Informationstechnik und Behinderung



Behinderung in der "Informationsgesellschaft"

Eine Einleitung und ein Interview

Ralf E. Streibl

Quelle: FIfF-Kommunikation, 13. Jahrgang, Heft 2.



... wie krank muß der sein,
der sich heute für normal hält ...

Heinz Rudolf Kunze, aus "Keine Angst"


Cyber-Individualismus und Schubladen-Denken

Wir leben augenscheinlich in einer Gesellschaft voller freiheitsliebender Individualisten: "Individualreisen" sind genauso wichtig wie "das individuelle Trainingsprogramm" im Fitneßstudio, die "speziell individuell abgestimmte Konditionen" bei Banken und Versicherungen sowie das Eingehen auf "alle individuellen Sonderwünsche" beim Pizzaservice und beim Autokauf. Wen wundert es dann, daß die "Informationsgesellschaft" sich auch mit diesen Attributen schmückt und der "individuelle Web-Auftritt" genauso wichtig wird wie das WAP-Handy oder der Palmtop für mobile Interaktivität unterwegs.

Mein Ziel ist es hier jedoch nicht, mich mit den Werbe-Mythen der Informationsgesellschaft auseinanderzusetzen (vgl. hierzu z.B. Steinhardt 1993) und ich will an dieser Stelle auch nicht hinterfragen, was im Alltag der "Informationsgesellschaft" von diesen Wunschutopien übrig bleibt (vgl. u.a. Streibl 1997). Vielmehr möchte ich auf die Janusköpfigkeit einer Gesellschaft hinweisen, die einerseits in Wirtschaft und Freizeit, ja sogar im sozialen Zusammenleben solche Ideale hochhält, andererseits jedoch oft versagt, wenn sie mit individuellen Unterschieden konfrontiert wird, die nicht in die "Norm" passen: Schnell sind Schubladen parat, jemand wird als "behindert", "krank", "verrückt" etc. klassifiziert. Bestimmte Formen individuell anderen Verhaltens oder Erscheinens führen dazu, daß Stigmatisierung und Pauschalisierung die Individualität überdeckt. Dies zieht Folgen im sozialen Umgang und auch in gesellschaftlichen Strukturen nach sich. Ein Beispiel aus dem Bereich sogenannter "geistiger Behinderung" verdeutlicht dies: "Der Lehrplan für die Primarstufe des Landes Bremen (1. bis 4. Schuljahr) sieht vor: Rechnen in der Grundschule bis eine Million; in der Schule für Lernbehinderte bis 1.000, in der Schule für Geistigbehinderte findet Rechnen keine Erwähnung, als gäbe es für Menschen, die wir in dieses Klassifikationsraster bringen, keine Welt des Quantifizierbaren" (Feuser 1996, S.20). Das Attribut "behindert" determiniert die Zukunftsperspektiven.

Doch was bedeutet "Behinderung" eigentlich? Während in vielen Köpfen Meinungen vorherrschen dürften wie "ein Behinderter ist ein Mensch, der nicht der Norm entspricht" (ist es Zufall, daß dieses Zitat von einem Informatiker stammt?), verweisen z.B. Behindertenpädagogen darauf, daß es die situative und soziale Umwelt ist, die einen Menschen behindert. Behinderung ist somit eine soziale Konstruktion (vgl. das Interview mit Wolfgang Jantzen). "Woher nehmen wir die Legitimation - als sogenannte Nicht-Behinderte - zu sagen: Ein Mensch mit Trisomie ist geschädigt, ein Autist ist geschädigt, ein Blinder, Gehörloser ist geschädigt, ein Geistigbehinderter ist ein Hirngeschädigter. Woher also die Legitimation, wenn nicht aus mental geprägten Machtverhältnissen?" (Dreher 2000). Wenn die Umwelt und das soziale Umfeld anders gestaltet wird, verändert sich die "Behinderung"[1]. Wenn Gebäude so gestaltet werden, daß sie für Menschen mit einem Rollstuhl problemlos zugänglich sind, daß Orientierungshilfen für Menschen mit einer Sehbehinderung vorhanden sind, so ergibt sich keine Behinderung.

