Informationstechnik und Behinderung



Barrierefreies Internet

Wie Blinde das Internet sehen und erleben

Klaus-Peter Wegge

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



Internet und Behinderung?

Das Internet erlaubt den freien, individuellen Zugang zu Informationen, die gleichberechtigte Kommunikation und Interaktion mit Menschen in aller Welt, den freien Handel und nicht zuletzt die Fernbedienung und Kontrolle von Geräten und Maschinen in der eigenen Wohnung oder am Arbeitsplatz. Und das sogar mobil von jedem beliebigen Ort der Erde! Vorzüge, die man mehr und mehr zu schätzen lernt und die bereits für viele Menschen fester Bestandteil des Berufs- aber auch des Privatlebens geworden sind. Gerade ältere und behinderte Menschen könnten insbesondere von diesen Möglichkeiten profitieren, da sie per Internet viele Dinge wieder selbständig erledigen können und dadurch ihre häufig eingeschränkte Mobilität zumindest teilweise kompensieren. Jedoch, wie bei vielen anderen technischen Entwicklungen auch, bauen sich im Internet vermehrt Barrieren für diese Personengruppe auf.

Dieser Artikel beschreibt aus Sicht eines Blinden die Probleme und Chancen, die das Internet für behinderte und ältere Menschen bereit hält. Es werden jedoch auch Lösungen gezeigt, die oftmals verblüffend einfach sind und deren Umsetzung selbstverständlich werden muß. Auch wenn in diesem Artikel in erster Linie von behinderten Menschen berichtet wird, stehen sie stellvertretend für alle, die durch Alter oder andere gesundheitliche Probleme auf dem Wege zu einer Behinderung sind oder die temporär behindert sind. Selbst die Einschränkungen durch Hard- oder Software (Internet per Mobiltelefon oder PDA) sowie widrige Umweltbedingungen können als "Behinderung" betrachtet werden, für die nachstehende Ausführungen gleichermaßen gelten.


Die gesellschaftliche Bedeutung des Internets

Das Internet ist vermeintlich eine schöne neue, heile Welt, die sich mit rasendem Tempo entwickelt und mit anderen Technologien zusammenwächst und die, wie das Telefon, die Art und Weise der mitmenschlichen Kommunikation und Interaktion stark verändert. Dabei adressieren die Anbieter von Dienstleistungen in erster Linie möglichst große Nutzergruppen, die am ehesten bereit sind, direkt oder indirekt dafür zu bezahlen.
Die Motivation, einen eigenen Internet-Auftritt zu gestalten, ist sehr unterschiedlich: Selbstdarstellung, Eigen- oder Fremdwerbung, der Verkauf von Produkten und Diensten sind die wesentlichsten Aktivitäten. Triebfeder ist dabei, die Kosten für Werbung, Vertrieb und Dienste gegenüber der bisherigen, traditionellen Vorgehensweise drastisch zu reduzieren und diese ggf. gar ganz abzulösen.
Da das Internet das erste Medium ist, bei dem der Nutzer wirklich interaktiv bestimmt, was und wann er lesen will, haben die Anbieter von Dienstleistungen verstärkt das Problem, in der enorm stark wachsenden Vielfalt des Internets herauszuragen und gefunden zu werden. So muß ihr Auftritt möglichst attraktiv sein, wobei sich dieser Begriff an der vermuteten Zielgruppe orientiert. Hierbei ist den meisten nicht klar, dass sie durch Verwendung bestimmter Präsentationstechniken Nutzergruppen ausgrenzen, die diese nicht beherrschen oder keinen Zugang dazu haben.

Beispiele:

Die ansprechende Gestaltung von Internet-Seiten ist so lange legitim und natürlich auch erstrebenswert, wie dafür gesorgt wird, dass die wesentlichen Informationen nicht nur den "Power-Usern" sondern ALLEN zugänglich sind. Wird darauf bewußt verzichtet, z.B. dadurch, dass eine Seite nur mit einem bestimmten Browser besucht werden darf, oder wenn ein Service-Provider für seinen Internet-Zugang nur seine spezielle, für viele Behinderte untaugliche Software vorschreibt, so ist dies ein Akt der Diskriminierung. Der gipfelt in der Bestrafung derjenigen, die statt der unzugänglichen Internet-Dienstleistung die traditionelle Dienstleistung nutzen müssen.

