Diskussionsveranstaltung zum Krieg in Jugoslawien

"High-Tech-Krieg und die Verantwortung von InformatikerInnen"

mit Eckart Spoo, Leonie Dreschler-Fischer, Karl-Heinz Rödiger, Frieder Nake und Hans-Jörg Kreowski


's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

- doch das allein reicht nicht. Angesichts des Krieges in Jugoslawien und damit einhergehender Unsicherheiten organisierte die FIfF-Regionalgruppe Bremen im Juli 1999 gemeinsam mit Bremer GI-Untergliederungen und dem Studiengang Informatik der Universität Bremen eine Diskussionsveranstaltung "High-Tech-Krieg und die Verantwortung von InformatikerInnen". Ausgehend von Einführungs- und Positionsbeiträgen eingeladener ReferentInnen sollten drei Themenbereiche zur Sprache kommen:

"Alle Kriege beginnen mit Lügen"

Zur Einführung in den ersten Block berichtete der Journalist Eckart Spoo aus erster Hand von seinen Eindrücken aus Jugoslawien und dem Kosovo (vgl. Becker & Spoo 1999). Drastisch und provokant trug er seine relativ vernichtende Beurteilung der hiesigen Medienberichterstattung vor und regte damit kontroverse Diskussionsbeiträge an. Seiner Ansicht nach entsprechen die Greuelberichte, mit denen der Krieg gerechtfertigt wurde, ebensowenig den Tatsachen wie die Vorstellung, daß durch den Krieg Ordnung und Menschenrechte durchgesetzt würden. Manipulativ sei schon die Benennung "Kosovo-Krieg", da der Krieg als Krieg gegen ganz Jugoslawien geführt wurde. Anschließend faßte Spoo einige Regeln zusammen, wie die Öffentlichkeit über Konflikte in der Welt informiert werden sollte (vgl. Spoo 1997).

"Informationssysteme sind nicht neutral"

Leonie Dreschler-Fischer, Hochschullehrerin für Informatik an der Universität Hamburg, berichtete über vergangene und gegenwärtige Projekte mit dem Ziel, Informationstechnik zur Unterstützung des Friedens einzusetzen. Eindrücklich wurden in diesem persönlich gehaltenen Bericht sowohl technische Grenzen als auch die "Dual-Use"-Problematik der Informatik deutlich. Man sei nicht gefeit davor, daß friedensbezogene Anwendungsforschung vom Militär adaptiert werde. Der Bremer Informatik-Hochschullehrer Karl-Heinz Rödiger, maßgeblich an der Formulierung der Ethischen Leitlinien der GI beteiligt und derzeit Sprecher des FB8 der GI betonte, daß die Informatik mit fast jeder Entwicklung in Wertkonflikte gerate. Informatiker sollten in der Lage sein, zu beschreiben, was man mit einem System machen kann, nicht machen kann, nicht tun sollte usw.

"Wo ist die neue Friedensbewegung?"

Deutlich wurde in der Veranstaltung, daß eine rein moralische Diskussion ebenso wenig weiterhilft, wie eine rein technische Diskussion. Eine politische Diskussion des Themas mahnte das ehemalige FIfF-Vorstandmitglied Hans-Jörg Kreowski, Hochschullehrer für Theoretische Informatik in Bremen, an, der sich in seinem Kurzbeitrag u.a. mit dem propagandistisch genutzten Bild des High-Tech-Präzisionskrieges als saubere, humanitäre Hilfsmaßnahme auseinandersetzte. Frieder Nake, ebenfalls Informatik-Hochschullehrer in Bremen, forderte in seinen Thesen ebenfalls zu einer über technische Aspekte hinausgehenden Auseinandersetzung auf. Ohne die direkte Verantwortung einzelner InformatikerInnen für ihre Entwicklungen zu relativieren, betonte er die Notwendigkeit grundsätzlicher Veränderungen in der Gesellschaft in Richtung einer radikalen Demokratie: "InformatikerInnen können sich an die Spitze der Bewegung für radikale Demokratie stellen. Als Einzelne. In Gruppen, Regionen und Standesorganisationen. Sollten wir das nicht tun?"

"Visionen sind gefragt"

Die für die Veranstalter unerwartet hohe Teilnehmerzahl und die phasenweise kontroverse Diskussion machte eines besonders deutlich: Es ist notwendig, die Unsicherheiten und die Sprachlosigkeit angesichts der neuen Kriege schnellstens zu überwinden. Die alten Denkschemata müssen durchbrochen werden, Visionen sind gefragt. Taten übrigens auch: Frieder Nake wies darauf hin, daß man mit einer Spende von DM 250,- (oder mehr) beim Komitee für Grundrechte und Demokratie einem Kind in Jugoslawien zu einem Ferienaufenthalt verhelfen kann (Volksbank Odenwald, BLZ 508 635 13, Kto.-Nr. 8 024 618).


Becker, R.; Spoo, E. (1999): Dialog von unten statt Bomben von oben. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen den Krieg. Tagesberichte aus Jugoslawien, 24. bis 28. Mai 1999.
Spoo, E. (1997): Wie soll die Öffentlichkeit über Konflikte in der Welt informiert werden? In: Calließ, J.: "Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit", Loccumer Protokolle 69/95, S.131ff.


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Letzte Änderung: 17.05.2000