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Preis des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung für Joseph Weizenbaum

Ansprache von FIFF-Vorstandsmitglied Ralf E. Streibl anläßlich der Preisverleihung am 8. Januar 1998:

Lieber Joseph,

sehr gerne habe ich die Aufgabe übernommen, Dir im Namen des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung zu Deinem heutigen Geburtstag zu gratulieren.

(...)

Ich habe die freudige Aufgabe, Dir, Joseph, - und Ihnen, meine Damen und Herren, liebe Freunde - mitzuteilen, daß das FIFF Deinen Geburtstag zum Anlaß genommen hat, erstmalig in seiner Geschichte einen Preis zu verleihen.

Abbildung des FIFF-Preises

Als das FIFF 1984 gegründet wurde, warst Du, Joseph, als Vertreter der kurz zuvor entstandenen amerikanischen Schwesterorganisation CPSR (Computer Professionals for Social Responsibility) mit dabei, um von eurer Arbeit zu berichten und - wie Helga Genrich 1994 in Ihrem Rückblick auf 10 Jahre FIFF beschrieb - uns zu ermutigen, unseren eigenen Weg zu gehen. Die Wurzeln von FIFF und CPSR reichen beide zurück in den Anfang der 80er Jahre, als in Zusammenhang mit dem weltweiten Wettrüsten - in Deutschland insbesondere in Zusammenhang mit der sogenannten Nachrüstungsdebatte - zunehmend Fachvertreter begannen, sich kritisch mit der Rolle der Informatik im Rüstungswettlauf zu beschäftigen.

Du, Joseph, warst einer der ersten, die die Verquickung von Rüstung und Informatik zu einer öffentlichen Auseinandersetzung führten, u.a. als Mitbegründer der "Computer Professionals Against the ABM", einer Initiative gegen Anti-Ballistic-Missile-Systeme. Als in den 80er Jahren die Kritik an SDI laut wurde, warst Du einer der Protagonisten dieser Kritik. Zur Gründung des FIFF hast Du die damals hierzulande nur schwer zugänglichen Strategiepapiere des Pentagons mitgebracht.

Das FIFF ist eine berufsbezogene Friedensinitiative, aber es ist auch mehr: Es ist heute in vielen Bereichen (Datenschutz, Sicherheitsinfrastrukturen, Computer und Arbeit, Computer und Bildung - um nur einige zu nennen) aktiv und initiativ, wird vielfach um Gutachten und Expertisen gebeten und tritt regelmäßig selbst mit Warnungen und Forderungen an Öffentlichkeit und Fachwelt heran. Die Tagungen des FIFF und auch unsere Zeitschrift, die derzeit einzige deutsche Fachzeitschrift zu "Informatik und Gesellschaft", geben ein gutes Bild von dieser Breite.

Immer wieder geht es dabei um die Frage, ob etwas getan werden "sollte": Nicht die Faszination der technischen Machbarkeit steht im Mittelpunkt, sondern Verantwortung und Verantwortbarkeit werden thematisiert. Deine Auseinandersetzung mit ethischen Fragen des Computereinsatzes und der Technikentwicklung regte - wie ich aus eigener Anschauung, aber auch von anderen FIFFerlingen weiß - viele Menschen innerhalb und außerhalb der Informatik an, sich selbst mit solchen Themen zu beschäftigen, ihre eigene Verantwortung zu Kenntnis zu nehmen und sich ihr zu stellen.

"Was alle angeht, können nur alle lösen", schrieb Friedrich Dürrenmatt zu seinem Stück "Die Physiker", und: "Jeder Versuch, eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern". Anders als der Physiker Möbius, den Dürrenmatt sich - vergeblich - vor der Welt verstecken läßt, hast Du den Schritt in die Öffentlichkeit getan. Seit vielen Jahren trägst Du Deine Kritik und Deine Bedenken an die Öffentlichkeit und suchst die Diskussion. In "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" hast Du 1976 geschrieben, es sei eine wichtige Aufgabe jedes Informatikers über die Beschränkungen seines Werkzeugs ebenso zu sprechen, wie über seine Möglichkeiten. Du selbst tust das inzwischen seit Jahrzehnten zu vielen Gelegenheiten und fesselst dabei - wie im letzten November bei Deinem Vortrag auf der FIFF-Jahrestagung in Paderborn - immer wieder Deine Zuhörerinnen und Zuhörer durch Deine Lebenserfahrung, Dein breites Wissen, Deine Provokationen und vor allem durch Deine gleichermaßen pointierte und erzählende Sprechweise. Mit Deinen Analogien, Beispielen, Anekdoten und Metaphern hälst Du der Welt einen Spiegel vor. Kurt Tucholsky sagte einmal: "Charakteristisch für einen Menschen ist, was ihm selbstverständlich ist" - Du hinterfragst Selbstverständlichkeiten, hinter denen wir uns allzu gerne verstecken und an die wir oft auch glauben.

"Ohne Frage hat die Einführung des Computers in unsere bereits hochtechnisierte Gesellschaft (...) lediglich die früheren Zwänge verstärkt und erweitert, die den Menschen zu einer immer rationalistischeren Auffassung seiner Gesellschaft und zu einem immer mechanistischeren Bild von sich selbst getrieben haben."

Dieses Zitat aus "Computer Power and Human Reason" zeigt, daß Deine Kritik nicht nur vordergründig greift, sondern tiefer geht. Und das ist auch Deine Absicht. Bei Deinem ersten Vortrag in diesem Semester als Gastprofessor in Bremen hast Du betont: "Ich bin kein Computerkritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker". Dein Eintreten für eine bessere, humanere Gesellschaft vertrittst Du durchgängig, es ist eine Position, unbequem, mit Ecken und Kanten und doch von Einfachheit und Klarheit geprägt.

Mit dem heuten vom FIFF vergebenen Preis möchten wir Dir dafür unseren Dank sagen. Dieses kantige Objekt, in welches Dein Name, das heutige Datum und das Enblem des FIFF eingraviert wurden, zeigt im richtigen Licht eine Vielzahl von Facetten und Spiegelungen, ohne seine Haupteigenschaft, die gläserne Klarheit und Transparenz zu verdecken. Im Namen des FIFF darf ich Dir hiermit diesen Preis für Deine Verdienste und Deinen Einsatz für Verantwortung in der Informatik überreichen.

PreisübergabeFoto: Eva-Maria Kulke (alle Rechte vorbehalten)

>>> Meldung aus dem Weser-Kurier vom 15.1.1998


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Letzte Änderung: 08.12.1998