Beispiele:

Im Jahre 2010 sind ca. 25% der Europäischen Bevölkerung älter als 65 Jahre und/oder behindert. Dass diese Gruppe nicht von der modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft ausgegrenzt werden darf, wurde von den Politikern bereits als gesellschaftliches und soziales Problem erkannt. Da die Entwickler und Betreiber der neuen Medien offenbar diese Problematik verdrängen und nur vereinzelt die soziale Kompetenz beweisen, ihr Angebot ALLEN zugänglich zu machen, bleibt - bedauerlicherweise - nur der Weg der gesetzlichen Vorgaben und Regulationen.


Gesetzliche und Normative Aktivitäten

Bei der gesetzlichen Durchsetzung der Rechte behinderter Menschen spielen die USA eine Vorreiterrolle. Auf Basis des "Americans with Disabilities Act" (ADA, 1990) haben Behinderte in den USA die Möglichkeit, ihre Gleichstellung mit Nichtbehinderten in allen Lebensbereichen durchzusetzen. Spektakuläre Prozesse gegen Firmen, die Behinderte durch ihr Verhalten, ihre Produkte oder Dienstleistungen (inklusive Internet) diskriminieren, sind aus der Presse bekannt. Artikel 255 des "Telecommunications Act" (1996) spezifiziert die Anforderungen in diesem Bereich im Detail.  Die FCC (Federal Communications Commission) beurteilt an Hand  eines Kriterienkatalogs, ob die Produzenten und Dienstleister den Anforderungen des Gesetzes genügen. Ist dies nicht der Fall, so werden diese Anbieter in Ausschreibungen nicht mehr berücksichtigt.

Auch die Europäische Kommission läßt im Rahmen der Initiative "eEUROPE - An Information Society for All" (http://europa.eu.int/comm/dgs/information_society/info_de.htm) Vorschläge bis  Ende 2000 erarbeiten, die von den Mitgliedsstaaten geprüft und in nationales Recht umgesetzt werden sollen. Sie orientieren sich an den US Gesetzen. In Europa wird zusätzlich der Weg eingeschlagen, die Behindertenfreundlichkeit von Produkten und Dienstleistungen in Standards festzulegen und einzuarbeiten, denen die Anbieter folgen sollen. Hier steht das Prinzip des "Design for All" im Vordergrund, also die Nutzbarmachung von Dienstleistungen und Produkten für einen möglichst großen Teil der Bevölkerung. Erst in besonders aufwendigen Fällen kommt das Konzept der "Assistive Technology" zum Tragen, also die Anbindung spezieller Hard- oder Software über standardisierte Schnittstellen, z.B. der Anschluß einer speziellen Tastatur an den Internet-PC.

In der BRD steht im Grundgesetz im Artikel 3, Abs. 3: "... Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Ein Gleichstellungsgesetz, das diese Forderung mit Leben erfüllt,  soll Anfang 2001 erlassen werden.


Wie behinderte Menschen das Internet nutzen

Der Zugang zum Internet erfolgt meistens mit dem privaten oder dienstlichen PC, an den die notwendige Hardware angeschlossen ist und auf dem spezifische Software zur Verfügung steht. Hierbei handelt es sich z.B. um Spezialtastaturen oder Zeigewerkzeuge(Trackball, Tasten- oder Kopfmaus oder Augensteuerung), spezielle Möbel und Monitore, Sprachausgaben und -steuerungen, taktile Braille-Displays, Vergrößerungssoftware sog. Screen Magnifier sowie Bildschirmausleseprogramme sog. Screen Reader oder Brückensoftware. Viele dieser Komponenten sind hochgradig vom verwendeten Betriebssystem abhängig und längst nicht für jedes verfügbar. Die teilweise enormen Kosten für Hard- und Software werden im beruflichen Umfeld meistens von verschiedenen staatlichen Stellen in der BRD weitgehend getragen. Für die rein private Nutzung ist dies nicht die Regel.

