lernfortschritt der hörenden Schüler führt. Aus diesem Grund stellt die Zugänglichkeit zu den Informationen nach dem Schulabgang der gehörlosen und schwerhörigen Schüler ein zentrales Problem dar (Dotter F. 1996, p. 205-206; Dotter F., Hilzenauer M., Krammer K., Skant A., Dimmel T. 1999, S. 1-2).

Hörgeschädigte und Informationsgesellschaft

Es werden zunächst Problem diagnostiziert und daraus resultierende Lösungsvorschläge dargestellt (Dotter F. 1996, p. 205-206; Dotter F., Hilzenauer M., Krammer K., Skant A., Dimmel T. 1999, S. 9-11). Der Ansatz Diagnose - Lösungsvorschläge findet im Taubenschlag Anwendung und wird näher beschrieben.

Diagnose:

Die Informationsgesellschaft ist eng mit der Zugänglichkeit zur Information verknüpft. Im Prinzip ist eine völlige Beteiligung am gesellschaftlichen Leben der Informationsgesellschaft nur gewährleistet, wer einen guten Zugang zur schriftlichen Information hat. Bei vielen Gehörlosen und Schwerhörigen ist das leider nicht der Fall, da der Zugang zur schrift- und lautsprachlichen Kommunikation der hörenden Umgebung erschwert ist.

Lösungsvorschläge:

Für den Taubenschlag wird eine Verbesserung des Informationsstands und -zugangs Gehörloser und der Kommunikation unter Gehörlosen erreicht durch:

Kommunikationstechnologien für Hörgeschädigte

Schreibtelefon

In den frühen 60er Jahre wurde in den USA ein Schreibtelefon im Alexander Bell Laboratory entwickelt. Es besteht aus einer alphanumerischen Tastatur mit einem akustischen Koppler für Telefonhörer. Der gesamte Ablauf der Kommunikation läuft wie folgt: der Anrufer hebt den Telefonhörer hoch, wählt die Nummer, legt den Telefonhörer auf den Akustikkoppler und wartet, bis der Empfänger seinen Telefonhörer hochhebt und auf den Akustikkoppler seines Schreibtelefons legt. Dann beginnt die schriftliche Kommunikation, indem die einzelnen Buchstaben per Tastendruck gesendet werden und Empfängerseite empfangen werden. Die Schrittgeschwindigkit ist sehr gering (300 Baud) und die Kommunikation verläuft sehr langsam. Außerdem stellt das Schreibtelefon eine Insellösung in der Kommunikationstechnologie dar: für den Sender ist das Schreibtelefon nur von Nutzen, wenn der Empfänger auch über ein entsprechendes Schreibtelefon verfügt. Danach fand das Schreibtelefon zunächst in Nordamerika und dann in Europa Verwendung. Die Folge der Verbreitung des Schreibtelefons ist die Zunahme verschiedener Kommunikationsprotokolle. Mittlerweile existieren in Europa sieben verschiedene Kommuikationsprotokolle des Schreibtelefons. Aus diesem Grund ist die grenzüberschreitende Kommunikation nahzu unmöglich oder sehr eingeschränkt (Gallaudet TAP Homepage ; Omnitor Homepage ).

