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Joseph Weizenbaum"Was darf ich tun?"-

Joseph Weizenbaum wird 75


"Es hat viele Diskussionen über 'Computer und menschliches Denken' gegeben. Der Schluß, der sich mir aufdrängt, ist hier, daß die relevanten Probleme weder technischer noch mathematischer, sondern ethischer Natur sind. Sie können nicht dadurch gelöst werden, daß man Fragen stellt, die mit 'können' beginnen. Die Grenzen in der Anwendung von Computern lassen sich letztlich nur als Sätze angeben, in denen das Wort 'sollten' vorkommt. Die wichtigste Grundeinsicht, die uns daraus erwächst, ist die, daß wir zur Zeit keine Möglichkeit kennen, Computer auch klug zu machen, und daß wir deshalb im Augenblick Computern keine Aufgaben übertragen sollten, deren Lösung Klugheit erfordert." (Weizenbaum 1978, S.300)

Joseph Weizenbaum, der dieses Semester als Gastprofessor an der Universität Bremen lehrt, feiert am 8. Januar 1998 seinen 75. Geburtstag. Sein Name ist weit über die Informatik hinaus zum Begriff geworden. Er ist gern gesehener Gast in Interviews und Diskussionsrunden, und wenn er einen Vortrag hält, so strömt das Publikum. Wer ist nun dieser Joseph Weizenbaum, der sich selbst in seinem eindrucksvollen Vortrag auf der FIFF-Jahrestagung November 1997 in Paderborn als Dissident bezeichnete?

Am 8. Januar 1923 in Berlin geboren, emigrierte er nach der Machtergreifung der Nazis 1936 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten, wo er ab 1941 Mathematik studierte. Das Studium an der Wayne-University in Detroit/Michigan - unterbrochen während des Krieges durch Dienst in der meteorologischen Abteilung der Luftwaffe - endete mit den Abschlüssen BS (1948) und MS (1950), danach wurde er Mitarbeiter bei einem Computer-Projekt. Von 1955 bis 1963 arbeitete Joseph Weizenbaum als Systems Engineer im Computer Development Laboratory der General Electric Corp. und war dort u.a. an der Konzeption des ersten Computer-Banksystems beteiligt.

1963 begann er seine Tätigkeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zunächst als Associate Professor, ab 1970 als Professor für Computer Science. In den frühen 60er Jahren entwickelte er dort "ELIZA", ein Computerprogramm, welches in der Lage war einen schriftlichen Dialog scheinbar mit inhaltlichem Verständnis zu führen (Weizenbaum 1965). In Wirklichkeit wurden die Antworten nur nach einfachen Regeln und Schlüsselworten generiert. Die Reaktionen auf dieses Programm führten zu einer intensiven Auseinandersetzung Weizenbaums mit ethischen Fragen des Computereinsatzes und der Technikentwicklung, ausgeführt in seinem 1976 erschienen Buch "Computer Power and Human Reason" (Weizenbaum 1978). Von der Beschreibung von "zwanghaften Programmierern" (S.160ff) über eine harsche Kritik an der "perversen, grandiosen Phantasie der künstlichen Intelligenz" (S.269) schlägt Weizenbaum in diesem Buch den Bogen zu einer allgemeinen Gesellschaftskritik, festgemacht am "Imperialismus der instrumentellen Vernunft" (S.337ff):

"Ohne Frage hat die Einführung des Computers in unsere bereits hochtechnisierte Gesellschaft, wie ich zu zeigen versuche, lediglich die früheren Zwänge verstärkt und erweitert, die den Menschen zu einer immer rationalistischeren Auffassung seiner Gesellschaft und zu einem immer mechanistischeren Bild von sich selbst getrieben haben." (Weizenbaum 1978, S.25)

