Informationstechnik und Behinderung



Beendet das Internet die kommunikative, soziale und bildungsmäßige Deprivation Hörgeschädigter?

Bernd Rehling

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Wer nicht hören kann, muss - nein, nicht fühlen! - lesen. So einfach stellt sich das der unvoreingenommene Normalhörende vor. Klar, zu diesem Zweck gibt es ja auch das Schreibtelefon, Fax, SMS, Untertitel im Fernsehen und nicht zuletzt das schriftbasierte Internet. Goldene Zeiten also auch für Hörgeschädigte, deren Behinderung in diesem Bereich keine Rolle spielt, die aus ihrer sozialen Isolation herauskommen, frei mit jedermann kommunizieren und ihr Wissen erweitern können. Das ist nicht falsch, aber leider auch nicht ganz richtig. Was, wenn die Sprachkompetenz Hörgeschädigter eingeschränkt ist? Wenn mangels Gehör die Sprache der Hörenden nicht aufgenommen, Begriffe nicht gebildet, Syntax und Grammatik nicht erlernt wurden? Böswillig und überspitzt formuliert: Was sollen Analphabeten mit dem Internet anfangen? Stefan Klotz kommt in seiner Untersuchung "Hörgeschädigte und das Internet - Möglichkeiten und Probleme" (http://www.taubenschlag.de/klotz/arbeit.pdf) zu dem Schluss, dass allein gebärdensprachliche Kommunikation die in das Internet gesetzten Erwartungen in bezug auf Gehörlose erfüllen könnte. Und diese Form der Kommunikation ist mangels technischer Voraussetzungen bzw. fehlender Bandbreiten für effektive Videoübertragungen leider noch nicht gegeben. Fehlanzeige also?

Ganz so ist es nicht. Zum einen ist die Gruppe der Hörgeschädigten extrem heterogen (siehe Kasten).

Die Zielgruppe

Der Begriff "Hörgeschädigte" bezeichnet eine extrem heterogene Zielgruppe. Im wesentlichen sind drei Faktoren von Bedeutung: Hörstatus, Sprachkompetenz und soziokulturelle Zugehörigkeit. Daraus resultieren Gegebenheiten in bezug auf Bildung und sozialen Status.

  • Hörstatus: Schwerhörigkeiten aller Abstufungen und Arten, Zeit des Eintritts der Hörschädigung, Spätertaubung, Gehörlosigkeit
  • Sprachkompetenz: Von Grad, Art und Zeitpunkt des Eintritts der Hörschädigung (simpel formuliert: Wer nicht hört, kann Sprache nicht über das Ohr aufnehmen. Es entstehen massive Defizite in bezug auf Wortschatz, Begriffsbildung und Grammatik), aber auch von der Art der Förderung, der Kommunikation und persönlichen Prädispositionen hängen Grad und Art der Sprachkompetenz in Laut-, Schrift- und/oder Gebärdensprache ab.
  • Soziale und kulturelle Eingliederung: Kommunikative und sprachliche Rahmenbedingungen, aber auch gemeinsamer Erfahrungshintergrund, gemeinsame politische Ziele und eine andersartige Mentalität haben eigenständige soziale Gruppierungen entstehen lassen, die sich im Falle der Gehörlosen als Sprach- und Kulturgemeinschaften bezeichnen. Diese Gemeinschaften sind nicht als Notgemeinschaft kommunikativ Behinderter, sondern als Sprach- und Kulturgemeinschaften in dem Sinne wie z.B. die sprachlichen Minoritäten der Sorben und Dänen in Deutschland zu sehen.
  • Bildungsmöglichkeiten: Im Vergleich zu anderen Behinderungsarten sind Hörgeschädigte in bezug auf schulische und berufliche Bildung am stärksten eingeschränkt. Der seit zwei Jahrhunderten anhaltende Methodenstreit zwischen Oralisten (Unterricht nur per Absehen vom Munde, Artikulationstraining) und Bilingualisten (zu Artikulation und Absehen kommen Gebärdensprache und Fingeralphabet hinzu) dokumentiert letztlich die Ratlosigkeit der Pädagogen. Auf den Durchschnitt (nicht den Einzelfall!) der Hörgeschädigten bezogen lässt sich leider immer noch feststellen: Je gravierender der Hörschaden, desto schlechter die Bildung.

