FIfF-Kommunikation


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FIfF-LogoKommunikation 1/2000

Kritisch studieren ... und dann?

Schwerpunktredaktion: Eva Hornecker (Bremen) & Peter Bittner (Darmstadt)


Editorial

Titelgrafik FIfF-Kommunikation 1/2000 Können wir das, was wir innerhalb des FIfF diskutieren, in die alltägliche Berufspraxis umsetzen? Wie können wir den Überzeugungen, die wir haben, mit unserem beruflichen Handeln gerecht werden? Welche Möglichkeiten haben wir im Beruf, sozial verantwortungsvoll zu handeln? Und welche Möglichkeiten haben Lehrende, ihre Studierenden für Fragen um das gesellschaftliche und kulturelle Eingebundensein unseres technischen Handelns zu sensibilisieren und gleichzeitig auf eine "kritische" Berufspraxis vorzubereiten? Dies sollen die Fragen sein, mit denen wir uns in diesem Schwerpunkt auseinandersetzen.

Am Anfang der Arbeit an diesem Schwerpunkt stand eine E-Mail-Umfrage im vergangenen Februar. Einige werden sich vielleicht daran erinnern. Was hatte uns damals dazu inspiriert? Die eigene Erfahrung als ArbeitnehmerIn in der Industrie; die Berichte von Freunden über Interessenkonflikte und Dilemmata; die eigene Ratlosigkeit und die spürbare vieler anderer; das zynische Verhalten einiger Leute, die sich früher mit "Informatik und Gesellschaft" (IuG) befaßt haben oder politisch motiviert waren; die Fragen derjenigen, die noch studieren. Schließlich die Frage an uns selbst, wozu wir uns im Bereich IuG in der Lehre engagieren; was wir dabei vermitteln wollen und was wir uns davon für die Praxis erhoffen; das Gefühl, daß es eine Lücke zwischen den Erkenntnissen über "Informatik und Gesellschaft" und dem Berufsalltag, dem was wir tun und bewirken, gibt.

Kurz gesagt: es geht um das Verhältnis von Theorie und Praxis des informatischen Tuns.

Daß es zu diesen Fragen nur in Ansätzen Antworten gibt, bedeutet nicht, daß wir ihnen ausweichen dürfen. Im Gegenteil: im Laufe der Arbeit an der Umfrage und am Schwerpunktheft kristallisierte sich für uns heraus, daß eines der Hauptprobleme die große Kluft zwischen IuG im Studium und dem Berufsalltag ist. Wir haben es mit einer doppelten Differenz zu tun: zur Übersetzungs"lücke" zwischen Studium und Beruf kommt die zwischen Kerninformatik und IuG-Fächern hinzu. Bisherige Arbeiten bleiben zu oft abstrakt oder haben einen allgemeinen Impetus; die Umsetzung der Erkenntnisse wird wenig thematisiert und noch seltener geübt. Ein überhöhter Anspruch an uns selbst - forciert durch abstrakte Maßstäbe, oder die Orientierung allein an den wenigen bekannten KritikerInnen der Informatik, die als Maßstab für die meisten unerreichbar bleiben - kann blind machen für die Möglichkeiten im Kleinen.

Die Auswertung der Umfrage und die Beiträge der AutorInnen zeigen uns viele Facetten "sozialer Verantwortung" auf. Sie berichten, häufig anekdotisch, von Interessenkonflikten, von Schwierigkeiten und Hindernissen und weisen auf Möglichkeiten hin, im Beruf den "kritischen Blick" nicht zu verlieren.

Frieder Nake öffnet für uns den Blick auf das, was "Informatik kritisch studieren" bedeuten könnte: sicherlich die differenzierte Betrachtung "der" Informatik vor dem Hintergrund der politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen. An zwei Beispielen, die "Praxisbezug" und "gesellschaftliche Relevanz" thematisieren, zeigt er auf, "wie man das anstellt mit der Kritik im Studium und was dabei herauskommen soll."

Ausgehend von Überlegungen zur Funktion (und Möglichkeit) von Kritik in unserer Gesellschaft untersucht Peter Schuck das Studium der Informatik in bezug auf seine gesellschaftliche Aufgabe und mögliche "Orte" der Kritik. Von dort aus schlägt er den Bogen zu seiner eigenen Tätigkeit und wieder zurück zur Ausgangsfrage: Weshalb ist Kritik heute noch wichtig?