Seine Hauptfrage "Was machen wir eigentlich?" bezieht Joseph Weizenbaum nicht nur auf Computer. Seine Forderung nach verantwortungsbewußten, hinterfragenden Individuen gilt allgemein: "Widerstand muß sich deutlich und laut artikulieren!" (November 1997 in Paderborn). Und Joseph Weizenbaum artikulierte Widerstand: lange vor der Gründung von CPSR und FIFF nahm er deutlich Stellung gegen den Vietnamkrieg und den Bau von Anti-Ballistic-Missile-Systemen. Als in den 80er Jahren die Kritik an SDI laut wurde, war er einer der Protagonisten dieser Kritik. Er war es, der damals hierzulande nur schwer zugängliche Strategiepapiere des Pentagons mit zur Gründung des FIFF brachte. So ist es nur folgerichtig, daß Joseph Weizenbaum sowohl Mitbegründer der "Computer Professionals for Social Responsibility" (CPSR) als auch des FIFF ist, und die Aktivitäten beider Verbände intensiv unterstützt. Auf der Jahrestagung November 1997 in Paderborn wurde Joseph Weizenbaum in den Vorstand des FIFF gewählt. Vor fast 10 Jahren verlieh CPSR Joseph Weizenbaum den "Norbert Wiener Award for Professional and Social Responsibility" (siehe Kasten).

Die immer wieder von jungen Informatikern an ihn herangetragene Frage "Was darf ich tun, was darf ich nicht?" beantwortet er ebenso einfach wie einprägsam: Wenn Du das, wofür Du arbeitest, mit den eigenen Händen auch tun würdest, dann magst Du deine Arbeit weiterführen. Wenn Du es nicht tun würdest, wenn du z.B. als Raketenbauer keine Menschen mit der bloßen Hand umbringen magst, dann mußt Du mit deiner Arbeit aufhören.

Nach Weizenbaums Überzeugung ist es eine wichtige Aufgabe jedes Informatikers, über die Beschränkungen seines Werkzeugs ebenso zu sprechen wie über seine Möglichkeiten. Joseph Weizenbaum selbst tut dies zu vielfältigen Gelegenheiten und zieht seine Zuhörerinnen und Zuhörer durch sein breites Wissen, seine gleichermaßen pointierte und erzählende Sprechweise und seine Provokationen immer wieder in Bann. Mit Analogien, Beispielen, Anekdoten und Metaphern hält er der Welt einen Spiegel vor und hinterfragt das scheinbar Selbstverständliche. Das wesentlichste ist jedoch: Alle seine Texte und Vorträge zeigen vor allem auch den Menschen Joseph Weizenbaum, sein Menschenbild und sein Bemühen um eine bessere und humanere Gesellschaft. "Ich bin kein Computerkritiker," betont er, "Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker."

Herzlichen Glückwunsch und alles Gute, Joseph!

(Ralf E. Streibl und Peter Ansorge)

Am 8. Januar 1998 erhielt Joseph Weizenbaum einen Preis des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung für seine Verdienste und seinen Einsatz für Verantwortung in der Informatik.



Einige Veröffentlichungen:

Weizenbaum, J. (1965): ELIZA - A Computer Program for the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine. In: Comm. ACM, (1), S.36-45.

Weizenbaum, J. (1967): Contextual Understanding by Computers. In: Comm. ACM, (10), S.474-480.

Weizenbaum, J. (1978): Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt/Main: Suhrkamp. [Orginalausgabe 1976 bei W.H. Freeman & Co. unter dem Titel Computer Power and Human Reason. From Judgement to Calculation]

Weizenbaum, J. (1984): Kurs auf den Eisberg. Die Verantwortung des einzelnen und die Diktatur der Technik. Zürich: pendo.

Haller, M. (Hrsg.) (1990): Weizenbaum contra Haefner: Sind Computer die besseren Menschen? Zürich: pendo.

Weizenbaum, J. (1993): Wer erfindet die Computermythen? Der Fortschritt in den großen Irrtum (Herausgegeben von Gunna Wendt). Freiburg: Herder.





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Letzte Änderung: 08.12.1998