Zum anderen muss man sich die zahlenmäßigen Relationen vergegenwärtigen: Ca. 14 Mio. Schwerhörigen stehen nur ca. 80.000 Gehörlose gegenüber. Was nicht heißen kann, dass die kleine Minderheit der Gehörlosen vernachlässigt werden könnte. Im Gegenteil! Was für Gehörlose gut ist - bei der Gestaltung einer Website z.B. - kann auch für Spätertaubte und hochgradig Schwerhörige nicht schlecht sein. Unbestritten steht das Visuelle im Vordergrund. Als Fernziel sollte die Einbeziehung von Video nicht außer acht gelassen werden. Bildern, Zeichnungen, Tabellen usw. kommt auf einer Website für Hörgeschädigte sicher eine noch größere Bedeutung zu als bei Hörenden. Und sprachliche Vereinfachungen wären für viele Hörgeschädigte sicherlich hilfreich. Letztlich zielt aber der Modus der Informationsvermittlung auf die Schriftsprache ab. Zugegeben, für einen Teil der Hörgeschädigten stellt das eine unüberwindliche Hürde dar. Andererseits sind Defizite in der Sprachkompetenz Teil der Behinderung, und manche Hörgeschädigte haben sich der Scham entledigt und stehen auch zu diesem Teil ihrer Behinderung. So lässt man die von Gehörlosen verfassten Artikel in der Zeitschrift "selbstbewusst werden" (http://www.taubenschlag.de/sbw) absichtlich nicht von Hörenden korrigieren. In Foren von Hörgeschädigten (zu erreichen über http://www.taubenschlag.de/links/foren.html) wird geschrieben, wie der Schnabel gewachsen ist. Fehler spielen keine Rolle. Und es wird deutlich, dass trotz fehlerhaftem Deutsch Inhalte vermittelt werden können. Inhalte sind, wenn es z.B. um Computertechnik u.ä. geht, nicht anders als bei Hörenden. Ein Großteil der Themen dokumentiert aber eben auch, dass Hörgeschädigte andere Interessen und eine andere Mentalität haben als Hörende. Nun bestünde per Internet ja die Möglichkeit, dass Hörgeschädigte in die Welt der Hörenden integriert werden. Pädagogen, die voller Begeisterung dieses Ziel vor Augen hatten, sind oftmals bitter enttäuscht. Auch im Internet sondern sich Hörgeschädigte ab. Sie bilden, wie im real life auch im virtuellen Bereich eine Gruppe für sich. Nicht sektiererisch, indem man sich abschottet. Hörende sind in Chats, Foren und mailing lists durchaus willkommen. Nur der umgekehrte Weg, sich als Hörgeschädigter in der virtuellen hörenden Welt zu bewegen, wird kaum beschritten. Aus den o.g. Gründen: eingeschränkte Sprachkompetenz, andere Interessenlage und andere Mentalität.

Dies sollte vorweggeschickt werden, um überzogenen Erwartungen vorab zu begegnen. Wenn es auf den ersten Blick resignierend zu klingen scheint, so täuscht das gewaltig. Trotz aller Einschränkungen bzw. realistischer Einschätzungen eröffnen sich durch das Internet für Hörgeschädigte durchaus neue Welten. Wie bereits einleitend angedeutet, richten sich Hoffnungen gleich auf eine ganze Reihe von Teilaspekten der Lebensrealität Hörgeschädigter.

Hörgeschädigte leben zumeist örtlich weit voneinander getrennt, sind aber auf die Interaktion untereinander angewiesen. Waren es persönliche Besuche oder Briefe, die über Jahrhunderte solche Kontakte ermöglichten, so wurde vor ca. 20 Jahren durch die Einführung des Schreibtelefons die Tele-Kommunikation auch für Gehörlose eröffnet. War dies schon ein gewaltiger Schritt, so stellen die kommunikativen Möglichkeiten des Internets geradezu einen Quantensprung dar. Ob nun per email, ICQ, Foren o.ä. kommuniziert wird - es spielt eben auch für Gehörlose keine Rolle mehr, ob der Gesprächspartner in der gleichen Stadt oder am anderen Ende der Welt sitzt. Und diese Möglichkeiten werden intensiv genutzt.

Informationen waren Hörgeschädigten nur bedingt zugänglich. Haupthindernis: die Sprachkompetenz. Aber auch technische Hürden wie Fernsehen OHNE Untertitel, Rundfunk, politische Kundgebungen OHNE Gebärdensprachdolmetscher usw. führten sie ins Abseits. Durch das Internet steht jetzt eine unendlich größere Auswahl an Informationsquellen zur Verfügung.

