Informationstechnik und Behinderung



Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Jantzen

Professor für Behindertenpädagogik an der Universität Bremen

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.

Behinderung als soziale Konstruktion

FIfF:      Was bedeutet "Behinderung"?

Jantzen:   Das Problem ist, daß Behinderung in der Regel noch mit Defekt verwechselt wird. Der Defekt hat etwas mit Behinderung zu tun, es ist aber nur eine nicht redundante, ja noch nicht einmal eine notwendige oder hinreichende Bedingung. Behinderung entsteht (in vielen Fällen) durch den Defekt. Nehmen wir das Beispiel: Sie tragen eine Brille, ich habe auch eine Lesebrille. Wir sehen also nur eingeschränkt. Damit sind wir in ein anderes Verhältnis zu den Menschen und zur Welt gesetzt. Wenn eine Umgebung damit umgehen kann, und sich dieses Verhältnis wieder so einpendeln kann, daß wir eine Umwelt, die sich ansonsten nicht verändert, als normale Umwelt wahrnehmen können, dann ist das in Ordnung. Genauso ist das mit der Gehörlosigkeit, genauso ist es aber auch mit zentralnervösen Störungen. Das Grundproblem ist immer: das Verhältnis zu den Menschen und zur Welt ist verändert. Und wenn die vorhandene Welt sich nicht ändert, dann ist es eine für den betroffenen Menschen mit diesem Defekt inadequate Welt, die ihm sozial nicht hinreichend strukturiert begegnen kann. Wenn das sehr früh passiert, kommt es zu Grundproblemen im Aufbau von Bindung und Sicherheit, es wird dann daraus eine Neigung zu psychopathologischen Syndromen, die sich ein ganzes Leben lang durchschleppen kann. Und das alles hat natürlich dann Folgen für die kognitive Aneignung der Welt. Ein sehr großes Problem ist beispielsweise bei einer Reihe von sogenannten schwereren Formen von Behinderung, daß ein Sprachaufbau mit den üblichen Methoden nicht gelingt. Das bedeutet dann Dekulturation und eine Menge weiterer Dinge. Obwohl man heute durchaus im Prinzip über alternative Verfahren oder unterstützende Methoden des Sprachaufbaus verfügt und damit auch die Möglichkeit eröffnet, an der Kultur teilzunehmen.

FIfF:      Behinderung also auch durch soziale Isolation?

Jantzen:   Also das wäre dann das Grundproblem von Behinderung, so wie die Weltgesundheitsorganisation das auch unterdessen sagt, die von fehlender Partizipation spricht. Wenn man an den normalen Bedingungen nichts ändert, dann schlägt der Defekt sozusagen durch. Eine sozusagen anormale Situation, aber genaugenommen ist es eben nicht der Defekt, der das hervorbringt, sondern daß ein bestimmtes Grundverhältnis, was alle höheren Lebewesen, also Säugetiere, Vögel usw., brauchen, nicht mehr sicher hergestellt werden kann: Attachment, Bindung und darauf aufbauend Traditionsweitergabe und beim Menschen natürlich dieser unglaubliche Berg von kulturellen Errungenschaften und Erfahrungen ...

FIfF:      Das heißt also, vereinfacht gesagt, Behinderung ist etwas, was gesellschaftlich hergestellt wird...

Jantzen:   ... eine soziale Konstruktion, ja. - Dieses Gefüge von Gewohnheiten, die im Alltag verankert sind, von der Familie, die ganzen kulturellen Traditionen, die wir alle im Kopf haben: verändern kann man solche Verhältnisse immer nur reflexiv, spontan stellen sie sich sofort wieder her.

FIfF:      Wenn man die soziale Lage von Menschen mit einer Behinderung heute betrachtet, findet man zum einen Stigmatisierung und Ausgrenzung, zum anderen existieren in unserer Gesellschaft Bereiche zur Förderung, Betreuung und Unterstützung, auch wenn diese wohl längst nicht genügend ausgestattet sind.

Jantzen:   Stimmt. Aber wir haben eine neoliberale Politik und die will insgesamt deregulieren. Und das bedeutet, den Standort Deutschland wohlfeil für das Kapital zu machen. Behinderung ökonomisch - aus der Sicht der kapitalistischen Produktion - ist ja "Arbeitskraft minderer Güte". Das ist eine alte Geschichte, die haben nicht die Faschisten erfunden, die gab es schon vorher. Die gab es schon in der ganzen Sozialdarwinismusdebatte, die geht bis auf den alten Pastor Malthus zurück, und davor hat es das sicher auch schon gegeben. Also immer die bevölkerungspolitische Hürde: Was bringt es, in Menschen zu investieren, die nicht ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten?


Was bringt die "Informationsgesellschaft"?

FIfF:      Wenn ich an den Schwerpunkt dieser FIfF-Kommunikation denke, "Informationstechnik und Behinderung", da stehen im Titel zwei Bereiche nebeneinander, an die gesellschaftlich sehr unterschiedlich Gelder verteilt werden...

Jantzen:   ... schiefer kann man es sich nicht vorstellen. - Ohne zu sehen, daß gerade Gebiete von schwerer Behinderung ungeheuere Herausforderungen darstellen: Da könnte sehr viel mehr abfallen, als die Teflonpfanne als Nebenprodukt bei der Entwicklung der Mondrakete. Wenn man sich dort systematisch hinwendet, kann ein ungeheueres Wissen für die gesamten Humanwissenschaften herauskommen. Und das ist ja auch nicht unsinnig, denn keiner von uns geht beschwerdefrei durchs Leben, jeder von uns hat einmal Sinnbrüche im Leben, Partnerschaftsprobleme usw. und braucht dann entsprechendes soziales Knowhow.