Für den eigentlichen Zugang zum Internet wird - so weit wie irgend möglich - einer der beiden meist verbreiteten Internet-Browser Netscape oder MS Internet Explorer eingesetzt. Auch wenn sie im Detail den behinderten Nutzer vor erhebliche Probleme stellen, so werden sie doch deshalb genutzt, weil sie die meisten Internetseiten anzeigen können und ihre Installation von Providern, Betriebssystemherstellern und Händlern bevorzugt unterstützt wird. Dabei gibt es eine ganze Reihe von weniger bekannten Browsern wie Opera (http://www.opera.com) oder Lynx (http://lynx.browser.org), die erheblich besser auf die Bedürfnisse der jeweiligen Behinderung konfigurierbar sind. Dabei geht es z.B. um die Einstellung von Farben, die Ausblendung von Hintergrundbildern, die Skalierbarkeit von Fenstern, das Finden von Überschriften und Verweisen, u.v.m. Internet-Seiten, die so konstruiert sind, dass sie mit jedem Browser angezeigt werden können, tragen häufig ein entsprechendes Logo (http://www.anybrowser.com.

Logo 'AnyBrowser'
Abb. 1: Ein Zeichen für Browser-Unabhängigkeit

Das "Web Accessibility Logo" (http://www.wgbh.org/wgbh/pages/ncam/currentprojects/symbolwinner.html) kennzeichnet Seiten, die besonders gut für Behinderte geeignet sind.

Web Accessibility Logo
Abb. 2: Web Accessibility Logo

Das Internet, ein vermeintlich durch und durch visuelles Medium, bereitet Blinden die meisten Probleme. Deshalb muss zunächst erläutert werden, wie sie mit dem PC arbeiten bevor die Internetnutzung beschrieben wird.


Wie Blinde mit dem PC arbeiten

Sie nutzen als Ausgabemedium am PC die sog. Braillezeile, die buchstabenweise den Text in die taktile Blindenschrift umsetzt. Jeder Buchstabe wird mit 8 Punkten in einer 2*4-Matrix codiert. Die kleinen Stifte in einem Buchstabenmodul (Stückpreis ca 200 DM), werden durch piezokeramische Biegeelemente zuverlässig gesenkt oder gehoben. 20 bis 80 Module bilden ein Braille Display. Es wird mittels einer Software angesteuert, die als Screen Reader bezeichnet wird. Wie der Name verrät, hat sie die Aufgabe, den Bildschirminhalt derart auszulesen und zu interpretieren, dass er auf der Zeile dargestellt oder per synthetischer Sprachausgabe vorgelesen wird.
Foto eines Moduls
Abb. 3: Buchstabenmodul einer Braillezeile

Da Sprachausgabe oder Braillezeile nur reine Texte präsentieren können, benutzen Blinde gern die textuellen Oberflächen von Betriebssystemen. So erfreuen sich MS-DOS und Varianten auch heute noch bei vielen Blinden hoher Beliebtheit. Die grafischen Oberflächen von Betriebssystemen stellen zwar einen Fortschritt für den "normalen" Nutzer dar, sind jedoch eher ein Rückschritt für Blinde. Visualisierungs- und Zeigetechniken müssen vom Screen Reader rückübersetzt werden. Topologische Informationen, die Erkennung und Umsetzung von Ikonen, Auswahl und Navigation, Fensterüberlagerungen, bewegte Bilder u.v.m. müssen adäquat umgesetzt werden, wobei diese Anpassungen für jede Applikation programmiert werden muß.