Telematikdienste im Internet

Durch die Freigabe des Internets im Publikum werden neue Telematikdienste angeboten, so daß die Schreibtelefone als Kommunikationsmittel aus dem Markt verdrängt werden. Im Sinne des Mainstreamings der Behinderten ist es vorteilhaft, die Interenet-Telematikdienste in Anspruch zu nehmen, da dieselben Dienste auch bei Nichtbehinderten Anwendung finden. Die Hörgeschädigten bevorzugten Telematikdienste sind wie folgt aufgelistet:
Electronic Mail: hierfür existieren verschiedene EMail-Programme. Sehr überragend ist die schriftliche Kommunikation mit anderen EMail-Benutzer. Mittels EMail sind Hörgeschädigte in der Lage, mit anderen Internet-Benutzer schriftliche Nachrichten auszutauschen. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob der andere Internet-Benutzer hörgeschädigt ist oder nicht.
Internet-Chat: hierfür existieren verschieden Chatprogramme sowie Chaträume. Zu den Chatprogrammen gehören das IRC (Internet Relay Chat), wobei sich alle Internetbenutzer sich im wie im Chatraum einmischen und Textbotschaften austauschen. Des weiteren existieren dedizierte Chatprogramme, wobei die schriftliche Kommunikation sich auf 2 Personen oder einer Gruppe von Personen beschränken kann (Internet-Schreibtelefonie)
ICQ: I Seek You: ICQ ist ein sehr beliebtes Kommunikationsmittel zum Austausch von Textbotschaften sowie zum Chatten (Eschenburg A. 1998). Darüber hinaus verfügt ICQ über mehrere Funktionen wie Videokonferenzen, Austausch von Dateien sowie Bookmarks der Interenet-Browser (Eschenburg A. (1998)). Das Programm ist frei herunterladbar unter http://www.mirabilis.com
Pager: mit Pager kann man Textbotschaften einseitig empfangen. Ein Beispiel ist Quix in der Bundesrepublik Deutschland (http://www.quix.de).
Short Message System (SMS): das SMS ist in Mobiltelefonen integriert und erlaubt den Austausch von Textbotschaften bis zu 80 oder 160 Zeichen zum Empfänger des Mobiltelefons. Des weiteren kann man auch vom Internet aus SMS-Textbotschaften an den Mobiltelefonbesitzer schicken.

Bündelung der Telematikdienste

Mehrere Dienste können miteinander gebündelt werden. So zum Beispiel können verschiedene Telematikdienste auf dem PC angewendet werden. Darüber hinaus können solche Dienste auch in Mobiltelefonen angewendet werden. Nokia liefert ein vorbildliches Beispiel des Mainstreamings von Diensten: der Fax kann mit SMS und Voice Mail verknüpft werden. Gehörlose bevorzugen wegen der Kombination von Fax und SMS den Nokia Communicator 9000 oder 9110, während Schwerhörige mit gutem Resthörvermögen mittels Nokia 5110/5130, 6110/6130/6150 und 6450 Sprachtelefonie mit SMS verknüpfen, wobei sie ihren Handy mit einer Induktionsschleife LPS-1 verbinden (sie dient dazu, die elektromagnetischen Wellen von der am Hals umhängten Schleife an das Hörgerät mit Induktionsspule zu übertragen, ohne den Handy an das Hörgerät heranzunähern, da sonst die von den Antennen ausgehenden starken elektromagnetischen Wellen das Hörgeät stören (elektromagnetische Interferenz)). Aber die Induktionsschleife LPS-1 läßt sich nicht an NOKIA Communicator anschließen, in der Hoffnung Voice Mail unter Einbeziehung der Induktionsschleife mit Fax und SMS zu kombinieren (Nokia Homepage 2000).