Individualisierbarkeit und Kommerz-Denken

Damit sind wir wieder bei der Informationstechnik. Ist es nicht gerade ein herausragendes Merkmal von Computern, daß sie frei programmierbar sind? Heißt das nicht, daß somit jede beliebige individuelle Ausgestaltung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen hergestellt werden kann? Ja und nein! Solange man nur die rein technische Seite betrachtet, scheinen die Möglichkeiten in der Tat vielfältig zu sein. Bezieht man jedoch auch die Frage des notwendigen Aufwands und die Kosten mit ein, relativiert sich das Bild schnell. Die Abwägung lautet in der kapitalistischen Perspektive: Hard- und Software-Großserien rechnen sich eher - Spezialanwendungen und Sonderwünsche nur dann, wenn der Preis dafür entsprechend hoch ist. Daß bei der Finanzierung und Beschaffung IT-gestützter Hilfsmittel zusätzlich auch noch vielfältige bürokratische Hindernisse wirksam werden, verdeutlicht der Artikel von Irresberger in diesem Heft.

Im Teil 10 (Dialoggrundsätze) der DIN EN ISO 9241 "Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten" ist die Forderung nach individualisierbarer Software seit wenigen Jahren festgeschrieben: "Ein Dialog ist individualisierbar, wenn das Dialogsystem Anpassungen an die Erfordernisse der Arbeitsaufgabe sowie an die individuellen Fähigkeiten und Vorlieben des Benutzers zuläßt" (DIN-EN-ISO 9241-10, 1996, Abschnitt 3.7). Die Realisierung dieser Forderung wurde von Software-Entwicklern lange Zeit als zu schwierig angesehen, weshalb das Kriterium "Individualisierbarkeit" in den Vorläufern dieser Norm nicht zu finden war (vgl. Ansorge & Haupt 1997, S.58f). Der Windows-Styleguide schreibt vor: "To create a well designed application for Microsoft Windows, you must consider factors that appeal to the wildest possible audience" (Microsoft 1999, S.477). Dennoch wird auch heute in der Praxis weit eher auf den durchschnittlichen Benutzer und seine Bedürfnisse am Standardarbeitsplatz geachtet. "Design for All" ist somit gleichermaßen Vision und Forderung (vgl. Weber & Leidermann in diesem Heft).

Unhinterfragte "Normalität" sorgt auch für Wildwuchs im Internet: Individualisierung und Freiheit im Cyberspace wird oft in Form exzessiver Design-Orgien ausgelebt. So wird bei vielen Web-Präsenzen der multimediale Schein zum vordergründigen Selbstzweck und verdeckt manchmal auch brauchbare Inhalte. In den Köpfen vieler Web-Seiten-Gestalter surft der "norm-gerechte" Multimedia-Freak mit aktuellem High-Tech-Equipment. An Benutzer von textorientierten Browsern (z.B. wegen Sehbehinderung oder schlechter Leitungsverbindung), anderen Ein-/Ausgabegeräten (z.B. wegen Bewegungseinschränkungen oder problematischen Umgebungsbedingungen) denkt kaum einer: "Ist doch nicht mein Problem, wenn da einer mit 'nem Oldtimer rumsurft...", so ein Web-Designer auf meine Frage, ob er seine hübschen Seiten schon einmal mit einem Text-Browser angesehen hat. Obgleich es im Netz inzwischen viele Beschreibungen gibt, was zur barrierefreien Gestaltung von Web-Sites zu berücksichtigen ist (vgl. z.B. auch Wegge in diesem Heft), achtet nur eine Minderheit darauf. Und die verbreiteten Designwerkzeuge fangen Gestaltungsfehler nicht nur nicht ab, sondern erzeugen teilweise selbst problematischen HTML-Code[2].