FIfF:      Behindertenpädagogik stellt somit ein Querschnittsfach dar?

Jantzen:   Ich selber habe ja eine Professur für "Allgemeine Behindertenpädagogik" und betreibe es als Querschnittsfach. Die Fragen reichen von der Neuropsychologie und den naturwissenschaftlichen Grundlagen dafür bis zur politischen Ökonomie - und dazwischen liegt ja dann Psychologie, Pädagogik, Soziologie etc. Es ist einfach Humanwissenschaft par excellance.

FIfF:      Überall ist die Rede von der "Informationsgesellschaft". Auch wenn ich selbst immer noch nicht so genau weiß, was das eigentlich ist, drängt sich die Frage auf, inwieweit sich durch die schnellen Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnik möglicherweise die Lage von Menschen mit einer Behinderung verändert?

Jantzen:   Die Informationsgesellschaft hat eine Reihe von Möglichkeiten - oder auch nicht. Was sie im Moment erst einmal bewirkt, ist eine Explosion der Geldmärkte und damit die Vermehrung von aktivem Kapital. Aber die Spekulationen in bestimmte Zweige saugen anderen Zweigen das Geld weg, und das halte ich für eine sehr problematische Sache. Von daher werden wir eine immer schiefere Verteilung bekommen, so daß es dann nicht wichtig ist, zu debattieren, ob die Informationsgesellschaft den Behinderten nutzt, weil wir dann die berühmte "20:80%-Gesellschaft" haben. Also unter diesen Bedingungen nicht. -

              Wenn anders, ja: Weil - das zeigen ja auch die Web-Sites im Behindertenbereich, von Selbsthilfeverbänden - eine sehr viel größere Dichte an Informationsressourcen geschaffen wird. Da kommt schon eine Menge herüber, sehr viel an Detailinformationen - man kann sich schneller informieren und gut informieren, kann in Austausch mit Betroffenen weltweit treten, man kann sehr viel schneller Erfahrungen sammeln, die einem Zuhause vorenthalten werden und die auch die Experten zum Teil nicht haben, und das finde ich sehr nützlich.

FIfF:      Nun zu einem anderen Bereich der öffentlichen Diskussion über "Informationsgesellschaft". Oft wird, wenn Telearbeit propagiert wird, gesagt, daß hier große Vorteile für Behinderte liegen würden: Sie hätten Zuhause ihren absolut behindertengerechten Arbeitsplatz - hier sei endlich eine Chance Behinderte wesentlich besser in die Arbeitswelt zu integrieren...

Jantzen:   Das ist ziemlicher Quatsch, diese Argumentation, weil sie für kaum jemanden zutrifft. Für Leute, die sowieso sozial isoliert sind, ist es wichtiger, soziale Kontakte aufzubauen und für viele Behinderte heißt ein behindertengerechter Arbeitsplatz nicht irgendwo am Computer zu sitzen, sondern mit anderen zusammen zu arbeiten.

FIfF:      IT wird ja oft auch wirksam im Bereich prothetischer Hilfsmittel, sei es zur Kompensation von Wahrnehmungsdefiziten oder bei Körperbehinderungen ...

Jantzen:   Also das würde ich Moment insgesamt noch eher sehr kritisch sehen, weil das ein Bereich ist, der letztlich beschritten werden kann nur in einer demokratischen Mitbestimmung mit den Leuten, die selber in der Situation drin stecken. Nehmen wir zum Beispiel das Cochlea-Implantat. Das ist am Anfang auch jubelnd aufgenommen worden. Aber letztlich hat es nicht die Effekte, die man sich verspricht. Ein systematischer Einbezug in eine gebärdensprechende Gehörlosengemeinschaft könnte höhere kognitive Kompetenzen entwickeln, usw. Man muß immer sehen, daß die Technik Entwicklungsmöglichkeiten für den humanen Prozeß beinhalten kann - aber den muß man in den Vordergrund stellen und nicht alles auf die Frage der Technik reduzieren. Das ist mit Sicherheit Quatsch, wenn man das macht. Es wäre nur eine von vielen Erfahrungen im Bereich der Prothetik. Das alles macht schon einen Nutzen, aber man muß immer wieder mit Betroffenen und deren Vertretungen sehen, wie man das am besten macht, damit nicht nur Technikanwendung sondern Emanzipation daraus wird.

FIfF:      Und das heißt im Endeffekt immer den individuellen Einzelfall betrachten...

Jantzen:   Ja! Und wenn man dort die Lösung baut, dann ist sehr viel Verallgemeinerbares darin. Das mag zwar für den Techniker dann manchmal etwas langwieriger sein, aber wenn man dann gleich den gesamten Implementierungskontext hat, ist das eine sehr viel spannendere Erfahrung, und auf Dauer sehr viel nutzvoller, weil dann die Technik wirklich in menschlichen Dienst gestellt werden kann.

FIfF:      Vielen Dank für dieses Gespräch!



Das Gespräch mit Wolfgang Jantzen führte Ralf E. Streibl



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Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.
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Letzte Änderung: 03.07.2000

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