Perspektiven der Kommunikationstechnologien

Mittlerweile sind auf dem Markt Mobiltelefone mit Wireless Application Protocol (WAP) eingeführt worden. Leider läßt sich zum Beispiel NOKIA 7110 mit WAP sich nicht mit der Induktionsschleife kombinieren, um Hörgeräteträgern die Sprachtelefonie zu ermöglichen. In Zukunft wird es eine Verknüpfung der Internet-Technologie und Mobiltelefontechnologie geben, die sich auf die Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) basieren. Das Netzwerk der Mobiltelefone 3. Generation wird also in Zukunft eine endlose Variation von Diensten an Endbenutzer anbieten. Dabei muß beachtet werden, daß auch die Behinderten und auch die Hörgeschädigten bei der Entwicklung künftiger Mobiltelefone berücksichtigt werden. Für Hörgeschädigte dürfte es interessant sein, bei 3G-Mobiltelefonen folgende Dienste anzubieten: Was die Induktionsschleife für Mobiltelefone anbelangt, muß berücksichtigt werden, daß Induktionsschleifen nur mit analogen Hörgeräte kombiniert werden, da die Mikrofone der analogen Hörgeräte nicht gegen elektromagnetische Interferenzen geschützt sind. Dagegen gibt seit kurzem die neuen digitalen Hörgeräte mit sehr guter Hörperformance, dessen Mikrofone gegen elektromagnetische Interferenzen geschützt sind, so daß das Telefonieren mit Mobiltelefonen ohne Zuhilfenahme der angeschlossenen Induktionsschleife möglich ist. Dabei muß berücksichtigt werden, der größte Anteil der Schwerhörigen die Alterschwerhörigen ausmachen, die an Prebysakusie leiden. Viele Alterschwerhörige tragen relativ lange ihre analogen Hörgeräte. Es wird geschätzt, daß die analogen Hörgeräte noch etwa 10 Jahre getragen werden, bis sie aus dem europäischen Markt ganz verschwinden und durch digitale Hörgeräte ersetzt werden. Also ergibt sich die Notwendigkeit, Mobiltelefone solange mit hörgerätespezifische Zubehör auszustatten, bis kein Bedarf nach solchem Zubehör besteht.

Im Bereich der Computerkommunikation ist mittlerweile die Kommunikationstechnologie soweit ausgereift, daß Hörgeschädigte im Sinne des Mainstreamings die Internet-Technologien benutzen können. Leider benutzt nur ein kleiner Anteil der Hörgeschädigten aus der Population der Hörgeschädigten die modernsten Kommunikationstechnologien, während ein relativ großer Anteil sich mit der Benutzung alter Schreibtelefone oder Faxgeräte begnügen. Ganz besonders muß Sorge getragen werden, das Internet und die Mobiltelefonie unter der Population der Hörgeschädigten zu verbreiten. Die Verbreitung der Computertechnologie und Mobiltelefonie muß den Vorschlägen Franz Dotters gerecht werden. Parallel dazu ist wegen der steigenden Anforderungen der Informationstechnologie der Bildungsfortschritt unter der Population der Hörgeschädigten zu fördern (Dotter F., Hilzenauer M., Krammer K., Skant A., Dimmel T. 1999, S. 11-16). Sonst besteht die Gefahr für die Hörgeschädigten den Anschluß an die Informationstechnologie im Sinne der Beschlüsse des Lissabonner EU-Gipfeltreffens von März 2000 zu verpassen.


Literatur

Rehling B. (1999): Impuls für Bildungsangebote im Internet, http://www.taubenschlag.de/bernd/klagenfurt/Referat_Klagenfurt.htm

Rehling B. (1998): 'Taubenschlag' Info-Zentrum und Treffpunkt für Hörgeschädigte im Internet, http://www.taubenschlag.de/IVSS/RefHusum.htm

Rehling B. (1998): Die Möglichkeiten des Internets für Hörgeschädigte, http://www.taubenschlag.de/IVSS/Referat.html

Eschenburg A.(1998): Wo laufen sie denn? - ICQ hält Verbindung zu Bekannten, c't22/1998

Dotter F. (1996): Computer for the Deaf (and Hearing-Impaired): Towards an Integrated Solution from a Linguistic Standpoint, In: Interdisciplinary Aspects on Computers Helping People with Special Needs - 5th International Conference, ICCHP'96, Linz, Austria, July 1996, p. 205 - 210

Dotter F., Hilzenauer M., Krammer K., Skant A., Dimmel T. (1999): Abschlussdokument zum Projekt: Schritte zur Verbesserung der Teilnahme der Gehörlosen an der Informationsgesellschaft, Klagenfurt 1999

Omnitor Homepage (2000): http://www.omnitor.se/english/index.html

Gallaudet Homepage on Text T Devices (2000): http://tap.gallaudet.edu/TTY-Basics.htm

Nokia Hompepage on LPS-1 (2000): http://www.nokia.com/press/magazines/discovery/vol47/page43.html


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Letzte Änderung: 03.07.2000

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