- Info
"Was darf ich tun?"- Joseph Weizenbaum, der dieses Semester als Gastprofessor an der Universität Bremen lehrt,
feiert am 8. Januar 1998 seinen 75. Geburtstag. Sein Name ist weit über die Informatik hinaus
zum Begriff geworden. Er ist gern gesehener Gast in Interviews und Diskussionsrunden, und
wenn er einen Vortrag hält, so strömt das Publikum. Wer ist nun dieser Joseph Weizenbaum,
der sich selbst in seinem eindrucksvollen Vortrag auf der FIFF-Jahrestagung November 1997
in Paderborn als Dissident bezeichnete?
Am 8. Januar 1923 in Berlin geboren, emigrierte er nach der Machtergreifung der Nazis 1936
mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten, wo er ab 1941 Mathematik studierte. Das
Studium an der Wayne-University in Detroit/Michigan - unterbrochen während des Krieges
durch Dienst in der meteorologischen Abteilung der Luftwaffe - endete mit den Abschlüssen
BS (1948) und MS (1950), danach wurde er Mitarbeiter bei einem Computer-Projekt. Von
1955 bis 1963 arbeitete Joseph Weizenbaum als Systems Engineer im Computer
Development Laboratory der General Electric Corp. und war dort u.a. an der Konzeption des
ersten Computer-Banksystems beteiligt.
1963 begann er seine Tätigkeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zunächst als Associate Professor, ab 1970 als Professor für Computer Science. In den frühen 60er Jahren entwickelte er dort "ELIZA", ein Computerprogramm, welches in der Lage war einen schriftlichen Dialog scheinbar mit inhaltlichem Verständnis zu führen (Weizenbaum 1965). In Wirklichkeit wurden die Antworten nur nach einfachen Regeln und Schlüsselworten generiert. Die Reaktionen auf dieses Programm führten zu einer intensiven Auseinandersetzung Weizenbaums mit ethischen Fragen des Computereinsatzes und der Technikentwicklung, ausgeführt in seinem 1976 erschienen Buch "Computer Power and Human Reason" (Weizenbaum 1978). Von der Beschreibung von "zwanghaften Programmierern" (S.160ff) über eine harsche Kritik an der "perversen, grandiosen Phantasie der künstlichen Intelligenz" (S.269) schlägt Weizenbaum in diesem Buch den Bogen zu einer allgemeinen Gesellschaftskritik, festgemacht am "Imperialismus der instrumentellen Vernunft" (S.337ff):
"Ohne Frage hat die Einführung des Computers in unsere bereits hochtechnisierte
Gesellschaft, wie ich zu zeigen versuche, lediglich die früheren Zwänge verstärkt und
erweitert, die den Menschen zu einer immer rationalistischeren Auffassung seiner
Gesellschaft und zu einem immer mechanistischeren Bild von sich selbst getrieben haben."
(Weizenbaum 1978, S.25)
Seine Hauptfrage "Was machen wir eigentlich?" bezieht Joseph Weizenbaum nicht nur auf
Computer. Seine Forderung nach verantwortungsbewußten, hinterfragenden Individuen gilt
allgemein: "Widerstand muß sich deutlich und laut artikulieren!" (November 1997 in
Paderborn). Und Joseph Weizenbaum artikulierte Widerstand: lange vor der Gründung von
CPSR und FIFF nahm er deutlich Stellung gegen den Vietnamkrieg und den Bau von Anti-Ballistic-Missile-Systemen. Als in den 80er Jahren die Kritik an SDI laut wurde, war er einer
der Protagonisten dieser Kritik. Er war es, der damals hierzulande nur schwer zugängliche
Strategiepapiere des Pentagons mit zur Gründung des FIFF brachte. So ist es nur folgerichtig,
daß Joseph Weizenbaum sowohl Mitbegründer der "Computer Professionals for Social
Responsibility" (CPSR) als auch des FIFF ist, und die Aktivitäten beider Verbände intensiv
unterstützt. Auf der Jahrestagung November 1997 in Paderborn wurde Joseph Weizenbaum
in den Vorstand des FIFF gewählt. Vor fast 10 Jahren verlieh CPSR Joseph Weizenbaum den
"Norbert Wiener Award for Professional and Social Responsibility" (siehe Kasten).
Die immer wieder von jungen Informatikern an ihn herangetragene Frage "Was darf ich tun,
was darf ich nicht?" beantwortet er ebenso einfach wie einprägsam: Wenn Du das, wofür Du
arbeitest, mit den eigenen Händen auch tun würdest, dann magst Du deine Arbeit
weiterführen. Wenn Du es nicht tun würdest, wenn du z.B. als Raketenbauer keine Menschen
mit der bloßen Hand umbringen magst, dann mußt Du mit deiner Arbeit aufhören.
Nach Weizenbaums Überzeugung ist es eine wichtige Aufgabe jedes Informatikers, über die
Beschränkungen seines Werkzeugs ebenso zu sprechen wie über seine Möglichkeiten. Joseph
Weizenbaum selbst tut dies zu vielfältigen Gelegenheiten und zieht seine Zuhörerinnen und
Zuhörer durch sein breites Wissen, seine gleichermaßen pointierte und erzählende
Sprechweise und seine Provokationen immer wieder in Bann. Mit Analogien, Beispielen,
Anekdoten und Metaphern hält er der Welt einen Spiegel vor und hinterfragt das scheinbar
Selbstverständliche. Das wesentlichste ist jedoch: Alle seine Texte und Vorträge zeigen vor
allem auch den Menschen Joseph Weizenbaum, sein Menschenbild und sein Bemühen um
eine bessere und humanere Gesellschaft. "Ich bin kein Computerkritiker," betont er,
"Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker."
Herzlichen Glückwunsch und alles Gute, Joseph!
(Ralf E. Streibl und Peter Ansorge)
| Am 8. Januar 1998 erhielt Joseph Weizenbaum einen Preis des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung für seine Verdienste und seinen Einsatz für Verantwortung in der Informatik. |
Weizenbaum, J. (1965): ELIZA - A Computer Program for the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine. In: Comm. ACM, (1), S.36-45.
Weizenbaum, J. (1967): Contextual Understanding by Computers. In: Comm. ACM, (10), S.474-480.
Weizenbaum, J. (1978): Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt/Main: Suhrkamp. [Orginalausgabe 1976 bei W.H. Freeman & Co. unter dem Titel Computer Power and Human Reason. From Judgement to Calculation]
Weizenbaum, J. (1984): Kurs auf den Eisberg. Die Verantwortung des einzelnen und die Diktatur der Technik. Zürich: pendo.
Haller, M. (Hrsg.) (1990): Weizenbaum contra Haefner: Sind Computer die besseren Menschen? Zürich: pendo.
Weizenbaum, J. (1993): Wer erfindet die Computermythen? Der Fortschritt in den großen Irrtum (Herausgegeben von Gunna Wendt). Freiburg: Herder.
Die WWW-Seiten der FIfF-Regionalgruppe Bremen werden betreut von Ralf E. Streibl und Frank Drewes
Letzte Änderung: 08.12.1998