Sprache wird durch die permanente Berieselung mit Sprache erlernt. Wenn dies jetzt im Internet, beim Fernsehen mit Untertiteln usw. per Schriftsprache geschieht, könnte es zur Verbesserung der Sprachkompetenz beitragen. Außerdem bietet das Internet die Möglichkeit, spezielle Bildungsgänge für Hörgeschädigte auf überregionaler Ebene einzurichten.

Im folgenden will ich nun darstellen, was sich im Internet im deutschsprachigen Bereich de facto in bezug auf Hörgeschädigte tut.

Es gab bis vor kurzem eine Reihe von deaf sites (amerikanischer Ausdruck für Websites Hörgeschädigter). Vorreiter war seit 1997 www.gehoerlos.de. Diese Website lebte von ihrem "Café", einem Diskussionsforum Hörgeschädigter, das sich großer Beliebtheit erfreute. www.gehoerlos.de wurde von einem gehörlosen Informatiker betrieben, ist aber leider seit November 1999 offline. Die hörgeschädigten Besucher haben dem Café lange nachgetrauert, dann aber in Eigeninitiative verschiedene Diskussionsforen neu eingerichtet (s.o.). Im Moment ist nicht abzusehen, ob www.gehoerlos.de jemals wieder online gehen wird.

Die zweite deaf site war www.hoerbehinderten-info.de, betrieben ebenfalls von einem Gehörlosen. Die Anfänge waren sehr vielversprechend. Leider hatte der Webmaster überzogene Vorstellungen vom Stellenwert seiner site, d.h. sie sollte praktisch eine Monopolstellung und keinerlei Außenkontakte haben. An dieser Abschottungsstrategie ist die site letztlich gescheitert. Seit anderthalb Jahren besteht sie nur noch aus einer Leerseite.

Mitte 1999 erschien dann als shooting star www.planetdeaf.de, betrieben von einer jungen Gehörlosen. Planetdeaf bot unfangreiche Informationen, die Webmasterin reiste durch die Lande, um Bildberichte von lokalen Veranstaltungen zu erstellen, es gab ein Video-Interview mit der neugewählten Präsidentin des Gehörlosenbundes in Gebärdensprache, Berichte über die neuesten Trends in der Telekommunikation und im Internet, Regenbogenpresse aus der Welt der Homosexuellen usw. Offensichtlich hat die Webmasterin sich damit übernommen. Jedenfalls verglühte der shooting star nach einem halben Jahr, und seit einem halben Jahr gibt es immer neue Ankündigungen für ein großes Comeback.

Den Taubenschlag (http://www.taubenschlag.de) gibt es seit 2½ Jahren. Er ist im Moment die einzige überregionale und thematisch übergreifende deaf site im deutschsprachigen Raum. Diese Quasi-Monopolstellung war weder beabsichtigt, noch wird sie so erhalten bleiben. Der Taubenschlag wird privat betrieben, hat also keinen Verein, Verband o.ä. als strukturelle Grundlage. Er ist nicht-kommerziell, d.h. es gibt keine bezahlte Werbung - um die Unabhängigkeit zu gewährleisten. Betrieben wird er von einem Team Betroffener, und das bedeutet von Gehörlosen, Schwerhörigen und Hörenden. Im journalistischen Sinne ist kein Profi dabei. Allerdings befinden sich im Team Informatiker, Ingenieure, ein Pädagoge, ein Gehörlosenseelsorger, ein Mediziner usw. - eine Zusammensetzung, die an Redaktionen großer Zeitschriften erinnert. Wichtigstes Qualifikationsmerkmal ist jedoch die Betroffenheit. Die kann z.B. auch darin bestehen, ein gehörloses Kind zu haben oder mit einer Schwerhörigen verheiratet zu sein. Kein "Rassismus" also in bezug auf den Hörstatus, aber schon entschiedene Parteinahme für die Interessen Hörgeschädigter. Das Gründungsteam von 4 Mitarbeitern hat sich inzwischen auf 14 erweitert. Die meisten der MitarbeiterInnen haben sich real nie kennengelernt, und auch die Kooperation erfolgt auf der virtuellen Ebene, d.h. per email und z.T. per ICQ oder IRC. Die einzelnen Ressorts sind einzelnen Mitarbeitern zugeordnet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Einer der neu hinzugekommenen Mitarbeiter hat sich der neu einzurichtenden Rubrik Politik angenommen. Er hat eine Unmenge an Informationen im Taubenschlag und im Internet zum Thema "Anerkennung der Gebärdensprache" zusammengetragen und verlinkt. Entstanden ist eine Übersicht samt Tabelle, Erklärungen politischer Parteien, Stellungnahme des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Zeitschriften- und Zeitungsartikel - kurzum, eine so umfassende Darstellung, wie es sie sonst nirgendwo gibt. In ähnlicher Weise wird mit allen anderen Rubriken verfahren, so dass der Taubenschlag mittlerweile zu einer umfassenden Informationsquelle sowohl für Fachleute und Akademiker als auch für ganz durchschnittliche hörgeschädigte Besucher geworden ist. An erster Stelle der Beliebtheitsskala steht die Presse, in der täglich Ausschnitte aus der Weltpresse zum Thema Hörschädigung in konzentrierter Form zur Verfügung gestellt werden. Es folgt die Rubrik Anzeigen (per CGIs inzwischen voll automatisiert), in der wiederum Kontakt- und Partnerschafts-Anzeigen dominieren. In diesem Bereich hat das Online-Medium Taubenschlag einschlägige Printmedien wie z.B. die Deutsche Gehörlosenzeitung schon längst überflügelt.