Screen Reader für Windows9x/NT und OS/2 sind verfügbar, für Win2000 in Arbeit. Für Apple Macintosh gibt es keine Lösung. Sie erlauben den Umgang mit dem Betriebssystem selbst und einigen Programmen. Eine ganze Reihe von Programmen, die eigene Grafikbibliotheken nutzen oder nicht alternativ zur Maus per Tastatur bedienbar sind, sind für Blinde nicht nutzbar. Die von Microsoft 1998 für seine Betriebssysteme entwickelte und leider noch nicht vollständig unterstützte MSAA-Schnittstelle (Microsoft Active Accessibility: http://www.eu.microsoft.com/enable/msaa/default.html) gibt Applikationsprogrammieren die Möglichkeit, den Grafikobjekten Beschreibungen zuzuordnen, die von einem Screen Reader mit entsprechenden Fähigkeiten dann ausgewertet werden.

Besonders interessant für Blinde ist das LINUX-Betriebssystem, das durch seine klare Trennung von textueller und grafischer Oberfläche besticht. Eine Vielzahl von Programmen kann sowohl im Textmodus als auch im Grafikmodus benutzt werden. Für die Textoberfläche bietet die Siemens AG, Abteilung C-LAB, den ersten professionellen Screen Reader für Linux an (http://www.c-lab.de/insb/uxdots.htm), an dessen Entwicklung der Autor - nicht zuletzt für den eigenen Bedarf - beteiligt ist. Für die LINUX Windowmanager gibt es zur Zeit noch keinen Zugang für Blinde. Eine Herausforderung, der sich das Entwicklerteam bei entsprechender Förderung gern stellen würde.


Wie Blinde das Internet sehen und erleben

Blinde haben prinzipiell drei Möglichkeiten, das Internet zu nutzen:

Die Ausgabe von Lynx kann man sich wie die Darstellung auf einem alten Textterminal vorstellen, wobei Farbattribute durchaus zur Markierung von Informationen genutzt werden. Allerdings werden die Farbvorgaben der Internet-Seite überdefiniert, damit sich der Nutzer eine passende Einstellung für seine Braillezeile oder seinen Sehrest auswählen kann. Der "Originaltext" wird mit Informationen angereichert, die bei der Orientierung und Navigation helfen. So werden z.B. Verweise durchnumeriert und sind somit direkt oder über die Pfeiltasten anzuspringen. Umfangreiche Such- und Sprungfunktionen sind implementiert. Bilder werden durch ihren Alternativtext oder ihren Namen präsentiert, können aber auch heruntergeladen oder angezeigt werden, so dass sie von einem "sehenden" erläutert werden können. Selbst Seiten mit Rahmen, Formularen sind kein Problem. Probleme gibt es jedoch, wenn Seiten JAVAScript, Java oder Plugins benötigen. An einer Lösung für JavaScript wird gearbeitet, während ein genereller Java-Support extrem schwierig erscheint. Dies scheitert zur Zeit an mangelnden Konzepten zur generellen textuellen Umsetzung von beliebigen Java-Applets.

Tips für die Gestaltung von barrierefreien Internetseiten

Wie man Internet-Seiten attraktiv und barrierefrei gestalten kann, wird von der Web Accesibility Initiative (WAI) (http://www.w3.org/WAI) beim World Wide Web Consortium (W3C) erarbeitet. Die umfangreichen Veröffentlichungen sind die Basis für viele weitere im Netz verfügbare Guidelines.

Hier sollen zum Abschluß die wichtigsten Hinweise kurz gegeben werden. Ihre Beachtung führt schon zu einer Internet-Seite, die von ALLEN gut gelesen werden kann!


Alle Rechte vorbehalten!

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
Die komplette Zeitschrift kann bei der FIfF-Geschäftsstelle bestellt werden.


Die Seiten werden redaktionell betreut von der FIfF-Regionalgruppe Bremen.
Hinweise und Anmerkungen bitte an Ralf E. Streibl.
Letzte Änderung: 03.07.2000

Leitseite 'Informationstechnik und Behinderung' Zurück zur FIfF-Regionalgruppe Bremen


Valid HTML 4.0!