Seine didaktischen Überlegungen zu einem praxisorientierten Studium "Informatik und Gesellschaft" (PoStInG) orientiert Detlev Krause am Umgang mit dem (manchmal etwas selbstgerechten) Habitus der Informatik-Studierenden, der in der Informatik liegenden Ambivalenz und der unablässigen Neubestimmung von Ort und Inhalt der Kritik. Er stellt hierzu sein in Tübingen erprobtes Seminarkonzept zur Diskussion.

Bedenklich stimmt Arno Rolf, daß der "Internet-Hype" die Orientierungen und das Engagement der Informatik-Studierenden in relativ kurzer Zeit auffällig verändert hat. Hektisch-selbstbewußte Studierende - wissend um ihren Marktwert - prägen das Bild. In den neuen Lebensentwürfen sinkt das Interesse, sich mit den gesellschaftlichen Aspekten der Informationstechnik auseinanderzusetzen, deutlich. Er fragt, ob diese Entwicklung für die Studierenden und unseren Weg in die vielzitierte "Wissensgesellschaft" wirklich trägt.

Dagmar Boedicker und Hubert Biskup fragen danach, wie Verantwortung in die Tat umgesetzt werden kann. Dabei behandeln sie - unterlegt mit vielen Beispielen aus ihrer beruflichen Praxis - die verschiedensten beruflichen Situationen und Aspekte sozialer Verantwortung: u.a. in der Organisation des eigenen Arbeitsumfeldes, im Prozeß der Software-Entwicklung selbst, in bezug auf die späteren Einsatzbereiche der Informatik-Systeme. Dabei geht es ihnen um die Kritikfähigkeit im Kleinen wie im Großen.

Zwei Ansätze, kritisches Bewußtsein und Handeln im Beruf zu realisieren, stellt uns Karl Käseknecht (Name von der Schwerpunktredaktion geändert) vor. Ausgehend von seinem Verständnis kritischen Studierens schildert er seinen ganz eigenen Weg bei der Berufswahl und den ersten Jahren seiner beruflichen Praxis. Dabei werden wir Möglichkeiten der Umsetzung von Inhalten kritischen Studierens begegnen: in der selbständigen Tätigkeit im Bereich der IT-Beratung und Schulung, in der Arbeit als freier Mitarbeiter für einen Internet-Service Provider sowie bei der Festanstellung als IT-Sicherheitsbeauftragter.

Der Beitrag von Ute Twisselmann erläutert an Beispielen, daß den Beteiligten bei der Einführung/Entwicklung eines Informatik-Systems selten bewußt ist, wie weitreichend dessen Einfluß auf Arbeitsprozesse ist. In ihrer Analyse zeigt sie strukturelle und Kommunikationsdefizite im Software-Entwicklungsprozess auf und entwickelt daraus Forderungen an die Ausbildung von InformatikerInnen.

In Auseinandersetzung mit den ethischen Leitlinien der GI plädiert Michael Kreutzer für einen individualethischen Ansatz. Er fragt nach Handlungsmöglichkeiten für BerufspraktikerInnen, vor allem in Konfliktsituationen zwischen Treuepflicht gegenüber Vorgesetzten und der grundgesetzlich garantierten Gewissensfreiheit.

Den Abschluß des Schwerpunktes bildet die Darstellung der "Ergebnisse" der E-Mail-Umfrage, die wir im Februar 1999 durchgeführt haben. Die Antworten auf die dort gestellten Fragen nach dem kritischen Verhältnis zur Informatik - vor allem beim Übergang vom Studium ins Berufsleben -, nach den Möglichkeiten (und Begrenzungen) "sozial verantwortungsvollen" Handelns im Beruf, decken ein breites Spektrum ab und haben viele neue Fragen aufgeworfen.

Wir wünschen allen LeserInnen eine anregende Lektüre und uns, daß die angestoßene Diskussion in größerer Breite weitergeführt wird.

Eva Hornecker und Peter Bittner


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Letzte Änderung: 02.07.2000

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