Ambivalenzen und Aufgaben

Es wird deutlich: Die "Informationsgesellschaft" ist nicht barrierefrei[3]. In vieler Hinsicht besteht die Gefahr, daß sie selbst Behinderungen erzeugt - und das nicht nur dann, wenn Menschen, die bislang ihren Alltag ohne Computer bewältigt haben, plötzlich gezwungen werden, Banküberweisungen oder Behördenanträge an angeblich benutzungsfreundlichen Terminals auszufüllen. Wie sinnvoll ist die interaktive Infosäule, wenn der Bildschirm vom Rollstuhl aus nicht einsehbar ist? Mag für einzelne Menschen Telearbeit vielleicht eine interessante Chance zur Berufsausübung sein, reduziert sie in der Regel jedoch den direkten sozialen Kontakt und Austausch mit Kollegen. Und schließlich können auch wohlgemeinte Hilfsmittel entmündigend wirken, wenn sie dazu führen, daß man das, was man selbst tun kann und möchte, nicht machen darf, weil der Systementwickler in seiner Begeisterung komplette Abläufe vollautomatisiert hat.

Auf der anderen Seite bieten Informations- und Kommunikationstechnik (wie die Artikel dieses Heftes belegen) tatsächlich vielfältige Möglichkeiten, die Lebensqualität von Menschen zu erhöhen[4]. Umweltsteuerung und -kontrolle (auch durch embedded Systems) ist dabei ein Bereich, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten als Arbeits- und Kommunikationsmittel sowie der Einsatz im Pädagogik- und Therapiebereich sind weitere[5].

Betrachtet man die Probleme und Anwendungsmöglichkeiten genauer, sieht man, daß die Vor- und Nachteile informationstechnischer Entwicklungen oftmals unterschiedlich bewertet werden. Ein komfortables, menügesteuertes Haushaltsgerät mit Folientastatur oder Touch-Sensoren erschwert oder versperrt Blinden und Sehbehinderten die Nutzung (gegenüber Geräten mit fühlbaren Schiebe- und Rasterschaltern oder ergänzender Audioausgabe; vgl. auch Mischler 1997). Während die Ausbreitung grafischer Oberflächen für Menschen mit einer Sehbehinderung teilweise große Probleme brachte (teilweise auch Verlust des Arbeitsplatzes oder Wechsel zu weniger qualifizierten Tätigkeiten), lassen sie sich für die Nutzung durch Schwerstbehinderte einfacher anpassen. Während Menschen mit körperlichen Einschränkungen durch die Nutzung von IuK-Systemen die Behinderung in ihrem Alltag oft vermindern können, bedeuten die gesellschaftlichen Veränderungen (zunehmende Informatisierung der Arbeitsplätze, Online-Transaktionen ersetzen persönliche Dienstleistungen etc.) beispielsweise für Menschen mit einer sogenannten "geistigen Behinderung", aber auch für viele ältere Menschen Einschränkungen in ihren persönlichen Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Für die Informatik bedeutet dies:

1. InformatikerInnen gestalten soziotechnische Systeme. Es ist notwendig, daß sie über den technischen Tellerrand hinaussehen und reflektieren, welche Bedürfnisse die späteren Benutzer und Betroffenen eines geplanten Systems haben.

2. Der Einzelfall ist der Regelfall: Eine Orientierung am "mittleren User" ist nicht ausreichend - eine "barrierefreie" Gestaltung muß zur Leitidee werden. Um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden ist eine intensive Beteiligung potentieller Benutzer und Betroffener wichtiger denn je.

3. Es bedarf keinesfalls einer speziellen "Behinderten-Informatik". Vielmehr muß sich durch "Design for All" abbilden, daß jeder Mensch - aufgrund personaler oder situativer Umstände Bedürfnisse haben kann, auf die ein informationstechnisches System angepaßt werden können sollte.

4. Informations- und Kommunikationstechnik steht nicht im Mittelpunkt: Es handelt sich nur um Hilfsmittel, um Menschen die Arbeit zu erleichtern und ihre Lebensqualität zu verbessern. In diesem Sinne geht es darum, im jeweils individuellen Fall und für spezifische Situationen sinnvolle Kombinationen von informationstechnischen und konventionellen Hilfen zu finden.


Literatur

Ansorge, P.; Haupt, U. (1997): Software-Ergonomie. Stuttgart: Raabe.