Neben den vielfältigen Rubriken, die letztlich auf Information und Kommunikation ausgerichtet sind, soll der Bereich der Bildung hier exemplarisch hervorgehoben werden. Im Internet gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Websites, die für Kinder konzipiert sind. Für hörende Kinder allerdings - und damit sind viele vom Sprachniveau her für hörgeschädigte Kinder ungeeignet. Außerdem sind natürlich die Lernziele nicht an den Bedürfnissen hörgeschädigter Kinder ausgerichtet. Das vorrangige Ziel in der Bildung hörgeschädigter Kinder ist die Vermittlung der Lautsprache, d.h. der deutschen Sprache. Für das Internet würde das bedeuten, dass ein Lernangebot bereitgestellt werden müsste, das in spielerischer Form und primär motivierend Sprache vermittelt. Technisch gesehen ist das kein Problem. So bietet z.B. der Trierer Lernsoftwareserver verschiedene Online-Lernprogramme an. Unter http://apsymac33.uni-trier.de:8080/RR2000 findet man ein Programm zur neuen Rechtschreibung. Von der Funktionalität her ist es optimal, nur leider ist es rein verbal konzipiert, damit nicht kindgerecht (es ist halt für Erwachsene gedacht) und natürlich vom Sprachniveau her ungeeignet. Nili, das kleine Nilpferd (http://www.taubenschlag.de/nili), wurde von einer Studentengruppe speziell für hörgeschädigte Kinder konzipiert. Es ist von der Funktionalität her arg eingeschränkt. Im wesentlichen werden per Frametechnik Worterklärungen zu einem Text eingeblendet. Aber Nili ist kindgemäß und auf die Bedürfnisse hörgeschädigter Kinder ausgerichtet. Nun braucht man nicht viel Phantasie, um sich Lernprogramme für hörgeschädigte Kinder aus einer Kombination von Trierer Lernserver und Nili vorzustellen. Technik und pädagogische Konzepte sind vorhanden. Es ist lediglich eine Frage der Zeit und des Geldes. Da bisher keine Institution, weder die etablierten Lehrstühle für Hörgeschädigtenpädagogik noch die Verbände der Hörgeschädigtenlehrer, auch nur ansatzweise online-Lernmöglichkeiten für hörgeschädigte Kinder angeboten oder auch nur konzipiert hat, hat der Taubenschlag mit der Rubrik deaf kids (auch erreichbar über die Domain www.deafkids.de) den Versuch unternommen, Impulse zu geben.

Denkbar und wünschenswert sind auch online-Lernangebote für hörgeschädigte Erwachsene im Stil einer Volkshochschule. Der Bedarf dafür ist immens. In Planung ist bereits die Gründung einer European Deaf University (http://www.taubenschlag.de/lernen/edu/index.htm), die ähnlich einer Fernuniversität eine Kombination aus Präsenzveranstaltungen und online-Kursen anbieten will. Die Internet-Angebote für Hörgeschädigte stellen bereits Informations-, Kommunikations- und Bildungsmöglichkeiten dar, die es für diese Gruppe noch nie in der Geschichte gegeben hat. Um das Potential aber voll ausnutzen zu können, bedarf es personell und finanziell weitaus umfassenderer Ressourcen. Der hobbymäßige Bereich hat seine Berechtigung und wird erhalten bleiben. Projekte wie online-Bildungsangebote bedürfen aber einer Institutionalisierung. Angemessen wäre hier eine Kooperation aller zuständigen Institutionen zur Bündelung der Kräfte.

Diesen Artikel finden Sie im Internet auch unter http://www.taubenschlag.de/lernen/fiff.html


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Letzte Änderung: 03.07.2000

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