DIN-EN-ISO 9241-10 (1996): Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten. Teil 10: Grundsätze der Dialoggestaltung. Juli 1996. (Ersatz für DIN 66234-8)

Dreher, W. (2000): Eine Gesellschaft für alle Menschen - ohne besondere Bedürfnisse. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 1. http://bidok.uibk.ac.at/texte/beh1-00-gesellschaft.html [Stand 18.04.2000].

Drolshagen, B.; Klein, R.; Rothenberg, B. (1998): Dokumentation der Fachtagung "Arbeitsplätze für behinderte Studierende". Universität Dortmund.
http://home.edu.uni-dortmund.de/~rklein/DOKU/BEHBEAUF/tagung.htm [Stand: August 1998].

Feuser, G. (1996): "Geistigbehinderte gibt es nicht!". Projektionen und Artefakte in der Geistigbehindertenpädagogik. In: Geistige Behinderung, 1, S.18-25.

Jantzen, W. (1998): Zur Neubewertung des Down-Syndroms. In: Geistige Behinderung, 3, S.224-238.

Microsoft (1999): Windows User Experience. Official Guidelines for User interface Developers and Designers. Redmond: Microsoft Press.

Mischler, M. (1997): Kommt die digitale Ausgrenzung? In: Die Gegenwart, 4, S.17-18.

Siegenthaler, H. (1999): Tendenzen im Wandel des heutigen Menschenbildes. Philosophisch-anthropologische Überlegungen zur Wirkung der Technologien auf das Menschenverständnis. In: Lamers, W. (Hrsg.): Computer- und Informationstechnologie - Geistigbehindertenpädagogische Perspektiven. Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben, S. 27-42.

Steinhardt, G. (1993): Computer-Mythen. Kulturtheoretische Überlegungen zum Einbau einer neuen Technologie in alltäglichen Lebenszusammenhängen. In: Psychologie & Gesellschaftskritik 67/68, S.43-78.

Streibl, R.E. (1997): Informationsgesellschaft@neue-welt.com? - Eine realitätsnahe Utopie. In: FIfF-Kommunikation, 14 (1), S.31-36.



[1] vgl. beispielsweise die massiven Veränderungen, die das Bild des Down-Syndroms (Trisomie 21, am bekanntesten unter dem rassistisch geprägten Begriff "Mongolismus") und infolgedessen auch die pädagogischen Perspektiven seit der Erstbeschreibung durch Langdon Down 1866 durchlaufen hat (Jantzen 1998)

[2] Am 3. Februar 2000 veröffentlichte das WorldWideWeb-Consortium als Empfehlung die "Authoring Tool Accessibility Guidelines 1.0" (http://www.w3.org/TR/ATAG10/) als Teil der W3C Web Accessibility Initiative (http://www.w3.org/WAI). Ziel ist es, die Entwicklung von Autorenwerkzeugen zur Erzeugung barrierefreier Web-Seiten zu unterstützen. Daneben soll die Entwicklung selbst barrierefrei nutzbarer Autorensysteme gefördert werden.

[3] Übrigens: Nur wenige Hochschulen verfügen über eine Ausstattung, die Studierenden einen barrierefreien Zugang zu Computerarbeitsplätzen ermöglicht. Aus dem Ergebnisbericht einer diesbezüglichen Konferenz 1998 in Dortmund geht hervor, daß es ohne den Druck von Seiten betroffener Studierender in keiner Hochschule zur Einrichtung entsprechender Arbeitsplätze gekommen ist und vermutlich auch nicht kommen wird (Drolshagen, Klein & Rothenberg 1998).

[4] Beispiele aus dem Bereich der beruflichen Rehabilitation sind in den REHADAT-Datenbanken (http://www.rehadat.de) des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln dokumentiert.

[5] Ohne dies hier vertiefen zu können, sei erwähnt, daß der Einsatz von Informationstechnik in diesen Bereichen - wie überall sonst - auch vielfältige psychologische, philosophische und ethische Implikationen hat, die der Beschäftigung wert sind (vgl. u.a. Siegenthaler 1999).


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Letzte Änderung: 03.07.2000

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